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Pinneberger Tageblatt

06. Dezember 2016 | 22:58 Uhr

„Die Vereine sind nur Bittsteller“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Interview Hinrich Krodel, Vorsitzender SuS Waldenau, kritisiert die Zustände in Pinneberg heftig / Er vermisst einen Plan für den Sport

Immer mehr Bürokratie, fehlende Dialogbereitschaft, miserabler Zustand der Sportstätten – Hinrich Krodel, Vorsitzender des SuS Waldenau, zeigt die Missstände auf, unter denen der Sport in Pinneberg leidet. Im Interview mit dieser Zeitung fordert er vor allem von der Pinneberger Politik und den übergeordneten Verbänden ein grundlegendes Umdenken.

Frage: Was stellt die Vereine vor besondere Herausforderungen?
Hinrich Krodel: Wir haben mit immer mehr Bürokratie zu kämpfen und werden mit Formularen überschüttet. Früher gab es in Pinneberg beispielsweise den „Runden Tisch Sport“, bei dem die Hallennutzungszeiten verteilt wurden. Heute muss alles schriftlich eingereicht werden. Die Bürokratie erstickt die Vereine. Was wir für Listen ausfüllen müssen, um Fördermittel zu beantragen, ist unvorstellbar. Das ist für kleinere Vereine kaum noch zu bewältigen. Besonders skandalös sind die übergeordneten Verbände. Sie propagieren, dass jedes Kind Sport treiben soll und produzieren in den Medien nett klingende Überschriften, kassieren aber schamlos die Vereine ab. An erster Stelle steht dabei der Hamburger Fußball-Verband.

Inwiefern?
Der Strafkatalog ist eine Unverschämtheit. Es gibt nichts, wofür Vereine nicht bezahlen müssen. So muss beispielsweise für jede gemeldete Mannschaft ein Schiedsrichter gestellt werden. Das kann ein Großteil der Vereine nicht leisten. Pro nicht gepfiffenem Spiel fallen 25 Euro Strafe an. Vor kurzem wurden uns bei einer Verhandlung noch einmal 500 Euro aufgebrummt, weil wir es nicht innerhalb eines Jahres geschafft haben, genügend Unparteiische zu rekrutieren. Dazu kommt die Drohung, dass weitere Strafen folgen. Keine Gespräche, dafür immer der erhobene Zeigefinger. Warum gibt es keinen Pool, in den alle einzahlen? Es gibt viele größere Vereine, die mehr Schiris haben, als sie stellen müssen. Diese könnten dafür Gelder von denen bekommen, die zu wenig Schiedsrichter haben. Besonders bitter ist, dass wir die Strafen über Mitgliedsbeiträge wieder reinholen müssen.

Welche Probleme gibt es sonst noch?
Uns belasten die vielen Sperrungen der Sportstätten. So haben wir vor kurzem eine Mitteilung erhalten, dass eine Sporthalle während der Sommerferien drei Wochen wegen Reinigungsarbeiten gesperrt wird. Da stellt sich die Frage, ob die Stadt nicht in der Lage ist, den Reinigungsdienst so zu organisieren, dass man weiß, an welchen Tagen gearbeitet wird. Dann wäre die Halle nur wenige Tage zu. Es ist auch schon passiert, dass eine Halle mehrere Wochen dicht war und gar keine Reinigung erfolgte. Die Firma konnte den Auftrag personell nicht stemmen. Auch im Schwimmbad hätten wir gern mehr Hallenzeiten. Das wird abgelehnt, weil für die Öffentlichkeit ein ausreichendes Angebot vorgehalten werden muss. Dabei hätte die Stadt sogar sichere Einnahmen, wenn wir Bahnen mieten.

Wie ist der Zustand der Sportstätten?
Aufgrund des Sanierungs- staus stehen die Sportstätten nicht mehr in vollem Umfang zur Verfügung. Deswegen müssen sogar publikumswirksame Veranstaltungen ausfallen, weil die Stadt die Reparaturen nicht bezahlen kann. Wir haben in Waldenau noch Glück, weil unsere Hallen nicht so häufig genutzt werden wie die im Zentrum. Ich bin dankbar dafür, dass Trainer und Sportler darauf achten, dass immer alles in Ordnung ist. Die Vereine nehmen längst sehr viel selbst in die Hand, weil einige Sportstätten sonst wahrscheinlich gar nicht mehr genutzt werden könnten. Ärgerlich ist nur, dass es auch noch mit bürokratischem Aufwand verbunden ist, wenn wir die Stadt entlasten.

Warum braucht Pinneberg einen Sportentwicklungsplan?
Ein solcher Plan zeigt auf, wie wir uns in Zukunft positionieren. Wenn wir keine Ahnung haben, was für Sportstätten da sind und wann und ob diese unterhalten werden können, wissen die Vereine doch gar nicht, welche Angebote sie vorhalten können. Sollen wir denn auf Verdacht Verträge mit Übungsleitern abschließen und sie bezahlen, obwohl keine Gewissheit da ist, ob wir überhaupt Kurse durchführen können? Zustand und Anzahl der Sportstätten, Reparaturbedarf, das sportliche Angebot, Bestandsaufnahme der vorhandenen Sportgeräte, Nutzer, Bereiche, in denen investiert werden muss – alles gehört in den Plan rein. Eine solche Übersicht wäre für uns ein enorm wichtiges Instrument. Auch Verwaltung und Politik könnten besser planen.

Wie ist die Kooperation mit der Stadt?
Das Trauerspiel mit der endlosen Debatte um den Bau eines Kunstrasenplatzes für den VfL Pinneberg zeigt die Defizite auf. Ich würde mir wünschen, dass die Stadt auf die Vereine zugeht und gemeinsam nach Lösungen gesucht wird. Ein solcher Dialog findet aber nicht statt. Vor allem von der Politik bin ich enttäuscht. Die Zusammenarbeit mit der Verwaltung klappt eigentlich gut. Allerdings kann ich auch nicht alles nachvollziehen, was aus dem Rathaus kommt. Dass vor der Ausrichtung einer Cornhole-Landesmeisterschaft mehrseitige Formulare und ein umfangreicher Maßnahmenkatalog abzuarbeiten sind, ist nicht nachzuvollziehen. Dass einer der Punkte eine sorgfältige Reinigung der Halle fordert, obwohl die Stadt diese städtischen Anlagen wenig bis gar nicht pflegt, ist geradezu absurd. Zumal die Sportanlagen in einem noch schlimmeren Zustand wären, wenn die Vereine inzwischen nicht stillschweigend fast alles selbst übernehmen würden. Die Sportvereine werden ja demnächst zu einem „Runden Tisch“ einladen. Ich hoffe, dass dann endlich wieder ein Dialog erfolgt. Der derzeitige Zustand ist unhaltbar.
Ist Pinneberg noch eine Sportstadt?
In den vergangenen 20 Jahren ist es immer schlechter geworden. Ohne die Vereine wäre Pinneberg längst keine Sportstadt mehr. Die Aktivitäten, die sie initiieren, bringen positive Schlagzeilen. Die Politik tut nichts. Es gibt einen Ausschuss für Kultur, Sport und Jugend. Ich frage mich, was dieser Ausschuss für den Sport leistet. Im Rathaus macht niemand mehr als er muss, weil die Angst herrscht, negativ aufzufallen. Mir hat mal jemand erklärt, dass momentan nicht mal eine Schraube gekauft wird, weil man Sorge hat, dafür gerügt zu werden. Jeder sichert sich ab und es werden immer neue Formulare entworfen. Das geht zu Lasten der Vereine. Das zeigt sich bei den Geldern, die wir abführen. Wenn wir städtische Anlagen nutzen, müssen wir zehn Prozent der Einnahmen abführen. Jahrelang haben wir per Brief detailliert unsere Einnahmen aufgezeigt. Neuerdings reicht das nicht mehr aus. Es wird uns praktisch unterstellt, dass die Summen, die wir aufführen, getürkt sind. Unter einer Zusammenarbeit stelle ich mir etwas anderes vor. Der Sport ist nur Bittsteller, kein Partner.

Welche Rolle spielt die finanzielle Misere der Stadt?
Die Stadt tut nichts, weil ihr die finanziellen Ressourcen fehlen. Bei allem Verständnis dafür, dass Pinneberg unter dem Rettungsschirm des Landes steht und sparen muss: Das darf keine Dauerausrede für die eigene Untätigkeit sein. Der Rettungsschirm kann doch nicht bedeuten, dass alles heruntergewirtschaftet wird. Eigentum verpflichtet. Wenn ich etwas besitze, muss ich es pflegen. Das gilt auch für städtische Anlagen. Das passiert aber nicht. Ein Problem ist zudem, dass die Anforderungen an die Vereine steigen. Wir stehen in der Konkurrenz zu professionellen Anbietern. Wie sollen wir da ohne vernünftige Sportstätten bestehen?

Bringt das Ehrenamt so noch Spaß?
Es gehört viel Idealismus und Leidensfähigkeit dazu. Es ist jedenfalls schwierig, unter solchen Bedingungen ehrenamtliche Helfer zu finden. Die Arbeit als Vorsitzender ist ein unbezahlter Vollzeitjob. Deshalb führt beim SuS Waldenau auf Dauer kein Weg an einer Anpassung der Strukturen vorbei. Wir werden wohl zumindest halbtags einen Geschäftsführer beschäftigen müssen.


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