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Pinneberger Tageblatt

10. Dezember 2016 | 13:43 Uhr

„Das Höchste für einen Athleten“ : Die Olympischen Sommerspiele starten - einst war auch ein Pinneberger mit dabei

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Stabhochspringer Claus Schiprowski aus Pinneberg gewann 1968 Silber. Im Interview spricht er über den Reiz der Spiele.

Pinneberg | Claus Schiprowski hat 1968 bei den Olympischen Spielen in Mexiko die Silbermedaille im Stabhochsprung gewonnen. Schiprowski wohnt in Pinneberg und ist der einzige Medaillengewinner aus der Leichtathletik, der im Kreis lebt. Im Interview mit dieser Zeitung erklärt er unter anderem, was Olympische Spiele so außergewöhnlich macht und nimmt Stellung zur Doping-Problematik.

Claus Schiprowski (73) hat zwei erwachsene Söhne und ist mit Traudchen Perrefort verheiratet, Fachbereichsleiterin bei der Stadt Pinneberg.  Der größte sportliche Erfolg des Stabhochspringers war bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexico City der Gewinn der Silbermedaille im Stabhochsprung. Sein Trainer war Willi Holdorf, 1964 Olympiasieger im Zehnkampf.

Was macht den Reiz der Olympischen Spiele aus?
Ich finde es wichtig, dass die Spiele nur alle vier Jahre stattfinden. Das trägt dazu bei, dass Olympia bei den Sportlern einen so hohen Stellenwert genießt und unvergleichlich ist. Jeder weiß, dass er in seinem Leben vermutlich höchstens zwei Mal teilnehmen kann. Olympia ist einfach etwas ganz Besonderes und nicht mit Welt- oder Europameisterschaften zu vergleichen. Die Spiele sind das Höchste für einen Athleten. Nirgendwo sonst kommen die besten Sportler aus allen Disziplinen an einem Ort zusammen. Weltstars sitzen im olympischen Dorf direkt am Nebentisch. Keiner hat Berührungsängste und es entstehen Freundschaften zu Sportlern, die man sonst gar nicht näher kennenlernen würde. Dazu gehörte bei mir zum Beispiel der Dressurreiter Reiner Klimke. Die so häufig zitierte olympische Familie gibt es wirklich.

Was zeichnet diese olympische Familie aus?
Jeder unterstützt den anderen. Mich haben bei meinem Wettkampf etliche Sportler aus anderen Disziplinen angefeuert. Am Tag nach meinem Medaillengewinn haben mich viele umarmt. Jeder hat sich mit mir gefreut. Die Kontakte beschränken sich aber nicht nur auf die Sportler aus dem eigenen Land. Auch mit den Athleten aus anderen Nationen bestand eine enge Verbundenheit. So habe ich mich zum Beispiel mit Wolfgang Nordwig aus der DDR immer sehr gut verstanden, obwohl die ostdeutschen Funktionäre nicht gerne sahen, dass wir uns unterhielten. Bei der Siegerehrung 1968 gab es übrigens eine Panne. Nordwig wurde als Silbermedaillengewinner ausgerufen, obwohl er nur Dritter war. Er holte sich Silber ab und erst danach wurde der Irrtum korrigiert. Als ich ihn fragte, wieso er die falsche Medaille annahm, meinte er: „Man kann’s ja mal probieren.“

Sind die Spiele aus Ihrer Zeit noch mit dem heutigen Olympia zu vergleichen?
Für die Sportler selbst auf jeden Fall. Das Reglement gilt wie früher immer noch für alle. Jeder Sportler hat die gleichen Bedingungen und es gibt nicht wie bei größeren Sportfesten Ausnahmeregelungen für die Superstars. Sponsoren gab es auch schon zu früheren Zeiten. Dazu wurden wir von der Sporthilfe unterstützt. Heute kann man mit dem Sport allerdings wesentlich mehr Geld verdienen. Ich habe mal in den 70-ern Fritz Walter bei einer Autogrammstunde getroffen. Der meinte zu mir, dass er inzwischen mit dem Fußball Millionär werden könnte. Rein finanziell gesehen bin ich auch zur falschen Zeit gesprungen. Aber Spaß hatte ich trotz allem.

Wie beurteilen Sie die aktuelle Doping-Debatte?
Es ist einfach nur schlimm, was da passiert. Wenn ich bei den Leichtathletik-Europameisterschaften einen 39 Jahre alten Hammerwerfer sehe, der schon drei Mal wegen Dopings gesperrt war, kann ich nur mit dem Kopf schütteln. Warum wurde er nicht endgültig aus dem Verkehr gezogen? Da es sich auf Spitzenniveau fast ausschließlich um Berufssportler handelt, ist eine lebenslange Sperre rechtlich aber vermutlich nur schwer durchzusetzen, da das ein Berufsverbot wäre. Das Doping-Problem wird man nicht in den Griff bekommen. Wenn die Wissenschaft in der Lage ist, ein Mittel nachzuweisen, gibt es längst etwas Neues. In Deutschland wird streng kontrolliert. Deswegen werden fast alle unsere Athleten sauber sein. Das ist aber längst nicht überall gegeben. Derzeit steht vor allem Russland im Fokus. Es gibt aber noch genügend andere Länder, in denen es nicht besser aussieht.

Der Sportsommer geht in die nächste Runde. Nach der Fußball-EM stehen nun die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro auf dem Programm. Etwa 11000 Athleten aus 206 Ländern kämpfen vom 5. bis zum 21. August in 28 Sportarten um die Medaillen. Etwa 430 Sportler kommen aus Deutschland, darunter 28 aus Hamburg und mit Schwimmer Jacob Heidtmann vom Swim-Team Elmshorn einer aus dem Kreis Pinneberg, der über 400 Meter Lagen antritt.
Der Deutsche Olympische Sportbund hat als Ziel den Gewinn von 44 Medaillen ausgegeben. Genauso viele waren es 2012 in London (Elf Gold-, 19 Silber- und 14 Bronzemedaillen). Das reichte im Medaillenspiegel für Platz sechs. Erfolgreichste Nation waren die USA (103). Die Nationenwertung konnte Deutschland bisher nur 1936 bei den Spielen in Berlin gewinnen. Im ewigen Medaillenspiegel liegt Deutschland mit 923 Medaillen hinter den USA und Russland auf dem dritten Platz.

Besteht ohne Doping überhaupt noch eine Chance auf Medaillen?
Im Rollkunstlaufen bestimmt. In einigen Disziplinen aber sicherlich nicht. Deswegen sollten wir auch Athleten, die keine Medaillen holen, nicht immer kritisieren, sondern auch mal die Hintergründe betrachten und deren Leistungen würdigen.

Lohnt es sich, Leistungssportler zu werden?
Bei mir hat es sich auf alle Fälle gelohnt. Der Sport hat mein Leben bestimmt. Ich freue mich, dass selbst nach fast 50 Jahren Autogrammwünsche bei mir ankommen, meistens aus dem Ausland. Der Sport öffnet mir immer noch viele Türen. Das habe ich erst vor Kurzem vor einer Schulteroperation erfahren. Der Arzt hatte 1968 die Spiele vor Ort verfolgt und sprach über einen Stabhochspringer, mit dem niemand gerechnet hatte und der ganz überraschend Silber holte. Das war ich. Sportliche Erfolge machen zudem selbstbewusster und das hilft einem auch im Beruf. Ein Problem ist allerdings, dass alle von ehemaligen Spitzensportlern auch im Job sofort Topleistungen erwarten. Das kann nicht funktionieren, da sie sich in die neue Materie erst einarbeiten müssen. Eine Umstellung ist sicherlich auch, dass sich eine Leistung nicht mehr in Metern oder Sekunden messen lässt, sondern man plötzlich vom Urteil anderer abhängig ist.

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erstellt am 05.Aug.2016 | 10:00 Uhr

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