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Pinneberger Tageblatt

09. Dezember 2016 | 22:15 Uhr

Gewalt an Schulen : Die neuen Wege gegenzusteuern

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Die Statistik besagt - die Zahl der Straftaten nimmt ab. Für Experten ist das aber kein Zeichen zur Entwarnung, sondern für mehr Prävention.

Kreis Pinneberg | Raufereien auf den Schulhöfen hat es schon immer gegeben. Da ist sich Dirk Janssen, Schulrat des Kreises Pinneberg, sicher. Und er ist auch jemand der klar sagt: „Dieses Gerede über eine permanent steigende Gewalt an Schulen: Ich bin der festen Überzeugung, dass das schlicht und einfach nicht stimmt.“ Die Statistik hat Janssen dabei hinter sich: Im Kreis Pinneberg ist die Zahl der erfassten Gewalttaten in den vergangenen Jahren stetig zurückgegangen. Aber die Wege, über die Gewalt und Druck ausgeübt werden, ändern sich.

Dirk Janssen

Dirk Janssen

„Eine Prügelei auf dem Schulhof ist ein beobachtbarer Prozess“, sagt Janssen. Wenn aber in sozialen Netzwerken im Internet Mitschüler bloßgestellt und beleidigt werden, geschehe dies außerhalb des Sichtfelds der Lehrer. Für die Arbeit an Schulen ergebe sich damit eine neue Herausforderung.

Der Schlüssel zu einem erfolgreichen Umgang mit Gewalt an Schulen, liege in Prävention und Kooperation. In vorbeugenden Maßnahmen – die also verhindern sollen, das psychische und physische Gewalt überhaupt erst entsteht – sieht Janssen „den einzigen Ansatz, der Erfolg verspricht“. Denn: „Die Kinder, die an die Schule kommen, kommen mit vielen Problemen zu uns. Sie sind oft sehr verunsichert.“

Immer mehr Kinder hätten zum Beispiel nicht gelernt in Gruppen zu kommunizieren oder Konflikte zu lösen. Oftmals liege dies darin, dass immer weniger aus intakten größeren Familien kommen.

Es ist eine Entwicklung, die auch Silvia Stolze vom Team Prävention und Jugendarbeit der Kreisverwaltung, beobachtet. Der Kreis Pinneberg habe aber früh reagiert und sich auf diese Entwicklung eingestellt: „Wir haben hier ein gutes Netzwerk aufgebaut“, sagt Stolze und verweist auf das 2008 entwickelte Präventionskonzept des Kreises.

Silvia Stolze

Silvia Stolze

Jede Schule der Region habe inzwischen einen Präventionskoordinator, als Ansprechpartner für die Lehrer. Außerdem arbeitet der Kreis mit drei freien Trägern zusammen: dem Wendepunkt Elmshorn, dem Verein für Jugendhilfe und Soziales Pinneberg und der AWO Schleswig-Holstein. Hier werden Fortbildungen für Lehrer angeboten und für die Schüler gibt es Angebote um die Lebens- und Sozialkompetenz zu stärken. Also genau das, was aus Sicht der Experten immer mehr Kindern fehle.

Aber trotz aller Präventionsarbeit lassen sich auch Kreis Pinneberg Gewalttaten nicht komplett verhindern. Dann kann – und manchmal muss – die Schule mit Strafanzeigen oder einem Schulverweis reagieren. Unter anderem nach diesen klaren Grenzverletzungen kommt Carsten Wegner, Präventionslehrer bei der Polizeidirektion Bad Segeberg, in den Klassenraum: „Präventive Arbeit ist der größte Teil. Aber wir sind auch bei konkreten Vorfällen in den Schulen vor Ort und unterstützen.“ Vor allem bei Beleidigungen und Mobbing im Internet ist auch der erfahrene Polizist manches Mal entsetzt: „Manche Schüler machen sich gar keine Gedanken mehr darum, was sie sagen.“ Und: „Da wird gemobbt ohne Ende – ohne Rücksicht auf Verluste.“

Umso wichtiger sei für manche Schüler, dass ab einem gewissen Punkt ein Mensch in Uniform vor ihnen steht und deutlich macht, dass ihr Handeln nicht nur moralisch verwerflich ist. Sondern dass es mit einem Polizeieinsatz enden kann: „Wir zeigen den Schülern auf, dass es illegal ist, was sie tun, und dass man dafür bestraft werden kann.“ Denn offenbar wissen einige Kinder nicht, dass Beleidigung im Strafgesetzbuch steht.

Unter dem Motto „#No Mobbing – Wie begegnest du Mobbing“ ruft der Kreis Pinneberg gemeinsam mit seinen Kooperationspartnern im Bereich der Gewaltprävention junge Menschen zur Teilnahme an einem Wettbewerb auf. Schüler aus weiterführenden Schulen – ab Klasse fünf – können bis zum 7. November Kurzfilme, Lieder, Theaterstücke, Sketche, Textbeiträge oder Bildergeschichten einreichen. Die besten Beiträge werden am 1. Dezember von 14 bis 17 Uhr in der Pinneberger Kreisverwaltung in Elmshorn präsentiert und ausgezeichnet. Die detaillierten Teilnahmebedingungen finden sich im Internet auf der Homepage des Kreises Pinneberg.

Beim Blick auf die Polizeiliche Kriminalstatistik zur Gewalt an Schulen ergibt sich aus Sicht des Kreises Pinneberg eine gute und eine schlechte Nachricht: Zum einen ist die Zahl der erfassten Gewalttaten seit 2009 fast kontinuierlich gesunken. Und das von 121 Taten auf 68. Die schlechte Nachricht aber ist, dass in keinem anderen Landkreis Schleswig-Holsteins so viele Gewalttaten  auftreten, wie im Kreis Pinneberg. Einzig in der Stadt Lübeck gab es im Jahr 2015 mit 79 Fällen für die Polizei an den Schulen mehr zu tun.

Allerdings ist bei dieser Statistik zu beachten, dass es sich um die reinen Fallzahlen handelt. Folglich überrascht es wenig, dass der bevölkerungsstärkste Kreis Pinneberg auch die meisten Fälle aufweist.

 

Welche Delikte sich hinter den Zahlen verbergen hat die Polizei nicht für die einzelnen Landkreise aufgeschlüsselt, es gibt nur Angaben für Gesamt-Schleswig-Holstein. Von den 631 Taten im vergangenen Jahr handelt es sich bei dem überwiegenden Teil um vorsätzliche einfache Körperverletzung (445 Delikte). Darauf folgen gefährliche und schwere – zum Beispiel mit Waffen erfolgte – Körperverletzungen (97). Außerdem gab es 81 Fälle von Bedrohung oder Nötigung und acht Raubdelikte. Sexualdelikte gab es an Schleswig-Holsteins Schulen im vergangenen Jahr keine.

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erstellt am 13.Okt.2016 | 10:00 Uhr

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