zur Navigation springen

Pinneberger Tageblatt

02. Dezember 2016 | 19:08 Uhr

„Die größte Barriere ist im Kopf“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Inklusion Der Kreis-Behindertenbeauftragte fordert für die 51 000 Betroffenen im Kreisgebiet Amtskollegen in allen Gemeinden

Die Arztpraxis ohne Fahrstuhl im ersten Stock, der hohe Kantstein an der Bushaltestelle, die Fernsehsendung ohne Untertitel, die fehlende Blindenschrift in der Straßenkarte: Das alles sind Barrieren, die Menschen mit Behinderung den Alltag erschweren. „Es gibt viele Dinge, die man verändern könnte und Menschen mit Behinderung würden nicht mehr behindert werden“, sagt Axel Vogt, Behindertenbeauftragter des Kreises Pinneberg. Vogt, seit zwei Jahren ehrenamtlich im Einsatz, fordert nun Behindertenbeauftragte auf kommunaler Ebene im ganzen Kreisgebiet. Bisher gibt es dieses Ehrenamt in Elmshorn, Uetersen und Barmstedt. Zu wenig, so der 57-Jährige. Denn: Die Beteiligten bräuchten einen Ansprechpartner vor Ort. Etwa 51  000 Menschen im Kreis Pinneberg haben eine Behinderung. Etwa 31  000 davon sind schwerbehindert. Trotzdem gibt es nur vier Rollstuhl-Taxen, viele zu hohe Kantsteine und zu wenig Fahrstühle. Mit kommunalen Beauftragten hätten die Betroffenen ein Sprachrohr und jemanden, der sich für ihre Belange einsetzt. Deswegen hat der Kreis-Behindertenbeauftragte diese Woche allen Bürgermeistern einen Brief geschrieben, in dem er seine Forderung erläutert.

Ähnlich wie Kinder- und Jugendbeiräte oder Seniorenbeiräte in den Ausschüssen könnte ein Behindertenbeauftragter oder auch ein Behindertenbeirat arbeiten. „Die Einzelheiten können die Kommunen für sich klären“, sagt Vogt.

Im Juni dieses Jahres hat die Bundesregierung die Neufassung des Aktionsplans zur Umsetzung der UN-Behinderenrechtskonvention verabschiedet. Zwischenzeitlich hatte die UN Deutschland einen „erheblichen Handlungsbedarf“ diagnostiziert. „Dabei wurde herausgestellt, dass auch das Versagen angemessener Vorkehrungen durch die öffentliche Verwaltung eine Behinderung und damit ein Verstoß gegen die Konvention darstellt“, betont Vogt.


Teilhabe auf allen Ebenen


Der Aktionsplan verfolgt das Ziel gleichberechtigte Teilhabe am politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben zu ermöglichen. Auch die schleswig-holsteinische Landesregierung wird – voraussichtlich Anfang 2017 – einen Aktionsplan verabschieden. Der Kreis Pinneberg beginnt noch dieses Jahr damit, einen Aktionsplan zu erarbeiten. Als „Paradigmenwechsel“ bezeichnet Vogt diesen Fortschritt.

Vogt geht es auch darum Bewusstsein für das Thema zu schaffen. „Früher wurden Menschen mit Behinderung einfach weggeschlossen. Sie waren gesellschaftsfern.“ Heute sei das anders. Behinderte könnten aber trotzdem an vielen Bereichen der Gesellschaft nicht teilhaben. Dabei sind aber nicht nur Bordsteinkanten Barrieren. Menschen mit psychischen Behinderungen bekommen laut Vogt kaum einen Mietvertrag. „Die größte Barriere ist in den Köpfen der Menschen“, sagt er.

zur Startseite

von
erstellt am 08.Okt.2016 | 16:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen