zur Navigation springen

Pinneberger Tageblatt

08. Dezember 2016 | 03:09 Uhr

Wedel : Die Bücherei wird zum Alpha-Point

vom
Aus der Redaktion des Wedel-Schulauer Tageblatts

Lernstation für Analphabeten und Migranten. Internetportale ermöglichen Unterricht in Deutsch, Englisch und Mathematik.

Wedel | Die Wedeler Stadtbücherei hat nun einen Alpha-Point. Hinter dem Kunstwort verbirgt sich eine Lernstation für Analphabeten. An dem Arbeitsplatz stehen Laptop und Tablet zur Verfügung, die für die Nutzung von zwei Lernplattformen im Internet reserviert sind: „ich-will-lernen.de“ und „ich-will-deutsch-lernen.de“ Gestern präsentierten Bücherei, Volkshochschule (VHS) und Stadtsparkasse die neue Station.

Wedel ist eine von landesweit 17 Büchereien, die mit dem Arbeitsplatz ausgestattet wurden. Im Kreis Pinneberg sind auch Elmshorn, Pinneberg und Tornesch mit dabei. Die Büchereien und der Landesverband der Volkshochschulen arbeiten in einem Netzwerk für die Kampagne „Lesen macht Leben leichter“ zusammen, mit dem Analphabeten und Migranten kostenlos digitaler Sprachunterricht angeboten werden soll.

Analphabetismus ist nicht nur ein Problem in Entwicklungs- und Schwellenländern. Das Problem in Deutschland ist: Es gibt keine Zahlen, die diesen Stand präzise und aktuell darstellen. Die einzige umfassende Untersuchung, die zum Analphabetismus in Deutschland vorliegt, ist fünf Jahre alt. Nach der sogenannten Level-One-Studie (Leo) der Universität Hamburg gibt es in Deutschland bei den Sieben- bis Vierundsechzigjährigen etwa 7,5 Millionen funktionale Analphabeten. Das sind Menschen, die nicht ausreichend lesen und schreiben können. Problem der Statistiker: Zum einen können Betroffene Fragebögen – das übliche Instrument für quantitative Erhebungen – weder lesen noch Antworten darauf schreiben. Zum anderen zeigt sich bei der direkten Befragung das Tabu, mit dem Analphabetismus noch immer behaftet ist. Kaum ein Betroffener traut sich, sein Problem im direkten Gespräch zuzugeben. Der Bundesverband Alphabetisierung versucht, Betroffene mit dem Alfa-Telefon zu erreichen. Analphabeten können unter Telefon 0800-53334455 Unterstützung bekommen. Der Verband vermittelt sie etwa an Bildungsträger weiter.

Außerdem gibt es ein Lernportal, das den Zugang zu Basisbildung in Deutsch, Englisch und Mathematik ermöglicht. „Die beiden Programme sind wirklich gut. Beim Stöbern habe ich selbst noch eine ganze Menge gelernt, etwa im Bruchrechnen“, sagte Silke Wienecke, Bereichsleiterin Sprachen in der VHS.

Das Portal „ich-will-deutsch-lernen.de“ nimmt den Spracherwerb in den Fokus. Es kann für das selbständige Lernen oder den Unterricht in Integrationskursen genutzt werden. Die Schüler können berufsbezogene Schwerpunkte setzen.

Vorbereitung auf einen Schulabschluss

Das Portal „ich-will-lernen.de“ ist die richtige Anlaufstelle, wenn Basiswissen fehlt. So können die Lerneinheiten auch genutzt werden, wenn ein Schulabschluss nachgeholt werden soll.

Die Nutzung beider Internetseiten ist gratis, lediglich die Registrierung mit einer E-Mailadresse nötig. Wer lieber den eigenen Laptop benutzt, kann die Internetseiten über das Wlan der Stadtbücherei oder auch zu Hause abrufen. „Die Bücherei ist ein guter Ort zum Lernen, weil es hier ruhig ist. Außerdem können wir Nutzer der Lernstation auch an das übrige Angebot der Bücherei heranführen“, sagte Andrea Koehn, Leiterin der Bücherei.

Digitaler Klassenraum: In dem Portal „ich-will-lernen.de“ wird eine Grundbildung vermittelt.
Digitaler Klassenraum: In dem Portal „ich-will-lernen.de“ wird eine Grundbildung vermittelt. Foto: Screenshot
 

Doch wie will die Stadtbücherei Menschen erreichen, die kein Deutsch verstehen oder gar Analphabeten sind? „Das funktioniert in der Regel über Mittler. Zu ihnen gehören Mentoren, ehrenamtliche Sprachpaten und Lehrer“, sagte Koehn. „Manchmal gibt es auch Signale von Arbeitgebern und aus Arztpraxen, wenn es um Analphabeten geht“, sagte Wienecke. Das Bücherei-Team wird in Zukunft Schulungen für ehrenamtliche Sprachlehrer anbieten, damit sie ihre Schützlinge an dem neuen Arbeitsplatz unterstützen können.

„Sprache ist immer noch die Grundlage für alles, was wir tun. Und mit den Flüchtlingen hat das Thema eine ganz neue Dynamik bekommen“, sagte Jens Krippahle, Leiter der Sparkassen-Filiale an der Gorch-Fock-Straße. Die Sparkasse unterstützt das Projekt als Sponsor.

Karte
zur Startseite

von
erstellt am 22.Nov.2016 | 12:30 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen