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Pinneberger Tageblatt

28. August 2016 | 20:51 Uhr

Internationaler Frauentag : Die alltägliche Diskriminierung

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Ungleichbehandlung gehört für junge Frauen zur Lebenswirklichkeit. Die Bedeutung des Frauentags ist gering.

Schenfeld | Vivian Sester aus Pinneberg und Antonia Koch aus Prisdorf sind 22 und 17 Jahre alt. Wahlrecht für Frauen, hohe Lebensmittelpreise und illegale Schwangerschaftsabbrüche sind für die beiden jungen Frauen, die derzeit beim Pinneberger A. Beig-Verlag – Herausgeber dieser Zeitung – ein Praktikum absolvieren, keine Themen mehr. Der Internationale Frauentag am 8. März hat sich bislang nicht ins Bewusstsein der beiden eingebrannt. „Der Tag ist den Medien ja auch nicht so präsent wie beispielsweise der Valentinstag, der vor allem in der Werbung thematisiert wird“, sagt Antonia.

Bevor in den 1970er Jahren Violett zur Farbe der feministischen Frauenbewegung geworden ist, war Rot die Farbe des Kampfes der Frauen für Gleichberechtigung. In Deutschland ist dieser Kampf untrennbar mit der Sozialistin Clara Zetkin verbunden. Sie schlug während der „Zweiten internationalen sozialistischen Frauenkonferenz“ im August 1910 in Kopenhagen vor, einen internationalen Frauentag einzuführen. Die Idee dazu stammte aus den USA, wo Frauen der Sozialistischen Partei Amerikas 1908 ein nationales Frauenkomitee gegründet hatten. Dieses wiederum hatte beschlossen, einen nationalen Kampftag für das Frauenwahlrecht zu initiieren. Der erste Frauentag am 28. Februar 1908 war ein Erfolg.
Am 19. März 1911 gingen  erstmals Frauen in Deutschland, Dänemark, Österreich-Ungarn und der Schweiz auf die Straße. „Dieser Internationale Frauentag ist die wuchtigste Kundgebung für das Frauenwahlrecht gewesen, welche die Geschichte der Bewegung für die Emanzipation des weiblichen Geschlechts bis heute verzeichnen kann“, sagte Zetkin 1911. Das alles beherrschende Thema der ersten Jahre war die Forderung nach dem freien, geheimen und gleichen Frauenwahlrecht.
Nach dem Ersten Weltkrieg und der Einführung des Frauenwahlrechts im November 1918 musste sich der Internationale Frauentag in der Weimarer Republik neu formieren. Ab 1926 gab es dort zwei Frauentage: einen kommunistischen am 8. März – Zetkin war aus der SPD ausgetreten und gehörte der KPD an – und einem sozialdemokratischen ohne festes Datum.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde im geteilten Deutschland unterschiedlich mit dem Frauentag umgegangen. 1946 führte die sowjetische Besatzungszone den 8. März wieder ein. Im Westen veranstalteten Sozialdemokratinnen seit 1948 wieder Frauentage, terminlich irgendwann zwischen Februar und Mai. Erst mit dem Engagement der neuen Frauenbewegung Ende der 1960er Jahre rückte der 8. März in der Bundesrepublik  wieder stärker ins Bewusstsein.
Am 16. März 1977 verabschiedete die UN-Generalversammlung eine Resolution, die alle Staaten darum bat, einen Tag des Jahres zum „Tag der Vereinten Nationen für die Rechte der Frau und den Weltfrieden zu erklären“. Es folgten Veranstaltungen jeweils zum 8. März, seit 1995 jährlich.

Gleichberechtigung, das ist für die beiden Frauen kein Thema für einen Tag. „Man sollte sich täglich bewusst sein, wer und was man ist“, sagt Sester. Viel habe sich in den vergangenen Jahren zugunsten der Frauen geändert, auch Dank der Vorkämpferinnen wie Clara Zetkin und Alice Schwarzer. „Wie weit wir in Deutschland sind, merkt man besonders, wenn man in den Urlaub fährt. Es gibt zahlreiche Länder in denen man als Frau nicht ernst genommen wird“, berichtet Koch.

Dennoch wissen die beiden Frauen: Von einer wirklichen Gleichstellung von Mann und Frau ist auch Deutschland noch weit entfernt. Insbesondere im Berufsleben. Geringere Karrierechancen, niedrigere Löhne bei gleicher Arbeit – da gebe es noch viel Nachholbedarf. Zudem werde noch häufig das traditionelle Rollenverständnis transportiert. „In der Werbung kümmern sich die Frauen um die Familie, kaufen ein und kümmern sich um den Haushalt. Die Männer tragen Anzüge und sind im Beruf erfolgreich“, merkt Sester an. Dabei gebe es auch heute schon Familien, wo Frauen für das Familieneinkommen sorgen und die Männer sich um die Kinder und den Haushalt kümmern.

Antonia Koch (17) ist Schülerin.
Antonia Koch (17) ist Schülerin. Foto: Klink
 

Die Frage der Gleichberechtigung hat für die beiden Frauen nicht nur eine politische Komponente. Für sie geht es auch um die tägliche Diskriminierung – in der Schule, in der Uni. Erfahrungen damit, als Frau anders wahrgenommen, anders behandelt zu werden, wie gleichaltrige Männer, haben beide schon gemacht. Sester studiert Germanistik. „Von meinen Kommilitonen musste ich mich schon fragen lassen, was ich später mit dem Studium anfangen will. Ich würde doch eh nur studieren, um die Zeit bis zum Kinderkriegen zu überbrücken“, berichtet die 22-Jährige. Sie hat für ein solches Rollenbild kein Verständnis. Sie propagiert eine offene Gesellschaft, in der jede Frau ihre Vorstellung vom Leben verwirklichen kann. Aufgaben in einer Beziehung müssten gerecht auf beide Partner verteilt werden.

Vivian Sester (22) studiert.
Vivian Sester (22) studiert. Foto: Klink
 

Auch Koch kennt Diskriminierung im Alltag, die auch vor sexueller Belästigung nicht halt macht. Lehrer, so ihrer Erfahrung, machten oft einen Unterschied zwischen Schülern auf der einen und Schülerinnen auf der anderen Seite. Im Umgang mit den jungen Frauen spiele das Geschlecht eine deutliche Rolle. „Ich hatte einen Sportlehrer, der den Schülerinnen gern mal einen Klapps auf den Hintern gegeben hat“, berichtet die 17-Jährige. Oder sie erinnert sich an den Biologielehrer, der bei einer Frage nach der Einstellung des Mikroskops die Schülerinnen aufforderte, „ihren Hintern zur Seite zu schieben“ und sich dann ganz eng mit auf den Stuhl setzte. „Das ist dann schon sehr unangenehm“, so die 17-Jährige.

Nicht immer seien sie sich über die Diskriminierungen bewusst, sagen Sester und Koch. Umso wichtiger seien Frauen, die für die Rechte der Frauen kämpfen – und so das Bewusstsein für Ungleichheit und Diskriminierung schärfen.

GEWERKSCHAFTEN Sie nehmen sich der Arbeitszeit an

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) nimmt den Internationalen Frauentag zum Anlass, sich für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen für Frauen einzusetzen. „Frauen in Deutschland sind immer häufiger erwerbstätig. Aber fast jede zweite arbeitet in Teilzeit – oft ihr gesamtes Erwerbsleben lang. Damit ist Deutschland im europäischen Vergleich Spitzenreiter. Und wird es wohl auch bleiben: Während Männer weiterhin überwiegend Vollzeit arbeiten, steigt der Anteil an erwerbstätigen Frauen in Teilzeit“, heißt es in dem Aufruf des DGB zum Frauentag, der für die Gewerkschaft unter dem Motto „Heute für morgen Zeichen setzen“ steht.
wieder aufstocken könnenDer DGB fordert, dass das im  Teilzeit- und Befristungsgesetz enthaltene Recht auf Teilzeit auf alle Beschäftigte ausgeweitet wird,  unabhängig davon, wie groß der Betrieb ist, in dem sie arbeiten. Zudem soll es ein Recht für Arbeitnehmer auf befristete Teilzeit geben. Der DGB möchte damit erreichen, dass  Beschäftigte ihre Arbeitszeit nach Bedarf auch wieder aufstocken können und auch Männer sich trauen, in bestimmten Lebensphasen ihre Arbeitszeit zu reduzieren. Daran schließt sich die Forderung der Gewerkschaft nach einem Recht auf Rückkehr aus der Teilzeit- in die Vollzeitbeschäftigung an.  „Wer raus will aus der Teilzeitfalle, soll auch einen gesetzlichen Anspruch darauf haben“, so der DGB-Aufruf. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi fordert darüber hinaus faire Aufstiegschancen und „die Aufwertung frauendominierter Berufe mit dem Ziel einer höheren gesellschaftlichen und finanziellen Wertschätzung“. (Klink)
www.sh-suedost.dgb.de  www.pistein.verdi.de

 
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erstellt am 08.Mär.2016 | 15:00 Uhr

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