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Pinneberger Tageblatt

10. Dezember 2016 | 11:59 Uhr

Kunstfund : Der Schatz auf dem Dachboden

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

„Sturm vor Bornholm“ von J.H. Brandt - das Werk aus Dänemark wird bei einer Hausauflösung gefunden. Anschließend folgt die aufwändige Restaurierung des 112 Jahre alten Bildes.

Kreis Pinneberg | Kopenhagen hatte sich noch nicht lange von dem deutsch-dänischen Krieg erholt, als Gustav Schäfer im Jahr 1904 in die dänische Hauptstadt reist. Am 22. Mai gewinnt er dort bei einer Veranstaltung – vielleicht auf dem Tivoli in der Innenstadt – ein Gemälde. Es zeigt tosende Wellen, dunkle Regenwolken und grün-weiße Gischt, die an Land prischt. Schäfer notiert auf der Rückseite seines Gewinns: „Dieses Bild habe ich am 22. Mai 1904 in Kopenhagen gewonnen. Gustav Schäfer“. Die genauen Umstände lassen sich heute nicht mehr rekonstruieren. Sicher aber scheint: Gustav Schäfer nimmt das Bild mit nach Eckernförde und hängt es sich dort in sein Wohnzimmer. „Er muss ein starker Raucher gewesen sein, das hat man dem Bild beim Fund angesehen. Es ist ganz vergilbt gewesen“, sagt Galerist Gerd Uhlig, dem das Bild 112 Jahre später gehört.

Bei der Restauration – auch Restaurierung genannt – eines Kunstwerks müssen von Restauratoren verschiedene Schritte berücksichtigt werden. Zunächst muss das Werk dafür gründlich gesichtet werden. Dabei wird auch dessen Substanz begutachtet. Es geht darum, in welchem Zustand sich die verarbeiteten Materialien befinden. Daraufhin wird ein Konzept erstellt, wie der Restaurator in seiner Arbeit vorgehen möchte. Das Konzept erläutert, wie das Werk am Ende wieder aussehen soll und  mit welchen Methoden dieser Zustand erreicht werden kann. Auch die Reinigung muss gründlich bedacht werden, denn bei falscher Reinigung kann viel kaputt gehen. Generell gilt: Das Kunstwerk soll möglichst originalgetreu wieder hergestellt werden. Die Eingriffe des Restaurators  sollten sich also auf ein Minimum beschränken. Restauriert werden können Möbelstücke, Kunstwerke und andere erhaltenswerte Gegenstände.

Es ist Ende Mai 2014 als eine Familie in einem kleinen Dorf in Ostangeln einen Haushalt auflösen muss. Die Erben räumen den Dachboden des alten Hauses auf. Dabei finden sie ein Ölgemälde, signiert ist es mit „J.H. Brandt 1904“ . Über mehrere Kontakte gelangen sie an Gerd Uhlig, der in Rellingen wohnt und in Schenefeld eine Galerie im „Stadtzentrum“ betreibt. Er soll sich das Bild genauer anschauen. „Ich bin drei Meter zurückgegangen, als ich es das erste Mal gesehen habe“, erinnert sich Uhlig. „Es war in einem wirklich desaströsen Zustand.“ Uhlig wird das Bild von der Familie, die namentlich nicht genannt werden will, angeboten.

Lange überlegt er, was er damit machen soll. „Immerhin ist es ein klassisches Werk eines dänischen Malers aus dem Klassizismus. In Skandinavien ist solche Kunst gerade en vogue“, sagt Uhlig. Aber lohnt sich eine Restauration? Und wer ist überhaupt dieser Künstler J.H. Brandt?, fragt er sich.

Links unten auf dem Werk befindet sich die Signatur des Künstlers: J.H. Brandt 1904
Links unten auf dem Werk befindet sich die Signatur des Künstlers: J.H. Brandt 1904 Foto: Oster

„Ich habe mich zunächst auf Recherche begeben. Online fand ich so gut wie nichts“, berichtet er. Einen einzigen Hinweis, dass das Bild etwas wert sein könnte, gibt eine abgelaufene Auktion von Christie’s, dem traditionsreichen Londoner Auktionshaus. Dort ist 2010 ein vergleichbares Ölgemälde von J.H. Brandt verkauft worden. Und zwar für mehr als 5000 US-Dollar.

Aufgrund der kargen digitalen Ausbeute, reist Uhlig nach Dänemark. Er besucht das Skagens Museum im Norden des Landes. Und endlich: In einem Buch über dänische Künstlerkolonien wird Uhlig fündig. J.  H. Brandt hieß mit vollem Namen Johannes Hermann Brandt. Geboren ist er 1850, gestorben 1927. „Und er hat eine Künstlerkolonie auf Bornholm mitgegründet“, sagt Uhlig. Er entscheidet sich für die Restauration des Bildes. Und er gibt dem bisher namenlosen Werk einen Namen: „Sturm vor Bornholm“ tauft er es.

Pinneberg
Bornholm - eine der meistbesuchten Inseln Dänemarks. Foto: dpa

Die dänische Insel  Bornholm liegt vor der schwedischen Küste. Außer für ihren feinen Sandstrand ist sie bekannt für die vielen Künstler, die sie schon lange Zeit anzieht. Auch Johann Herrmann Brandt zog es auf die Insel. Er war dort einer  der Mitbegründer einer Künstlerkolonie. Denn Ende des 19. Jahrhunderts zog es zwar viele Menschen in die Städte, die Künstler aber gingen aufs Land und widmeten sich dort der Kunst und  Natur.  So machte beispielsweise die bekannte Künstlerkolonie Skagen im Norden des Landes auf der Halbinsel Jütland den Anfang.

 

Eine befreundete Restauratorin, die sonst unter anderem für das Bucerius Kunstforum in Hamburg arbeitet, übernimmt den Job. Sie sichert die Malschicht, um sie während der Reinigung der Oberfläche erhalten zu können. Sie setzt die Leinwand auf neue Keilrahmen. „In den alten haben sich Holzwürmer breit gemacht“, berichtet Uhlig. Und sie kittet und retuschiert das 112 Jahre alte Kunstwerk.

Auf der Rückseite des Bildes verewigte sich der neue Inhaber Gustav Schäfer.
Auf der Rückseite des Bildes verewigte sich der neue Inhaber Gustav Schäfer. Foto: PT
 

Seit wenigen Tagen ist die Restauration abgeschlossen. Das Bild hängt nun bei Gerd Uhlig in der Galerie im „Stadtzentrum“, Kiebitzweg 2. Besucher können freitags von 13 bis 18 Uhr und sonnabends in der Zeit von 12 bis 15 Uhr vorbeikommen oder einen Termin vereinbaren unter Telefon 04101-7699690 und per E-Mail an gerduhlig@googlemail.com.

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erstellt am 06.Okt.2016 | 10:00 Uhr

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