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Pinneberger Tageblatt

07. Dezember 2016 | 09:38 Uhr

„Zuschüsse müssen wieder steigen“ : Der Leiter der VHS Pinneberg warnt im Interview vor weiteren Kürzungen

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Wolfgang Domeyer, Leiter der Volkshochschule Pinneberg, warnt: Weitere Kürzungen sind nicht mehr verkraftbar.

Pinneberg | Wolfgang Domeyer ist Leiter der Volkshochschule (VHS) Pinneberg und außerdem Vorsitzender des Landesverbandes der Volkshochschulen Schleswig-Holsteins. Im Interview mit dieser Zeitung kritisiert er unter anderem, dass die Erwachsenenbildung unter Wert behandelt wird.

Wolfgang  Domeyer (61) ist seit 28 Jahren Leiter der Volkshochschule Pinneberg und steht seit neun Jahren an der Spitze des Landesverbandes der Volkshochschulen Schleswig-Holsteins. Er hat Politikwissenschaft, Geschichte, Soziologie und Pädagogik studiert, ist verheiratet und hat einen Sohn.

Welche Bedeutung hat die Volkshochschule für Pinneberg?
Die Volkshochschule ist das kommunale Weiterbildungszentrum für Pinneberg und ein sozialer Ort, an dem Erwachsene in vielfältiger Weise lernen. Unsere Bedeutung reicht über die Stadtgrenzen hinaus. Wir haben viele Angebote, die auch von den Einwohnern aus den Umlandgemeinden wahrgenommen werden. 2011 haben wir uns an einer Studie beteiligt, die den finanziellen Nutzen von Volkshochschulen für das Land Schleswig-Holstein untersucht hat. Diese Studie ergab, dass fast ein Sechsfaches der Zuschüsse in die Städte zurückfließt. Wer zur VHS kommt, kauft häufig auch in Pinneberg ein, da wir aufgrund unserer zentralen Lage eine enge Anbindung an die Innenstadt haben. Die Volkshochschule ist also ein wichtiger Standortfaktor, jedoch nicht nur für den Handel, sondern auch für Betriebe, die nach Weiterbildungsmöglichkeiten für ihre Mitarbeiter suchen.

Wo liegen die Stärken der Volkshochschule?
Offenheit ist Prinzip und Merkmal der Volkshochschularbeit. So sind Menschen aus allen sozialen Schichten, Milieus und Kulturen bei uns als Teilnehmende in den Kursen. Wir sind im Gegensatz zu den allgemeinbildenden Schulen an keinen staatlichen Lehrplan gebunden. So sind wir flexibel und können bei Bedarf schnell auf geänderte Bildungsnachfrage reagieren. Das zeigte sich auch im letzten Jahr, als immer mehr Flüchtlinge kamen und Sprachkurse gefordert waren. Das ist aber nur ein Beispiel. Wir haben die Möglichkeit, aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen kurzfristig auf die Tagesordnung zu setzen. Gerade unser Beitrag zur gesellschaftlichen Integration lässt sich gar nicht hoch genug einschätzen. Kommunales Leben heißt auch, dass sich Menschen begegnen und austauschen können. Wir tragen wie Sportvereine und andere Vereine zur Lebensqualität in einer Kommune bei.

Hat sich das Programm der Volkshochschule in den vergangenen Jahren verändert?
Das Programm verändert sich ständig und der Grad der Professionalisierung unserer Arbeit ist gestiegen. In den 80ern und 90ern waren zum Beispiel EDV-Kurse enorm gefragt. In dem Bereich hatte keine Institution ein so umfangreiches Angebot wie die Volkshochschulen. Sie sorgten dafür, dass sich das EDV-Grundwissen schnell verbreitete und Kursusteilnehmende ihre neu erworbenen Kenntnisse beruflich und privat einsetzen konnten. Der Bedarf an EDV-Kursen ist nun längst nicht mehr so groß. Dafür ist alles gefragt, was den Umgang mit mobilen Endgeräten wie Smartphones und Tablets betrifft. In den letzten Jahren ist insbesondere der Anteil der Kurse „Deutsch als Fremdsprache“ gestiegen, wobei Sprachkurse schon immer ein wesentlicher Teil unseres Angebotes waren. Auch ist die Nachfrage nach Kursen zur Gesundheitsbildung groß.

Hat sich auch die Kundschaft verändert?
Als ich hier als VHS-Leiter begann, wurden viele Kurse von Frauen belegt, die nach der Geburt ihrer Kinder oder auch nach der Familienphase zu Hause blieben und sich weiterbilden wollten. Diese Gruppe ist kaum noch da, weil die meisten Frauen ihre Berufstätigkeit nur noch kurz unterbrechen. Andererseits hat sich aufgrund des Ausbaus unserer Integrationskurse die Teilnehmerzahl der Migranten erhöht. Da zudem der Anteil der Älteren in der Gesellschaft seit Jahren prozentual steigt, nehmen folglich vielseitig interessierte und aktive Senioren unser umfangreiches Angebot wahr.

Welche Auswirkungen hat die Ankunft der Flüchtlinge für die VHS gehabt?
Wir bieten schon seit Jahrzehnten „Deutsch als Fremdsprache“ und seit 2005 Integrationskurse an. Das ist für uns kein neues Thema. Auf dieses gut ausgebaute System konnten wir zurückgreifen und haben es ausgeweitet. Zu unseren aktuellen Aufgaben gehört, für die zahlreichen Flüchtlinge ausreichend qualifizierte Sprachkurse vorzuhalten und Angebote zu entwickeln, die die gesellschaftliche und berufliche Integration fördern.

Wäre die Integration der Flüchtlinge ohne die Volkshochschulen überhaupt möglich?
Nein. 50 Prozent der Integrationskurse in Deutschland organisieren die Volkshochschulen. Das unterstreicht deren Bedeutung. Wir sind diejenigen, die seit Jahrzehnten an diesem Thema arbeiten und auch jetzt mit neuen Angeboten auf die Entwicklung reagieren.

Wirkt sich die finanzielle Not der Stadt Pinneberg auf die Volkshochschule aus?
Ja, natürlich. In den letzten Vertragsverhandlungen 2009 und 2014 wurden uns die Zuschüsse massiv gekürzt. Die VHS hat aktuell einen Vertrag mit der Stadt, der über fünf Jahre läuft. Die Vereinbarung sieht feste Zuschüsse vor, wobei es für die Jahre 2016, 2017 und 2018 jeweils zu Kürzungen kommt. Im Landesvergleich der Mittelstädte erhält die VHS Pinneberg die geringsten kommunalen Zuschüsse. Die Finanzierung muss deshalb zu großen Teilen durch Teilnahmegebühren und Projekte sichergestellt werden, wobei die Abhängigkeit von Projekten nicht ohne wirtschaftliches Risiko ist.

Der Vertrag mit der Stadt läuft bis 2019. Rechnen Sie danach mit weiteren Einschnitten?
Nein, denn weitere Zuschusskürzungen sind nicht mehr verkraftbar. Unsere Personalkosten – wie übrigens auch die der Stadt – steigen aufgrund der Tariferhöhungen allein für 2016 und 2017 um 4,75 Prozent. Ich gehe davon aus, dass wir mit der Stadt 2018 Gespräche über die zukünftige kommunale Finanzierung unserer Arbeit führen werden müssen. Eine Anpassung der Zuschüsse an die gestiegenen Kosten ist dringend notwendig. Die Zuschüsse müssen wieder steigen.

Haben sich die steigenden Anforderungen im Berufsalltag auf die Arbeit der Volkshochschule ausgewirkt?
Wir bieten schon seit Jahrzehnten berufsbezogene Kurse an. Das war immer einer unserer Schwerpunkte. In den letzten Jahren hat sich die Nachfrage an unser Angebot verändert. Es werden mehr Kurse gewünscht, die persönliche Kompetenzen fördern. Es sind nicht nur die klassischen Rhetorikkurse, sondern auch Kurse zur Work-Life-Balance oder Stressbewältigung. Mein Eindruck ist auch, dass die erhöhten Anforderungen im Beruf sich in der starken Nachfrage nach Entspannungskursen widerspiegeln.

Hat die Erwachsenenbildung einen ausreichenden Stellenwert?
In Sonntagsreden ja. Die Realität ist eine andere. Die aktuelle Bildungsdiskussion konzentriert sich nur noch auf die allgemeinbildenden Schulen und auf die Hochschulbildung. Weiter- und Erwachsenenbildung werden unter Wert behandelt. Überall wird zwar betont, wie wichtig lebenslanges Lernen ist, doch an der politischen Umsetzung fehlt es. Im Gegenteil: Die Mittel wurden in den letzten Jahren von Kommunen und dem Land eher gekürzt. Schleswig-Holstein liegt bei der Finanzierung der Volkshochschulen im Bundesvergleich am unteren Ende. Das Land hat zwar seit einigen Jahren ein Weiterbildungsgesetz, doch ohne eindeutige Finanzierungsaussagen. Wir fordern seit Jahrzehnten ein Weiterbildungsgesetz, das auch klare Finanzregelungen für die Volkshochschulen enthält. In anderen Bundesländern wie Niedersachsen oder Nordrhein-Westfalen ist das gesetzlich festgelegt.
 

Was bedeutet Ihnen persönlich die Arbeit bei der VHS?
Die Aufgabe bietet mir vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten und mein Vorstand, mit dem ich sehr gut und eng zusammenarbeite, lässt mich auch gestalten. Von der politischen Lobbyarbeit über die Organisationsarbeit bis zum Unterrichten in meinen eigenen Kursen. Ich mag außerdem den Kontakt zu Menschen und kommuniziere gern – und viel. Mir ist es immer wichtig, dass durch die Arbeit unserer Kursusleiter sowie des VHS-Teams Menschen die Möglichkeit erhalten, sich durch Bildung Chancen zu erarbeiten und weiterzuentwickeln.

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erstellt am 14.Sep.2016 | 16:30 Uhr

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