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Pinneberger Tageblatt

08. Dezember 2016 | 12:54 Uhr

Der erste Tag in der „Freiheit“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Interview Anja Radtke beginnt heute einen neuen Lebensabschnitt: Nach fast 30 Jahren im Rellinger Rathaus und sechs Jahren als Bürgermeisterin

Sie hat sich entschieden: Eine Amtszeit als Rellinger Bürgermeisterin ist genug. Von 2010 bis 2016 lenkte Anja Radtke (parteilos, 52) die Geschicke der Gemeinde. Bis an die Grenzen der Belastbarkeit. Im Gespräch mit unserer Zeitung zieht die 52-Jährige Bilanz und blickt voraus.

Bis gestern waren Sie offiziell Bürgermeisterin von Rellingen. Ab heute sind Sie „frei“. Wie ist Ihre Gemütslage?
Anja Radtke: Es sind nicht nur sechs Jahre Bürgermeisterin, sondern auch fast 30 Jahre Rathaus Rellingen, die jetzt enden. Es ist zugleich der Abschied von vielen Aufgaben, von großer Verantwortung und ein Stück weit auch von vielen guten Begegnungen und wunderbaren Menschen und Wegbegleitern aus dieser Position heraus. Da dreht die Gemütslage schon mal Kapriolen. Von Abschiedsblues bis Vorfreude auf einen beruflichen Neuanfang und Neugierde auf das, was jetzt kommt, ist alles dabei.

Was hat der Job für Sie bedeutet?
Am Anfang war es großer Respekt vor einer gefühlt unlösbaren Aufgabe und eher eine rationale Entscheidung – später dann eine Herzensangelegenheit. Mein Amt hat mir die Chance gegeben, mich an verantwortlicher Stelle für unsere Bürger einzubringen. Das habe ich gern getan. Ich bin glücklich und dankbar für die vergangenen fast 30 Jahre im Rathaus Rellingen und insbesondere für die letzten sechs Jahre als Verwaltungsleiterin.

Sie waren Jahrzehnte vorher in leitender Funktion im Rathaus. Welche Vorteile hatten Sie dadurch?
Als Büroleiterin war ich mit den Strukturen und mit den aktuellen Themen bestens vertraut. Ich kannte die Mannschaft mit all ihren Stärken und umgekehrt kannte die Mannschaft mich. Mein Vorgänger und jetzige Landrat Oliver Stolz hat ein gut aufgestelltes Haus hinterlassen.

Wie hat sich der Job im Vergleich zu Ihren Vorgängern verändert?
Zu Beginn meiner Verwaltungslaufbahn habe ich meine Vorgänger als ausgesprochene Respektspersonen und herausragende Verwaltungsfachkräfte erlebt. Mit Einführung der Direktwahl hat sich der Beruf nach meiner Wahrnehmung immer mehr zum „Generalistenjob“ entwickelt. Neben Verwaltungskenntnissen haben soziale Kompetenzen und Eigenschaften wie Glaubwürdigkeit, Bürgernähe oder Kommunikationsfähigkeit an Bedeutung gewonnen, um auch kritische Bürger mitzunehmen.

Wenn Sie sich an den ersten Tag Ihrer Amtszeit erinnern: Welchen Rat würden Sie sich heute geben?
Es gibt einige Dinge, die ich mit meiner heutigen Erfahrung anders machen würde. Das ist aber keine Frage des Rates, sondern eher eine der Persönlichkeit. Manchmal kann man nicht aus seiner Haut. Dann nutzt auch kein noch so sinnvoller Rat, wenn man damit innerlich nicht zufrieden ist.

Wie hat Sie das Amt verändert?
Als Büroleiterin war ich für den inneren Ablauf im Rathaus verantwortlich. Der Weg in die Öffentlichkeit war eine große Herausforderung für mich, die mir aber auch Kraft und Stärke gegeben hat und durch die ich gefühlt gewachsen bin. Ich habe gelernt, dass der Umgang mit Krisen wie die Autobrände oder unvorhergesehene Herausforderungen wie die Flüchtlingswelle im letzten Jahr gut zu meistern sind, wenn man das richtige Team um sich hat, auf das man sich verlassen kann. Allerdings gibt es auch eine andere Seite: Auf der Strecke geblieben ist ein wenig die Leichtigkeit, was sicher nicht am Amt, sondern an den schwierigen Themen liegt, die wir zu bewegen hatten.

Auf welche Projekte, an denen Sie federführend beteiligt waren, sind Sie stolz?
Bei den meisten unserer Projekte haben die Menschen, die hier leben, im Mittelpunkt gestanden. Kita-Plätze, Betreuung an Schulen, Mittagessen in allen Einrichtungen und der Ausbau der Schulsozialarbeit oder die jetzt angeschobenen Umbaumaßnahmen an unseren Schulen sind solche Beispiele. Sehr gefreut habe ich mich über die Genehmigung der gymnasialen Oberstufe für unsere Caspar-Voght-Gemeinschaftsschule. Dazu hat Rellingen den Sprung ins digitale Zeitalter erfolgreich geschafft. Im Ortsteil Krupunder gibt es endlich eine Nahversorgung und im nächsten Jahr entstehen dort bezahlbare Wohnungen. Und wir haben es geschafft, den uns aus Krieg und Not zugewiesenen Menschen ein Dach über dem Kopf zu bauen und sie mit Hilfe eines starken Ehrenamtes auf dem langen Weg der Integration zu begleiten. Das alles war ein Gemeinschaftswerk mit den richtigen politischen Entscheidungen und einer tatkräftigen Mannschaft an der Seite.

Welches Vorhaben hätten Sie gern zu Ende gebracht, welches ist auf der Strecke geblieben?
Die anstehenden Schulbauprojekte hätte ich gern erfolgreich zu Ende gebracht, ebenso wie die Entwicklung des Gewerbegebietes an der Tangstedter Chaussee oder die laufende Ausschreibung um die Strom- und Gaskonzessionen. Auf der Strecke geblieben ist nichts, allerdings dauern mache Vorhaben leider länger als gedacht.

Was fehlt Ihnen bereits jetzt?
Das „Guten Morgen!“ von vielen vertrauten Gesichtern im Rathaus.
Prioritäts-Tugenden für den Rellinger Bürgermeisterjob?
Unser Ehrenbürger Albert Hatje hat mir einen guten Rat gegeben: „Du musst offen auf die Bürger zugehen und zuhören können – der Rest kommt von alleine.“ Verwaltungskenntnisse sind meines Erachten genauso erforderlich wie die anfangs beschriebene soziale Kompetenz und eine große Portion Menschlichkeit.

Was empfehlen Sie Ihrem Nachfolger Marc Trampe?
Ich empfehle Marc Trampe, seinen eigenen Weg zu finden, dabei aber seine persönlichen Bedürfnisse nicht aus den Augen zu verlieren. Ein Bürgermeister ist auch Mensch. Er ist Ehemann, Vater und Freund. Diese Funktionen mit dem Amt in Balance zu halten, ist nicht einfach. Ich wünsche ihm ein gutes Gespür für die Belange unserer Bürger, ein glückliches Händchen bei seinen Entscheidungen und vor allem viel Freude an seiner neuen Tätigkeit.

Droht jetzt das berüchtigte „Schwarze Loch“?
Keine Sorge. Zu Hause ist in den letzten Jahren viel liegen geblieben. Und meine kleine Familie freut sich, mich öfter zu sehen. Ich nehme mir bewusst eine Arbeitspause, um dann mit Abstand zu entscheiden, wohin meine berufliche Zukunft mich bringen wird. Bis es soweit ist, freue ich mich, neue Rezepte auszuprobieren, mal privat ein Buch zu lesen oder meinen Garten aufzuräumen. Außerdem ist da ja noch unsere Bürgerstiftung, die mir sehr ans Herz gewachsen ist. In der darf ich auch künftig weiter aktiv mitarbeiten.

Werden Sie Rellingen erhalten bleiben? Wenn ja, wo wird der Bürger die Ex-Bürgermeisterin künftig erleben? Stillsitzen ist bei Ihrem Temperament kaum vorstellbar .  .  .
Ich lebe jetzt seit 46 Jahren in Rellingen. Hier ist mein zu Hause. Natürlich werde ich Rellingen erhalten bleiben. Unsere Bürger werden mich öfter auf dem Rad sehen und ich habe auch vor, den Sportplatz regelmäßig zu besuchen, um meine etwas vernachlässigte körperliche Fitness und Kondition wieder auf Vordermann zu bringen.

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erstellt am 01.Okt.2016 | 16:00 Uhr

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