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Pinneberger Tageblatt

21. Februar 2017 | 15:25 Uhr

Telefonzellen verlieren den Anschluss : Das Sterben der öffentlichen Telefonhäuschen

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Die erste Fernsprechzelle im Kreis Pinneberg ist bereits 1903 in Wedel eingerichtet worden. Jetzt verschwinden sie nach und nach auf dem Stadtbild.

Kreis Pinneberg | Früher prägten sie das Stadtbild. Vor öffentlichen Einrichtungen, an Bahnhöfen, vor Gaststätten und an Sportvereinen strahlten die gelben Kästen schon von weitem. Heute sind Telefonzellen dezent weiß, magenta und chromfarben und fast gänzlich aus dem Stadtbild verschwunden.

In New Haven in Connecticut (USA) wurde am 28. Januar 1878 die weltweit erste Telefonzelle aufgestellt. Mit dem Aufkommen der Telefonie war es notwendig „öffentliche Fernsprecher“ in Form von Telefonzellen aufzustellen, um die begrenzte Leitungszahl für einen größeren Personenkreis zu erschließen.  Am 12. Januar 1881 wurde die erste Telefonzelle – damals noch Fernsprechkiosk genannt – in Berlin in Betrieb genommen. Bis 1899 wurden „Telephon-Billets“ verkauft. Dann gab es erste Münzfernsprecher. Zunächst waren die Telefonhäuschen Blau und Gelb. Ab 1946 wurde das einheitliche Gelb vorgeschrieben. Mitte der 1990er Jahre wurde die Farbgebung an die Telekomfarben Weiß-Grau-Magenta umgestellt.

„Bundesweit sind noch zirka 27.000 öffentliche Telefone in Betrieb“, sagt Stefanie Halle, Pressesprecherin der Deutschen Telekom. 1984 waren es 129.000. Mit der immer stärkeren Verbreitung des Handys sank die Zahl der Telefonzellen rapide. Laut Bundesnetzagentur waren es 2007 noch etwa 110.000 Telefonzellen. 2008 sank die Zahl auf 100.000, 2009 auf 90.000 und Ende 2013 auf 48  000. Dem gegenüber stieg die Anzahl der Mobilfunkgeräte in Deutschland stetig. Aktuell besitzt laut Bundesnetzagentur statistisch jeder Deutsche 1,4 Handys oder Smartphones. Der Trend geht zum Zweithandy.

„Allein der Kunde entscheidet durch sein Nutzungsverhalten selbst darüber, wo und in welcher Anzahl öffentliche Telefone zur Verfügung stehen. Überall dort, wo es auch wirtschaftlich Sinn hat, bleiben öffentliche Telefone der Telekom in Betrieb“, erläutert Halle. Dies sei vor allem an Bahnhöfen, Flughäfen und auf Messegeländen der Fall. Der Bedarf wird laut Telekomsprecherin stetig der „Nachfrage angepasst“. Im Klartext: Was sich nicht mehr rechnet, wird abgebaut. „Die Telekom darf Städte und Gemeinden wegen eines Abbaus ansprechen, wenn auf deren Gebiet extrem unwirtschaftliche öffentliche Fernsprecher mit einem Umsatz von weniger als 50 Euro im Monat stehen“, erläutert Halle die Vorgehensweise. Üblicherweise würden Kommunen dem Abbau zustimmen. „Sollte es zu keinem Konsens bezüglich eines bestimmten Standorts kommen, tauschen wir das vorhandene öffentliche Telefon gegen ein deutlich günstigeres ,Basistelefon’ aus“, so Halle. Dies sei ein Metallpfosten, an dem ein Telefon angebracht ist. Angerufen werden kann – ausgenommen sind Notrufe – nur mit Telefonkarten. Damit entfielen Münzkassetten, die oft Ziel von Diebstählen und Vandalismus sind.

Vor der Bahnhofsgaststätte – eine Baracke wegen der Zerstörung des Bahnhofes – stand 1963 eine Münzfernsprechapparat.
Vor der Bahnhofsgaststätte – eine Baracke wegen der Zerstörung des Bahnhofes – stand 1963 eine Münzfernsprechapparat. Foto: Gustav Maushake/Stadtarchiv Wedel/PT
 

Bis die Telefonzelle aber vollkommen verschwindet, wird es vermutlich noch eine Weile dauern. Die Telekom ist in Deutschland für die Grundversorgung der Telekommunikation verantwortlich. Heißt: Jeder Deutsche muss die Möglichkeit haben, ohne großen Aufwand das öffentliche Telekommunikationsnetz und öffentliche Telefondienste nutzen zu können.

Etwa eine Million Euro pro Jahr zahlt das Telekommunikationsunternehmen für den Unterhalt der Telefonzellen für Strom, Standortmiete, Wartung oder Beseitigung von Schäden durch Vandalismus.

Vandalismus kostet die Deutsche Telekom jährlich fast eine Million Euro.
Vandalismus kostet die Deutsche Telekom jährlich fast eine Million Euro. Foto: PT

Wie viele Telefonzellen es insgesamt im Kreisgebiet gibt, ist nicht erfasst. „Aus Kostengründen werden Standortzahlen nur für den Fall erstellt, dass ein operativer, geschäftlicher Anlass vorliegt“, teilte Halle mit. Auch zur Geschichte der Telefonzellen im Kreis Pinneberg hat das Telekommunikationsunternehmen keine Daten gesammelt. In Wedel gab es bereits 1903 die erste „Fernsprechzelle“. „Diese hat sich direkt im Postamt befunden“, berichtet Anke Rannegger vom Stadtarchiv der Rolandstadt. In alten Dokumenten hat sie den Hinweis auf einen „Fernsprechautomaten“ am Bahnhof gefunden, der 1930 errichtet wurde. Telefonieren funktionierte damals so: Der Anrufer musste am Kurbelinduktor drehen, um sich beim „Fräulein vom Amt“ bemerkbar zu machen. Dort fiel eine kleine Metallklappe. Das „Fräulein“ rief den gewünschten Teilnehmer an. Die Leitung wurde dann durch ein Kabel gestöpselt. Jetzt konnten die Telefonpartner miteinander sprechen. Oft kam es zu Wartezeiten, weil das „Fräulein“ anderweitig beschäftigt war. Zog sie den Stöpsel, war das Gespräch zu Ende.

„Das war damals nicht anders als heute“, sagt Rannegger als sie auf einen Bericht aus dem Jahr 1933 verweist. Darin wird nach unbekannten Tätern gefahndet, die den Münzkasten eines Telefonhäuschens aufgebrochen haben sollen. Diese wurden übrigens zu den Hochzeiten der öffentlichen Telefonie in den 1980er Jahren wöchentlich geleert. Heute werden die Geldkassetten einmal im Monat überprüft – oft mit geringem Inhalt.

Die Telefonzelle an der Doppeleiche überstand die Bombadierungen der Rolandstadt 1943 unbeschadet.
Die Telefonzelle an der Doppeleiche überstand die Bombadierungen der Rolandstadt 1943 unbeschadet. Foto: Gustav Maushake/Stadtarchiv Wedel
 

1937 wurde eine Telefonzelle am Marktplatz errichtet. 1979 wurde das erste behindertengerechte Telefon in der Rolandstadt aufgestellt. Am Nikolaustag 1989    das erste Kartentelefon eingeweiht. „Es gibt zahlreiche Dokumente über Vandalismus und Diebstähle bei Telefonzellen. Wann welche wo aufgebaut wurden, ist nur schwer zu ermitteln“, sagt Rannegger.

In Zeiten von Handys, Smartphones und ständiger Erreichbarkeit ist Telekommunikation noch beliebiger geworden und auch die letzten Zeugen der alten Technik werden bald aus dem Stadtbild verschwinden.

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erstellt am 28.Jul.2016 | 10:00 Uhr

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