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Pinneberger Tageblatt

10. Dezember 2016 | 21:43 Uhr

„Selbst Studenten sind Kunden“ : Das neue Führungsduo der Pinneberger Tafel im Interview

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Birgit Drechsler und Gerd Blum, das neue Führungsduo der Pinneberger Tafel, über hohen Andrang und die Wegwerfgesellschaft.

Pinneberg | Birgit Drechsler (Vorsitzende) und Gerd Blum (stellvertretender Vorsitzender) sind das neue Führungsduo der Pinneberger Tafel. Sie koordinieren 80 Helfer, die wöchentlich 350 Menschen versorgen. Im Interview mit sprechen sie über steigenden Bedarf, Konflikte und ihre persönliche Motivation.

Die Pinneberger Tafel hilft schon seit 13 Jahren Bedürftigen. Den neuen Vorstand bilden Birgit Drechsler (Vorsitzende), Gerd Blum (Stellvertreter), Helga Kock (Kassenwartin), Brigitte Ehrich (Schriftführerin).

Welche Bedeutung hat die Tafel für Pinneberg?
Birgit Drechsler: Sie kümmert sich um bedürftige Menschen, die Lebensmittel benötigen. Derzeit sind etwa 700 Personen bei uns registriert. 350 von denen suchen uns wöchentlich auf, weil sie etwas brauchen. Die Ausgabe erfolgt dienstags in der Kirche am Fahlt und donnerstags im Gemeindehaus der Lutherkirche am Kirchhofsweg.

Hat sich der Andrang durch den Flüchtlingszuzug vergrößert?
Drechsler: Erheblich. Dadurch ist die Zahl unserer Kunden um 100 pro Woche gestiegen. Dazu kommt, dass wir auch die Bedürftigen aus Rellingen versorgen. Die Leute stehen an den Ausgabetagen teilweise schon anderthalb Stunden vorher vor der Tür und warten auf uns.

Bekommt die Tafel genügend Spenden, um den Andrang zu bewältigen?
Gerd Blum: Es gibt Schwankungen. Die Ware, die wir von den Supermärkten erhalten, wird bei uns im Lager kontrolliert, ob sie wirklich noch verteilt werden kann. Grundsätzlich macht sich der größere Andrang dahingehend bemerkbar, dass der Einzelne ab und an nicht mehr so viel bekommt wie früher. Das führt manchmal zu Konflikten. Es bleibt zum Glück alles im Rahmen. Einige, die schon lange zu uns kommen, sind natürlich nicht glücklich, dass sie wegen des großen Andrangs durch die Flüchtlinge zurückstecken müssen.

Kümmern wir uns genug um die Armen in der Gesellschaft?
Blum: Das ist eine Grundsatzdiskussion. Die Tafeln bedienen eine Lücke, die der Staat nicht schließen kann oder will. Wir haben durch unsere Arbeit direkten Kontakt mit Menschen in Not und wissen, wie es ihnen geht. Kaum jemand bemerkt, wie viele inzwischen auf Unterstützung angewiesen sind, weil man den meisten ihre Notlage gar nicht ansieht. Eigentlich dürfte ein so reiches Land wie Deutschland gar keine Tafeln brauchen.
Drechsler: Ich bin der Auffassung, dass die Gesellschaft etwas mehr abgeben könnte, um denen zu helfen, die wirklich Unterstützung benötigen. Einerseits sind wir eine Wegwerfgesellschaft, die selbst haltbare Nahrung in den Müll wirft. Andererseits gibt es Menschen, die nicht genug Geld haben, um Lebensmittel zu kaufen. Das werden leider immer mehr. Selbst Studenten gehören schon zu unseren Kunden.

Mit was für Problemen hat die Tafel zu kämpfen?
Drechsler: Wir haben monatliche Kosten von etwa 1200 Euro. Entsorgung von schlechten Lebensmitteln, Ausgaben für unser Fahrzeug und die zwei begehbaren Kühlräume – es fällt einiges an. Jeder Kunde zahlt zwar seit anderthalb Jahren einen Euro für seine Lebensmittel. Aber größere Posten wie die Reparatur des Autos stellen sofort ein Problem dar. Spenden sind deshalb immer willkommen.

Wer unterstützt die Tafel?
Blum: Wir haben etwa 80 Helfer. Die meisten sind wie ich schon älter. Ansonsten hat man tagsüber ja gar keine Zeit. Manche kümmern sich um die Ausgabe, andere übernehmen das Sortieren im Lager. Zudem sammeln wir mit unserem Fahrzeug an fünf Tagen in der Woche Lebensmittel von den Supermärkten ein. Was wir dringend brauchen, sind Personen, die uns im Lager helfen oder sich als Beifahrer im Tafel-Bus zur Verfügung stellen.

Glauben Sie, dass der Andrang in den kommenden Jahren weiter ansteigen wird?
Drechsler: Der Höhepunkt war Anfang des Jahres. Da die Zahl der Flüchtlinge nicht mehr so stark wächst, hat sich die Nachfrage stabilisiert. Ich gehe aber davon aus, dass der Bedarf in den kommenden Jahren nicht sinkt, sondern weiter zunehmen wird.

Was motiviert Sie?
Blum: Wir erfahren sehr viel Dankbarkeit. Das ist unser Lohn. Ich finde es zudem einfach schön, anderen zu helfen. Dazu kommt, dass wir eine eingeschworene Truppe sind, die sich gut versteht und bei der Arbeit viel Spaß hat.
Drechsler: Wenn man wie ich nicht mehr im Berufsleben steht, sollte man sich sozial engagieren. Ich habe selbst so viel bekommen. Nun habe ich die Möglichkeit, etwas zurückzugeben.

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