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Pinneberger Tageblatt

11. Dezember 2016 | 01:26 Uhr

Brexit-Debatte als Anstoß : Das ist Pinnebergs 15.000. Neu-Bürgerin

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Nach 46 Jahren in diesem Land beantragt Catherine Andresen die deutsche Staatsbürgerschaft.

Pinneberg | Catherine Andresen muss ein bisschen überlegen. Was an ihr ist typisch britisch? 1947 wurde sie in Schottland geboren. Seit 1970 lebt sie in Deutschland. Ein Land, das sie längst als „meine Heimat“ bezeichnet. Aber doch, da gibt es etwas, über das sie sich immer noch aufregt. „Wenn sich hier in Deutschland zum Beispiel in einem Supermarkt eine Schlange an der Kasse bildet. Und dann macht eine zweite Kasse auf. Dann rasen die Leute vom Ende der Schlange an den Wartenden vorbei und schieben sich nach vorn. So etwas gibt es in Großbritannien nicht. Die Leute dort drüben sind einfach entspannter. Da wird ruhig von vorn beginnend nachgerückt.“

Deutscher ist, wer mindestens ein Elternteil mit deutscher Staatsbürgerschaft hat und unter bestimmten Voraussetzungen auch ein Kind, das in Deutschland geboren wurde, dessen beide Eltern aber Ausländer sind. Ausländer, die mindestens acht Jahre in Deutschland leben, können ebenfalls die deutsche Staatsbürgerschaft erwerben. Die weiteren grundsätzlichen Voraussetzungen für einen Antrag: geklärte Identität, bereits vorhandener unbefristeter Aufenthaltstitel, Nachweis der Sicherung des Lebensunterhaltes, Deutschkenntnisse, Einbürgerungstest, keine Straftaten und eine Erklärung über die Loyalität gegenüber Deutschland. Grundsätzlich erhält der Antragsteller nur die deutsche Staatsbürgerschaft, wenn er seine bisherige aufgibt. Auch hier gibt es aber Ausnahmen: zum Beispiel für EU-Bürger. Eine Einbürgerung im Kreis Pinneberg kostet außerdem 255 Euro pro Person und ist nur nach Terminabsprache mögliche.

Seit gestern ist auch Catherine Andresen eine Deutsche. Im Kreishaus erhielt die 68-Jährige ihre Einbürgerungskunde aus den Händen von Schleswig-Holsteins Innenminister Stefan Studt. Nach Angaben der Verwaltung ist dieses das 15.000. Einbürgerungsdokument, dass der Kreis Pinneberg in seiner Geschichte ausgestellt hat. Seit fast 40 Jahren lebt Catherine Andresen mit ihrem Mann Jan-Peter in einem Reihenhaus an einer ruhigen Seitenstraße in Pinneberg-Thesdorf. Und er ist auch der Grund dafür, warum aus ursprünglich geplanten zwei Jahren Deutschland ein ganzes Leben wurde.

Schon in der Schule hatte sie Deutsch gelernt: „Ich mochte die Sprache einfach.“ Sie gefiel ihr so sehr, dass sie in London Deutsch studierte. Als sie nach dem Abschluss die Möglichkeit erhielt, für eine Ölgesellschaft in Hamburg zu arbeiten, nahm sie die Gelegenheit war. Das war 1970. Fremd habe sie sich nie gefühlt, sagt Caterine Andresen: „Hamburg ist sehr britisch geprägt. Mehr als zum Beispiel München.“ Sprachprobleme gab es auch nicht: Sie konnte bereits Deutsch, die meisten Hamburger konnten Englisch. „Eigentlich wollte ich dann weiter nach Paris. Aber daraus wurde ja nichts.“ Über eine Arbeitskollegin lernte sie ihren späteren Mann kennen. Heirat 1973, 1976 wurde ihr Sohn geboren, Jahrzehnte später zwei Enkelkinder. Die Familie zog zunächst auf einen Bauernhof nach Bönningstedt, dann in das Reihenhaus in Pinneberg.

Staatsbürgerschaft? „Es war nie notwendig“

Ihr Lebensmittelpunkt wurde immer mehr Deutschland, ihr Pass blieb britisch. Die Staatsbürgerschaft habe sie nie beantragt: „Es war nie notwendig. Das ist es strenggenommen auch heute nicht.“ Aber durch die Debatte um den EU-Austritt Großbritanniens sei der Entschluss in ihrem Kopf gereift, diesen Schritt zu gehen: „Ich hatte zwar nie im Leben damit gerechnet, dass die Abstimmung so ausgeht. Aber ich fand, dass die Staatsbürgerschaft für mich der logische nächste Schritt war. Mein Lebensmittelpunkt ist nun einmal hier.“ Noch bevor die Briten am 23. Juni dieses Jahres mehrheitlich für den Brexit stimmten – „Wir waren alle geschockt“ – ging sie zur Kreisverwaltung in Elmshorn und stellte ihren Antrag auf Einbürgerung. Seit gestern hat sie nun die doppelte Staatsbürgerschaft: britisch und deutsch. „Und wenn der Brexit tatsächlich umgesetzt wird, bleibe ich immer noch Europäerin“, sagt die 68-Jährige augenzwinkernd.

Zweimal im Jahr besucht die gebürtige Mac Donald ihre Verwandten in Schottland. Sie sieht ihre drei jüngeren Geschwister wieder und kehrt mit Vanillesauce – „Die schottische schmeckt einfach besser“ – und einem speziell gewürzten Saucenbinder im Gepäck zurück. Bei ihren Schottland-Reisen freut sie sich auch auf die frischgebackenen, weichen Frühstücksbrötchen – Scottish Rolls. Es ist das einzige Mal bei dem Gespräch, dass in Catherine Andresens Augen ein Anflug von schottischem Heimweh zu erkennen ist: „Dieser Duft, der morgens aus der Küche kommt – einmalig schön.“

Ob sie außer einigen speziellen Lebensmitteln etwas hier in Deutschland vermisst? Für die Antwort muss Catherine Andresen nicht lang überlegen. „Nein!“, sagt sie mit Bestimmtheit. Sie blickt kurz zu ihrem Mann, der während des Gesprächs auf einem Sessel im Wohnzimmer Platz genommen hat. Dann schweift ihr Blick durch die offene Terassentür in ihren sonnendurchfluteten Garten. „Ich bin hier zu Hause“, sagt sie: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich jemals wieder in Schottland leben werde.“ Das wäre ihr nach 46 Jahren in Deutschland viel zu fremd: „Ich fühle mich hier wohl.“ Außer vielleicht, wenn sich wieder einmal jemand an der Supermarktkasse vordrängelt...

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erstellt am 14.Sep.2016 | 10:00 Uhr

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