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Pinneberger Tageblatt

03. Dezember 2016 | 20:41 Uhr

Interview mit Hamburger Theatermacher : Corny Littmann: „Etiketten interessieren mich nicht“

vom

Corny Littmann nerven Junggesellenabschiede auf dem Kiez. Sein neues Theaterstück heißt „Cindy Reller“.

Interview mit Corny Littmann: Der erfolgreiche Hamburger Theatermacher über ein Jubiläum, seine Karriere und die Veränderungen auf St. Pauli und der Reeperbahn.

„Herr Littmann, was haben Sie eigentlich gegen Pinneberg?“

Corny Littmann (schmunzelt lange): „Wenn überhaupt etwas, dann nur das übliche Vorurteil: Die Autofahrer.“

„In Ihrem Erfolgsstück „Heiße Ecke“ müssen Pinneberger als Klischee für die größten Lacher herhalten. Stehen die dort als Symbol für ein neues Publikum auf der Reeperbahn, das man vielleicht erträgt, aber einen nicht erfreut?“

„Was Pinneberg für Hamburg ist, ist jeder Vorort einer Großstadt. Dabei geht es gar nicht so sehr um die Pinneberger, sondern um diese Junggesellen-Abschiede von Auswärtigen auf dem Kiez. Die haben in den letzten zehn Jahren inflationsartig zugenommen, besonders an einem Wochenende. Und etliche sind eine nicht immer erfreuliche Erscheinung.“

Sind solche Typen, die am Wochenende auf der Reeperbahn die Sau rauslassen, inzwischen der Prototyp des St. Pauli-Besuchers?

Das ist nur eine kleine Gruppe und gottseidank lebt die Reeperbahn ja von der Vielfalt der Besucher. Die Gruppe der Junggesellen und, ganz wichtig, auch Jungesellinnen, verschont uns glücklicherweise beim Theaterbesuch. Aber je weiter man die Reeperbahn runtergeht, desto zahlreicher trifft man sie und das nervt oft schon entsprechend.

„Am 3. September feiern Sie mit einer großen Sause das 25-jährige Jubiläum Ihres Theaters „Schmidts Tivoli“. Wie hat sich St. Pauli seit der Eröffnung am 1. September 1991 verändert?“

„Ich versuche es in kurze Worte zu fassen: Die größte Veränderung hat hier bei uns am Spielbudenplatz stattgefunden. Bei der Eröffnung hatten wir vor unseren Häusern eine Sandwüste, die Menschen sind in der Regel auf der anderen Seiten geblieben und die Reeperbahn runtergegangen. Der Lauf, wie wir es nennen, hat sich völlig verändert. Mit der zunehmenden Theateraktivität vom St. Pauli Theater über unsere Bühnen bis zum Operettenhaus hat sich hier wieder ein Hamburger Publikum eingefunden, das gutbürgerlich ist und Jahrzehnte die Reeperbahn gemieden hat.“

„Ein Wandel St. Paulis zum Vorteil?“

„Das hängt davon ab, wo man sich hier bewegt. Es gibt so etwas wie eine Parzellierung mit Bereichen, die nur von einem bestimmten Publikum besucht werden. Besucher der Großen Freiheit, die vor allem Freitags- und Samstagsnacht dort auftauchen, wird man am Spielbudenplatz nicht finden. Und umgekehrt gilt das auch. Unsere über 400.000 Theaterbesucher im Jahr, werden auch nicht auf der Großen Freiheit zu sehen sein. Am Hans-Albers-Platz hat sich eine ganz eigene Kneipenkultur entwickelt und auch am Hamburger Berg. Und jeder dieser Hotspots hat sein eigenes Publikum.“

„Das Tivoli spielt seit 2003 die 'Heiße Ecke', ein Musical über den legendären Kiez-Imbiss, und avancierte damit zum erfolgreichsten deutschsprachigen Musiktheater. Haben Sie eine solche Erfolgsgeschichte bei der Eröffnung vorhergesehen?“

„Nein, wir haben uns mit dem Tivoli eigentlich in ein großes Abenteuer gestürzt, was rückblickend betrachtet mehrere Jahre zu früh kam. Wir sind in unserem Platzangebot schlagartig von gut 200 im 'Schmidt' auf über 800 in beiden Theatern zusammen explodiert. Natürlich waren wir optimistisch, dass man beide Theater erfolgreich führen kann, auch ohne staatliche Subventionen. Aber 13 Jahre „Heiße Ecke“ sind ein absolutes Phänomen, an das wir selbst im Traum nicht gedacht haben.“

„Vor wenigen Monaten haben Sie mit dem 'Schmidtchen' die dritte Bühne eröffnet. Wie viel Theater verträgt die Reeperbahn noch?“

„Wenn man weiß, dass in den zwanziger und dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts etwa 60 Theaterbetriebe unterschiedlichster Couleur hier auf St. Pauli waren, dann vertragen wir noch ne ganze Menge mehr. Aber es wird sie nicht geben.“

„Warum nicht?“

„Weil die Bedingungen für Privattheater sehr viel schwieriger geworden sind; weil es nicht die entsprechenden Grundstücke oder Räumlichkeiten gibt, und weil die Politik lange versäumt hat, die Voraussetzungen dafür zu schaffen. Wir haben zum Beispiel ja in den achtziger Jahren eine lebendige Kinokultur auf St. Pauli gehabt. Eines der Kinos ist heute Heimat der Travestieshow 'Pulverfass', alle anderen sind Spielhallen oder Shopping-Center geworden.“

„Heißt das, Hamburg weiß nicht so genau, was St. Pauli eigentlich sein soll − Rotlichtviertel, Vergnügungsmeile, Kneipen und Kulturbezirk?“

„Über 50 Jahre lang hat die regierende SPD St. Pauli immer als ein Mischgebiet betrachtet, als Verbindung von Wohnen und Gewerbe. Skurrilerweise ist erst unter der Regierung von Ole von Beust die Bedeutung von St. Pauli und der Reeperbahn für den Tourismus vom Hamburger Senat erkannt und gefördert worden. Das hätte man doch zu allerletzt der CDU zugetraut.“

„Schauspieler, Regisseur, Theatermacher, Gastronom, Unternehmer oder heimlicher König vom Kiez – wie sehen Sie sich selbst?“

„Als einen fröhlichen Menschen, der viel dafür tut, dass es ihm gut geht.“

Corny Littmann - seine Biographie

Corny Littmann, 62, ist in diesen Tagen nicht leicht zu kriegen. Er probt fast täglich für seine neueste Premiere am 15. September. Der Theatermacher, Unternehmer und frühere Schwulenaktivist empfängt in seinem „Büro“, wie er gern sagt, auf einer roten Plüschcouch in der Bar seines Schmidt-Theater auf der Hamburger Reeperbahn. Hier begann am 8. August 1988 sein Weg als Theatermacher, drei Jahre später folgte das Tivoli. Littmann ist für seine Verdienste um das Theaterleben in Hamburg mehrfach ausgezeichnet worden, unter anderem mit dem Rolf Mares Preis. Der ehemalige Präsident des FC St. Pauli, der den Fußball-Profiklub vor der Pleite rettete, ist offiziell verpartnert mit Madou Ellabib, 50, einem Tenor an der Staatsoper Hamburg.

„Das war jetzt eine private und sehr diplomatische Antwort. Wie lautet die berufliche?“

„Ich glaube, das geht alles gut zusammen, weil ich eine Fähigkeit habe, die manchem vielleicht abgeht: Ich delegiere gerne, ich gebe gerne Verantwortung ab und habe viele Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die auch sehr gern diese Verantwortung wahrnehmen.“

Den Titel „heimlicher König vom Kiez“ mögen Sie nicht so gern hören?

„Ich finde, das sind Etiketten, die kann man alle auf meiner Trauerfeier zum Besten geben kann. Zu Lebzeiten interessieren mich die nicht.“

„Dennoch gehören Sie und Ihre Partner zu den großen Playern auf St. Pauli. Gibt es für Sie überhaupt noch Herausforderungen?“

„Es gibt für uns eine ganz aktuelle Herausforderung, das ist das neue 'Klubhaus St. Pauli',  der Neubau neben dem Schmidt-Theater, in dem auch das 'Schmidtchen' zu Hause ist. Das Gebäude ist fertig, muss aber noch mit mehr Leben gefüllt werden. Ende des Monats wird dort zum Beispiel ein neuer Klub eröffnen, das 'Gaga', das sensationell eingerichtet ist und ein völlig anderes Publikum anziehen soll. Dort werden die jungen, schönen Reichen angesprochen, die sich dann im Klubhaus mit den Gästen der anderen Lokalitäten mischen sollen. Das wird spannend.“

„Ihren Status als Kultfigur der Theater- und Schwulenszene haben sie mit provokanten Auftritten der Theatergruppe 'Brühwarm' Mitte der siebziger Jahre oder der 'Mitternachtsshow' im NDR-Fernsehen  begründet. Damals haben sich Sender manchmal sogar ausgeklinkt. Womit wollen Sie heute noch provozieren?“

„Wir haben das ja damals nicht als Provokation konzipiert. Unsere Idee für die Mitternachtsshow im NDR war, mit einer gewissen Selbstverständlichkeit und natürlich komödiantisch das Thema 'schwul' immer wieder zu präsentieren und dazu Unterhaltung in ihrer ganzen Vielfältigkeit von Amateuren bis hin zu Profis. Gedacht war das Ganze nicht für die großstädtischen Schwulen, sondern für die in der Provinz, die nächtens eben nicht ausgehen konnten, sondern vor dem Fernseher saßen. Das hat ja auch funktioniert und war vier Jahre sehr erfolgreich. Die Idee hat dann wiederum einige Leute provoziert.„

„Wie geht es Ihnen damit, wenn man Ihre Karriere als einen Weg vom Schwulenaktivisten zum Volkstheater bezeichnet?“

„Gut. Ich würde sagen: Stimmt. Nicht nur die 'Heiße Ecke' ist Volkstheater. Das was wir hier machen, ist deutsches Musiktheater, was man zu Recht als zeitgemäßes Volkstheater heutiger Prägung bezeichnen kann.“

„Ihre nächste Premiere findet am 15. September im Schmidt Theater statt mit 'Cindy Reller'. Was erwartet die Besucher?“

„Eine bunte, musikalisch geprägte Geschichte, die entfernt was mit dem bekannten Märchen zu tun hat....“

„. . . und „voll ins Ohr und mitten ins Herz“ gehen soll. Ein Musical-Abend für alle Fans von Helene Fischer und Andrea Berg?“

„Ich hoffe doch sehr, dass nicht nur die Fans von Helene Fischer davon begeistert sind. Die Geschichte einer kleinen Verkäuferin, die von einer Karriere als Schlagersängerin träumt, wird natürlich wieder sehr schräg und saukomisch sein.“

„Und mal wieder den Schauspieler Corny Littmann in einer Hauptrolle präsentieren: Das ist für Sie gar nicht mehr der Rede wert?“

„Nee, ich habe in den vergangenen Jahren die meisten großen Stücke inszeniert und nach einer gewissen Spielzeit gelegentlich auch eine Rolle übernommen, zum Beispiel in 'Die Königs vom Kiez'. Dieses Mal habe ich mich entschieden zu spielen. Das ist ein großes Vergnügen, weil viel Verantwortung von mir genommen ist.“

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erstellt am 27.Aug.2016 | 09:54 Uhr

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