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Pinneberger Tageblatt

29. September 2016 | 20:40 Uhr

HSV-Trainer im Interview : Bruno Labbadia: „Ich kann mit Niederlagen nicht umgehen“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Seit April 2015 ist Bruno Labbadia in seiner zweiten Amtszeit Trainer des Hamburger SV. Interviews zu privaten Themen mit dem 50-Jährigen sind rar. Für shz.de hat er eine Ausnahme gemacht.

Hamburg | Es ist heiß, das Training bei über 30 Grad gerade beendet, als Bruno Labbadia, 50, frisch geduscht zum Gespräch in der Emirates-Loge des Volksparkstadions erscheint. Alle stöhnen, aber er sagt: „Ich mag solch Wetter, in Hamburg gibt es dazu fast immer einen leichten Wind“, und schon sind wir mitten im Thema.

Herr Labbadia, haben Sie eigentlich inzwischen Ihren Segelschein gemacht?
Bruno Labbadia: Leider immer noch nicht. Ich bin viel auf der Alster, momentan habe ich das Stand-Up-Paddeln für mich entdeckt, weil man da auch relativ gut entspannen kann. Aber ich beobachte immer die Segler, wie die ihre Kurse fahren. Ich finde das einfach spannend, irgendwann muss ich das machen.

Als Sie im Sommer 2009 das erste Mal Trainer des HSV wurden und ganz frisch angekommen waren, haben Sie praktisch als erstes in einem Interview gesagt: „Mein größter Wunsch ist es, mit meinem Sohn einen Segelschein auf der Alster zu machen“. Wie kam es zu dieser spontanen Liebeserklärung?
Ich habe mich manchmal auch schon gefragt, woher kommt eigentlich die Liebe zu der Stadt? Als HSV-Spieler gab es die noch nicht, da war ich 21 und viel zu viel mit mir selbst beschäftigt. So richtig losgegangen ist das erst 2008. Da war ich zum ersten Mal ein großes Thema beim HSV als möglicher Trainer. Das hat dann zwar aus verschiedenen Gründen nicht sollen sein. Aber ich war von Hamburg angepiekst. Und dann kam meine Tochter in genau diesem Jahr zum Studium hierher. Als ich sie dann gleich zu Beginn besuchte, irgendwann im September, Oktober, und zum Frühstück in einem Café am Mühlenkamp in Winterhude saß, da habe ich mit meinem Co-Trainer telefoniert und gesagt: „Du, hier müssen wir her, das ist wahnsinnig hier.“ Und das hat mich dann nicht mehr losgelassen.

Sie sind in 32 Jahren als Fußballprofi und Trainer 15 mal umgezogen und haben in 12 verschiedenen Städten gelebt. Sehnt man sich da nach einer Heimat?
Heimat bedeutet ja immer auch Familie. Die ist wie eine Insel. Ich bin mit meiner Frau im diesem Sommer 30 Jahre verheiratet und 34 Jahre mit ihr zusammen, sie hat alles mit mir mitgemacht. Wo die Familie ist und wo unsere Möbel stehen, da ist immer auch unsere Heimat. Bis vor sechs Jahren war das ganz automatisch Darmstadt, da bin ich geboren, da lebte meine ganze Familie, da hat meine Fußball- und meine Trainerkarriere begonnen.

Am 15. April 2015, sechs Spieltage vor Ende der Saison, wurde Labbadia Trainer des damals Tabellenletzten. Es war sein drittes Engagement in Hamburg. 1987/88 schoss er als HSV-Stürmer auf Anhieb 11 Tore für seinen neuen Verein. „Und drei oder vier wurden nicht gegeben“, sagt er nicht ohne Stolz. 2009 kam er für neun Monate als Trainer. Schon vorher hatte der Sohn italienischer Gastarbeiter, der in Darmstadt geboren wurde, Hamburg zu seiner Heimat erkoren. Hier lebt er mit seiner Frau Sylvia („mein Herzstück“) und seinen beiden Kindern.

Trotzdem hat das irgendwann nicht mehr gereicht?
Das hat sich ein Stück verschoben, ja. Hamburg hat das ersetzt. Als es 2008 mit dem HSV nicht klappte und ich dann als Trainer nach Leverkusen ging, haben wir unser Haus in Darmstadt aufgegeben. Wir hatten gemerkt, unser Leben hat sich weitergedreht. Wir sind dann mit Sack und Pack nach Köln gegangen und danach nach Hamburg. Dadurch hat mein Sohn innerhalb von fünf Jahren drei Schulwechsel gehabt. Das war natürlich zu viel. Als dann beim HSV Schluss war, haben wir uns gefragt, was machen wir jetzt, und festgestellt, wir haben eigentlich keine richtige Heimat. Aber meine Tochter lebte hier. Ich war Stadtmensch geworden. Also sind wir geblieben. Es ist nicht immer schön, nach einem Trainerabschied in der Stadt zu bleiben, aber auch das haben mir die Hamburger sehr leicht gemacht.

Sie haben italienisches Blut in den Adern, sind geboren und aufgewachsen in Hessen. Wie lange hat es gedauert, bis Sie bei den kühlen Klaren im Norden angekommen waren?
Ich habe die Hamburger offener erlebt, als sie immer dargestellt werden. Die Menschen haben meine Arbeit auch in der Zeit nach der ersten Trennung immer mehr honoriert als kritisch gesehen. Ich habe die Zeit in Hamburg danach gut genutzt mit der Familie, ich hatte ja nach 27 Jahren meine erste Auszeit, die länger als zwei Wochen dauerte. Es gibt ein hessisches Sprichwort, das mir die Oma meiner Frau mitgegeben hat... (Labbadia spricht etwas völlig Unverständliches auf Hessisch) ...das heißt übersetzt: „Ist etwas noch so schlimm, ist es doch für etwas gut, wenn du es richtig nutzt“. Wir sind dann geblieben, und als ich Trainer in Stuttgart war, sind wir viel gependelt.

Warum gerade Hamburg?
Es ist super angenehm hier zu leben. Ich mag den Menschenschlag, die Stadt ist unfassbar schön, die Alster ist wahnsinnig. Große Flüsse haben viele Städte, aber so ein Gewässer, mitten in der Stadt, um das man herumlaufen kann, das ist der Wahnsinn. Und was ich besonders liebe, sind diese grundverschiedenen Stadtteile. Von hip bis ein bisschen abgerockt oder konservativ kann ich alles innerhalb von zehn Minuten haben, je nachdem wozu ich Lust habe. Ich fühle mich hier frei, vor allem wenn ich nicht arbeite.

Aber nun arbeiten Sie wieder hier.
Ja, wenn ich beim HSV bin, dann ist das Gefühl nicht ganz so. Das liegt an mir, ich setze mich wahnsinnig unter Druck, ich kann mit Niederlagen nicht umgehen, ich hasse Niederlagen. Dann kann ich das schöne Wetter, die Alster, das Leben hier einfach nicht so genießen.

Sie bezeichnen sich selbst als extremen Gefühlsmenschen. Warum sind sie denn dann das Risiko eingegangen, sich hier aufgrund des Jobs nicht mehr so wohl fühlen zu können?
In dem Moment, als voriges Jahr der Anruf vom HSV kam, war mir sofort klar, ich gebe meine Freiheit auf, die ich in Hamburg gerade hatte. Meine Tochter hat gesagt, als ich sie nachts angerufen habe: „Papa, mach das nicht, du bist dann nicht mehr der gleiche. Ich habe dich noch nie so frei gesehen wie die letzten Monate in der Stadt“. Ich habe mich praktisch etwas über meine Familie hinweg gesetzt.

Warum?
Der HSV ist ein geiler Verein, das tolle Stadion, die wahnsinnigen Fans. Ich hatte in dem Moment einfach teilweise die rosarote Brille auf. Als ich unterschrieb, wusste ich aber, wenn das Ding schief geht, kannst Du dein Haus verkaufen. Für mich persönlich war das fast russisches Roulette.


Einer von Bruno Labbadias größten Erfolgen als Trainer - der Klassenhalt mit dem HSV.

Sie haben den Abstieg verhindert, aber der Druck, die sportliche Erwartungshaltung, beides ist schon wieder sehr groß. Haben Sie Ihre Entscheidung für Hamburg schon mal bereut?
Wenn heute schon wieder höre „Druck“, dann könnte ich manchmal fast darüber lachen. Es gibt keinen größeren Druck als den, den ich vor 17 Monaten hatte. Auch wenn es nur sechs Spiele waren, ich wäre derjenige gewesen, der mit dem HSV abgestiegen wäre. Aber zu Ihrer Frage: nein, Die Stadt ist sehr tolerant und lässt dich in Ruhe, das hat mir immer ein gutes Gefühl gegeben. Ich habe meine Zeit hier gut genutzt und habe da sehr viel mitgenommen. Das ist als Trainer vielleicht etwas schwieriger, weil man eine öffentliche Person ist und der HSV jeden interessiert. Aber hier kann man alt werden.

Sie haben sich als Kind und Jugendlicher geweigert, italienisch zu lernen...
Leider!

Sprechen Sie es inzwischen?
Ich spreche es, aber nicht mehr perfekt. Das ist etwas, was mich sehr bewegt. Ich kann mich verständigen, verstehe fast alles, aber mir fehlt einfach der tägliche Gebrauch. Ich kann komischerweise auch nicht wie auf Englisch einfach losquatschen, wie es mir gerade in den Sinn kommt. Mir ist unangenehm, dass ich italienisch nicht perfekt kann.

Wie wichtig ist für Fußballer die Identifikation mit der momentanen Heimat und der Region?
Spannende Frage. Ich habe zum Beispiel in Stuttgart erlebt, dass viele Spieler eine hohe Identifikation mit dem Verein hatten, und das in einer schwierigen Situation wie im Abstiegskampf auch belastend sein kann. Du hast dort Verwandte, Freunde, ein eigenes Haus, ein Abstieg trifft dich persönlich viel, viel mehr. Spieler ohne solche Identifikation sind manchmal entspannter und cooler, die machen nach Niederlagen einfach zu und sagen: Ok, gehe ich halt woanders hin. Aber Identifikation kann auch Kräfte frei setzen: Nehmen wir das Beispiel Uwe Seeler, der jetzt 80 wird: Das ist mit Geld nicht aufzuwiegen, das ist durch nichts zu ersetzen, dass er hier geblieben, Hamburg treu geblieben ist. Diese Identifikation, das ist was ganz Besonderes.

Hand aufs Herz, haben Sie drei Minuten vor Ende des Relegationsspiels in Karlsruhe 2015, als der HSV praktisch schon abgestiegen war, mal gedacht, wie erkläre ichdas bloß den Leuten zuhause?
Komischerweise nicht, nein. Es klingt vielleicht blöd, aber ich wusste ja, ich musste mein eigenes Glück mitbringen, als ich sechs Spieltage vor Saisonende kam. Unser Glück war aufgebraucht. Ich durfte diesen Glauben nie verlieren und war in diesen Wochen wie in einem Tunnel. Ich habe in dieser Phase so viel Kraft in mir gehabt, dass mich alles Andere nullkommanull tangiert hat. Ich habe nicht an die Familie gedacht, nicht an die berühmte Uhr im Stadion, auf der unsere Zugehörigkeit als Dino der ersten Liga angezeigt wird. Meine Frau hat irgendwann danach einmal gesagt: Willkommen im Leben zurück.

Bruno Labbadia persönlich
Elbe oder Alster? Ganz klar, die Alster. Sie ist ein Geschenk. Die Elbe ist auch toll, aber Flüsse haben viele Städte. Aber so ein Gewässer wie die Alster, mitten in der Stadt, das ist ein Traum.

Wasser oder Berge? Definitiv Wasser. Aber meine Lieblingsplätze verrate ich niemandem, es gibt mehrere.

Labskaus oder grüne Soße? Keins von beiden (lacht). Aber beides definitiv die Gerichte meiner Frau.

Bratkartoffeln oder Spaghetti? Auf jeden Fall Spaghetti. Ich bin mit Nudeln groß geworden, es gab keinen Tag, wo ich nicht Nudeln essen musste. Und auch gern aß.

Rote Grütze oder italienisches Eis? Eindeutig: Ich liebe Eis.

WM oder Olympia? WM. Aber eine interessante Frage, ich habe bei diesen Olympischen Spielen zum ersten Mal gedacht, schade, dass ich das nicht einmal erlebt habe. Beach-Volleyball zum Beispiel, ich würde gern  einmal die Spiele besuchen.“

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erstellt am 17.Sep.2016 | 10:00 Uhr

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