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Pinneberger Tageblatt

09. Dezember 2016 | 01:00 Uhr

Das Sonntagsgespräch : „Betreuer übernehmen eine große Verantwortung“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Interview: Heute mit Roswitha Schusdziara.

Kreis Pinneberg | Roswitha Schusdziara ist Geschäftsführerin des Vereins für Betreuung und Selbstbestimmung im Kreis Pinneberg. Im Sonntagsgespräch erklärt sie unter anderem, worum sich die gesetzlichen ehrenamtlichen Betreuer kümmern.

Wie sieht die Arbeit des Betreuungsvereins aus?
Wir werden vom Kreis und vom Land gefördert, um das Betreuungsrecht nach außen zu vermitteln. Wir richten zum Beispiel regelmäßig Veranstaltungen aus, die über Vorsorge, Betreuungsvollmachten oder Patientenverfügungen informieren. Dazu bieten wir regelmäßige Sprechstunden an und versuchen, ehrenamtliche Betreuer zu gewinnen. Diese unterstützen Menschen, die sich nicht mehr selbst helfen können. Derzeit stehen uns rund 150 Ehrenamtler zur Verfügung. Zu unseren Aufgaben gehört außerdem die Übernahme rechtlicher Betreuungen als hauptamtliche – vom Gericht bestellte - Vereinsbetreuer.

Was macht ein gesetzlicher Betreuer?
Das Betreuungsrecht definiert, für welchen Bereich ein gesetzlicher Betreuer zuständig ist. Früher gab es eine Vormundschaft und die Betroffenen wurden praktisch komplett entmündigt. Inzwischen wird geschaut, in welchen Bereichen Unterstützung erforderlich ist. Behördenangelegenheiten, Vermögensvorsorge, gesundheitliche Probleme - die einzelnen Bereiche sind ebenso wie die Aufgaben klar definiert. Es wird genau geschaut, was jemand selbst entscheiden kann und was nicht. Ein Richter stellt individuell fest, in welchen Bereichen eine Betreuung erforderlich ist. Die Selbstbestimmung soll so wenig wie möglich eingeschränkt werden. Eine Überprüfung der Betreuung erfolgt nach spätestens sieben Jahren. Betroffene können diese auch jederzeit selbst anregen.

Hat der Betreuungsverein mit Problemen zu kämpfen?
Ein Problem ist sicherlich, dass uns Räume fehlen. Für größere Veranstaltungen ist in unserem Gebäude zu wenig Platz. Ich finde es schade, dass wir deshalb häufig die Teilnehmerzahl beschränken müssen. Bedauerlich finde ich zudem, dass die Bürokratie zunimmt. Die Dokumentationen werden immer umfangreicher. Ich befürchte, dass deswegen auf Dauer weniger Zeit für die Arbeit mit den Menschen bleibt.

Ist der Betreuungsbedarf in den vergangenen Jahren gestiegen?
Die Alterspyramide macht sich auch bei uns bemerkbar. Da die Menschen immer älter werden, steigt die Zahl derer, die eine Betreuung benötigen. Aufgrund des demographischen Wandels gehe ich in den kommenden Jahren von einer weiteren Steigerung aus. Deshalb sind zusätzliche ehrenamtliche Betreuer immer willkommen. Gerade Leute, die andere Sprachen beherrschen und Einwanderer unterstützen können, werden benötigt.

Welche Voraussetzungen sollten gesetzliche ehrenamtliche Betreuer haben?
Es geht darum, sich für jemanden so einzusetzen, als wenn man seine eigenen Belange vertritt. Betreuer übernehmen eine große Verantwortung. Zeit, Engagement und Toleranz sind deshalb wünschenswert. Ehrenamtliche Betreuer sollten zudem in der Lage sein, eine professionelle Distanz zu wahren. Ist die nicht da, wird es ganz schnell kompliziert. Man sollte den Betreuten allerdings zumindest einmal pro Monat besuchen. Der Aufwand bei Übernahme einer neuen rechtlichen Betreuung ist am Anfang etwas höher, da man sich als Betreuer überall legitimieren muss, liegt dann im Schnitt bei zwei bis drei Stunden im Monat.

Hat sich die Arbeit in den vergangenen Jahren verändert?
Gesetzesänderungen führen zwangsläufig zu stetigem Wandel. Wir müssen aufpassen, dass wir immer auf dem Laufenden sind. Für unsere Ehrenamtlichen bieten wir deshalb regelmäßig Fortbildungen und Seminare an.

Was macht für Sie den Reiz der Arbeit aus?
Die enorme Vielfalt. Dadurch wird es nie langweilig. Ich freue mich, dass die Mitgliederzahlen konstant bleiben und wir keine Nachwuchssorgen haben. Das Interesse an unseren Veranstaltungen ist ebenfalls groß. Die positiven Reaktionen tragen dazu bei, dass mir die Arbeit so viel Spaß bringt.

Betrifft die bevorstehende Schließung des Pflegezentrums in Kummerfeld auch den Verein für Betreuung und Selbstbestimmung im Kreis Pinneberg sowie die ehrenamtlichen Betreuer?
Von der Schließung sind auch Bewohner betroffen, die von uns betreut werden. Die gesetzlichen Betreuer sind dann dafür zuständig, dass eine neue Unterkunft gefunden wird. Das ist gar nicht so einfach, da die Nachfrage nach Heimplätzen im Kreis das Angebot übersteigt. Das Problem trifft auch alle Angehörigen, die sich um die Belange der dort lebenden Senioren kümmern. Ich finde es bedauerlich, dass man den Menschen ihr Zuhause nimmt. Das kommt mir in der Diskussion häufig zu kurz. Es geht nicht nur darum, einfach irgendwo ein neues Quartier zu finden. Wer schon seit Jahren in Kummerfeld wohnt, hat dort Freunde gefunden und Beziehungen aufgebaut. Das wird alles zunichte gemacht.

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erstellt am 06.Nov.2016 | 14:06 Uhr

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