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Pinneberger Tageblatt

08. Dezember 2016 | 21:15 Uhr

Zur Buchmesse in Frankfurt : Bester Lesestoff aus der Redaktion

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Über einen psychedelischen Tripp und einen Auflagen-Millionär im Exil: Soenke Schierer und Dietmar Vogel im Leserausch.

Von Soenke Schierer

Lesen Sie dieses Buch. Punkt! Hier war mein Beitrag eigentlich beendet. „Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt“ braucht nämlich keine ausschweifenden Lobhudeleien (es reicht ja, dass der Autor des Buches schon ständig monströse Kettensätze baut). Aber da Weißraum, also unbeschriebene Abschnitte, in Redaktionen nicht allzu gut ankommt, habe ich noch etwas zum vierten Roman von Sven Regener geschrieben.

Bei „Magical Mystery“ gehen erste Gedanken eher in Richtung Beatles. Da war doch was mit dem Flopp-Film aus dem Jahr 1967. Das ist auch nicht ganz falsch, denn der damalige Versuch, die Geschichte einer psychedelischen Musiker-Tournee zu erzählen, bietet die Steilvorlage für Regener. Und damit ist „Magical Mystery“ nicht nur McCartney und Co., sondern auch „Gummistiefel-Techno“ und „Trance-Bretter“.

magical mystrery

Der Roman erzählt die Geschichte einer Gruppe Elektro-Musiker, die fünf Jahre nach dem Mauerfall auf Club-Tour quer durch die Republik gehen. Protagonist Karl Schmidt kennen wir schon aus Büchern der Lehmann-Trilogie. Wir treffen also einen alten Bekannten. Der Künstler und beste Freund von Frank Lehmann lebt jetzt, nach Nervenzusammenbruch und Drogenproblemen, in einer betreuten WG für Ex-Drogenabhängige in Hamburg-Altona. Dort geht es um Alltag, um Routine, um Regeln. Bis er Raimund Schulte trifft. Der hat eine gemeinsame Berliner Vergangenheit mit Schmidt. Und heute „Kratzbombe“ beziehungsweise „BummBumm“, ein Techno-Label in Berlin.

Mit dem Treffen beginnt die Story. Karl Schmidt wird als Tourbusfahrer engagiert. Warum? Weil er einen Führerschein hat und als Ex-Drogenabhängiger clean bleiben muss. Es geht durch die Clubs der noch jungen Republik. Während die Musiker jeglichen Stoff konsumieren, kämpft Schmidt mit sich selbst, den 90ern und der Rückkehr in ein Leben, dass eigentlich hinter ihm lag. „Tabak ist das Heroin vom Trockendock!“ oder „Ich bin noch fetter geworden. Ich rauche schon dauernd, damit ich schlanker werde.“ Regener schreibt in der gewohnt großartigen kneipenromantischen Sprache. Wie immer überragend sind die Unterhaltungen der Charaktere, die auf den ersten Blick lapidar erscheinen, dem Leser aber schlicht den Spiegel vorhalten. Das wahre Leben ist ja auch meist eher Theken-Prosa als Lyrik!

Es ist dieser typische Regener-Sound, der über seitenlange Sätze mit unzähligen Einschüben hinwegtäuscht und das Buch zu mehr macht, als nur einem amüsanten Roman. Als Kind der Wendezeit erkennt man sich wieder. Aber nicht auf die historisch-korrekte Art, sondern vielmehr auf eine unterhaltsame Weise.

Man will nach jedem Kapitel lachend aufspringen und rufen: „Stimmt, verdammt noch mal! Genau, so war das damals!“

Sven Regener: „Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt“. 512 Seiten, 22,99 Euro; Verlag: Galiani Berlin


Finger weg von...
... „Ein echter Helmut Schmidt“ von Jost Kaiser. Lesen Sie jedes Buch von, mit oder über den großartigen Helmut Schmidt. Der Mann hat es verdient. Nur an der lieblos zusammengekleisterten Anekdoten-Sammlung von Jost Kaiser gehen Sie bitte vorbei. Ohne Wortwitz und ohne Antrieb schafft es Kaiser, auch amüsanteste Geschichten aus Schmidts Leben zu veröden. Fazit: Verschenkte Zeit!

Jost Kaiser: Ein echter Helmut Schmidt: Alle kleinen Geschichten über einen großen Mann. 272 Seiten, 9,99 Euro; Verlag: Heyne

 

Von Dietmar Vogel

Der Erfolgsautor Stefan Zweig (1881-1942) inspiriert. Auch 74 Jahre nach seinem Freitod im letzten Exilort Petrópolis im Bundesstaat Rio de Janeiro, Brasilien. Zuletzt setzte die Regisseurin Maria Schrader mit ihrem Geschichts-Kinofilm „Vor der Morgenröte“ mit Josef Hader als Zweig dem österreichischen Erfolgsautor ein filmisches Denkmal. Es ging um Seelenqualen im fernen Exil, weit weg vom kriegstobenden Europa. Letzte Lebensjahre des Vertriebenen nimmt auch der Journalist und Schriftsteller George Prochnik in seiner neuen Biographie „Das unmögliche Exil: Stefan Zweig am Ende der Welt“ in den Fokus. Auch ihm ist ein packender Wurf auf 397 Seiten gelungen. Für das Kino im Kopf.

Leicht zu lesen, gleichzeitig spannend komponiert und faktenreich: Prochnik findet den richtigen Mix für Kurzweiligkeit. Sein Kunstgriff, Persönliches einzuflechten, Parallelen einzubringen, die seine eigene Familie betreffen, ist geschickt gewählt. Fern von Eitelkeit und unaufdringlich.

Zweig, der Wiener jüdischen Glaubens und Kosmopolit, erlebt das Exil nicht als „statischen Zustand“, sondern als einen „Prozess“, schreibt der Auflagen-Millionär im Kriegsjahr 1940. (Seite 18 bei Prochnik). Ein Begriff, den Prochnik für sich nutzt, um in kurzen Geschichten aufzuzeigen, warum Zweig in Brasilien, dem „Land der Zukunft“, nach den Stationen London, Bath und New York doch nicht den „Ruhepunkt“ fand.

exil_zweig2016

Bibliothek, Besitz, Autographensammlung – Zweig hatte alles verloren. Seine Memoiren „Die Welt von gestern“ schrieb er aus der Erinnerung heraus. Es dauerte ein halbes Jahr, bis der Strauchelnde und seine zweite Frau Charlotte Elizabeth Altmann, geboren 1908, gemeinsam am 23. Februar 1942 „aus freiem Willen und mit klaren Sinnen“, aus Depression, Selbstmitleid, Heimweh und Schuldgefühlen heraus zum Gift griffen. Im „Vorgefühl der nahen Nacht“, lautet treffend der Titel eines weiteren Zweig-Kenners, Laurent Seksik.

Prochnik, der New Yorker, selbst Nachfahre Wiener Emigranten, legt eine sensible Arbeit vor, die höchst aktuell ist. Die Verzweiflung seines Protagonisten, eine neue Heimat zu finden und gleichzeitig „den Geist der Vergangenheit aufleben lassen“, ist allzu gegenwärtig. Zweig sehnte sich nach der geistigen Welt des alten Europa. Nach Gesprächen, Musik, Kultur. Millionen strömen gegenwärtig auf den europäischen Kontinent, um ihre Haut vor Krieg und Vertreibung zu retten.

Prochniks Buch inspiriert. Animiert dazu, Zweigs Meisterwerke wie „Balzac“ (1920), „Sternstunden der Menschheit“ (1927), „Joseph Fouché“ (1929), „Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam“ (1934) und „Castellio gegen Calvin“ (1936) aus den Tiefen des Bücherregals hervorzuziehen.

George Prochnik: Das unmögliche Exil. Stefan Zweig am Ende der Welt. 397 Seiten, 29,95 Euro; Verlag: C.H.Beck


Finger weg von ...
... „Sigmund Freud. Der Arzt der Moderne (2016)“ von Peter-André Alt. Was für eine Lese-Lust war das noch mit „Schiller“ (2000, 1423 Seiten, 2 Bände) und der Biographie über „Kafka“ (2005, 763 Seiten). Sein neuestes Werk ist dagegen kein „must have“. Wer Ernest Jones oder Peter Gay verschlungen hat, ist informiert über Leben und Werk des Begründers der Psychoanalyse aus Wien.

Peter-André Alt: Sigmund Freud: Der Arzt der Moderne. Eine Biographie. 1036 Seiten, 34,95 Euro; Verlag: C.H. Beck

 

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erstellt am 21.Okt.2016 | 16:30 Uhr

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