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Pinneberger Tageblatt

25. Mai 2016 | 01:26 Uhr

Der Schuldenatlas Schleswig-Holstein : Beratung wird immer komplexer

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Bilanz: Zahl der Schuldner bleibt etwa auf Vorjahresniveau. Häufiger suchen ältere Menschen Rat. Niedrig-Zinsen verlocken zu Käufen.

Kreis Pinneberg | Die Schuldnerberatung im Kreis Pinneberg habe auch im vergangenen Jahr viel zu tun gehabt, hat Mechild Kuiter-Pletzer, Leiterin der Schuldnerberatungsstellen der Arbeiterwohlfahrt (Awo) im Kreis Pinneberg, gestern berichtet. „Landes- und bundesweit soll die Zahl der Schuldner zwar gesunken sein, aber für den Kreis Pinneberg können wir das nicht bestätigen“, sagte sie. Die endgültige Bilanz des Jahres 2015 für den Kreis Pinneberg liege derzeit noch nicht vor, allerdings habe sich die Zahl der Beratungen im vergangenen Jahr auf einem ähnlich hohen Niveau befunden wie im Jahr 2014.

Die Schuldnerberatung im Kreis Pinneberg wird von öffentlicher Hand finanziert: 240.000 Euro jährlich zahlt das Land Schleswig-Holstein für die Insolvenzberatung, 140.000 Euro kommen laut Kuiter-Pletzer vom Kreis Pinneberg für die Beratung von Menschen, bei denen eine Perspektive besteht, dass sie wieder in den Arbeitsmarkt integriert werden können. Doch der Vertrag mit dem Kreis Pinneberg laufe demnächst aus, sagte Kuiter-Pletzer. „Ich hoffe, dass wir einen neuen Vertrag erhalten und vielleicht eine halbe Stelle mehr einrichten können“, sagte sie. „Die Nachfrage nach unserer Arbeit stagniert zwar, aber die Probleme, mit denen die Menschen zu uns kommen, werden immer komplexer.“ Es kämen vor allem immer mehr ältere Menschen zur Schuldnerberatung, die bereits aus dem Arbeitsleben ausgeschieden sind. Und die Zahl derjenigen, die nur über geringe Sprachkenntnisse verfügen, steige auch. „Das sind Fälle, die sich nicht so einfach bearbeiten lassen“, sagte Kuiter-Pletzer während des Pressegesprächs.

Für die kommenden Jahre rechneten die Mitarbeiter der Schuldnerberatung damit, dass sich noch mehr ältere Menschen an die Beratungsstelle wenden werden. „Bei vielen wird die Rente geringer ausfallen als sie derzeit hoffen“, sagte Kuiter-Pletzer. Dann wäre die Tilgung eines bestehenden Kredits nicht mehr möglich und eine Nebenkostenabrechnung könnte dazu führen, dass die Menschen in Not geraten. „Mit diesen müssen wir dann Perspektiven finden, und bei einigen wird dies kein schuldenfreies Leben sein“, sagte Kuiter-Pletzer. Besonders problematisch seien die derzeit niedrigen Zinsen von teilweise unter zwei Prozent. „Viele glauben, es sei machbar, sich eine Immobilie zu kaufen. Und oft klappt das auch in den ersten Jahren, aber wenn die Zinsen dann wieder steigen, sich verdoppeln oder sogar verdreifachen, dann platzen Lebensträume und zurück bleiben Schulden“, sagte Kuiter-Pletzer.

Wer seine Schulden dauerhaft nicht zurückzahlen kann, ist insolvent. Betroffene könne sich in solchen Fällen mit einer Verbraucherinsolvenz von ihrer Schuldenlast befreien. Bevor ein solches Verfahren eröffnet werden kann, muss versucht werden, eine außergerichtliche Einigung zu erzielen. Bei Schuldnerberatungen werden die Forderungen rechtlich geprüft. Dann wird eine Bestandsaufnahme erstellt und ein Plan zur Schuldenregulierung erarbeitet. Lehnt ein Gläubiger den Plan zur Schuldentilgung ab, kann beim Amtsgericht ein Antrag auf Eröffnung des Verbraucherinsolvenzverfahrens gestellt werden. Hierfür ist eine Bescheinigung notwendig. In der Folgezeit wird sechs Jahre lang – unter bestimmten Voraussetzungen auch drei Jahre lang – der pfändbare Teil des Einkommens an den vom Gericht bestellten Treuhänder abgeführt. Wer seine Schulden nicht mehr zurückzahlen kann, hat Anspruch auf ein Pfändungsschutzkonto, ein sogenanntes P-Konto. Mit diesem können überschuldete Verbraucher weiter am normalen Zahlungsverkehr teilnehmen. Beim P-Konto wird das bisherige Girokonto von der Bank umgewandelt. Zusätzliche Entgelte sind dabei unzulässig. Es kann auch ein neues P-Konto eingerichtet werden, das nur auf Guthabenbasis geführt wird. Auf einem P-Konto besteht zunächst ein Pfändungsschutz für Guthaben in Höhe des Freibetrags von derzeit 1073,88 Euro. Hat der Schuldner eine Familie zu versorgen, gibt es zusätzliche monatliche Freibeträge: 404,16 Euro für die erste sowie weitere 225,17 Euro jeweils für die zweite bis fünfte Person. Hierüber muss der Schuldner eine Bescheinigung beim Kreditinstitut vorlegen.(dpa)

Wichtig sei es eigentlich, jungen Menschen Finanzkompetenz zu vermitteln, so Kuiter-Pletzer. Doch obwohl die Schuldnerberatung über ein Stundenkontingent für Schulen verfüge, werde das Angebot kaum wahrgenommen. „Dafür haben wir in den vergangenen Wochen Anfragen von Kindergärten gehabt, bei denen Eltern den Beitrag nicht mehr zahlten.“

26.800 Menschen im Norden besuchen Schuldnerberatung

Etwa 26800 Menschen haben 2014 in Schleswig-Holstein wegen ihrer finanziellen Schieflage Hilfe in einer Schuldnerberatungsstelle gesucht. Dies sei aber nur ein kleiner Teil derjenigen, die Hilfe wegen ihrer Schulden bräuchten, sagte die Leiterin der Koordinierungsstelle Schuldnerberatung, Alis Rohlf, gestern in Kiel bei der Vorstellung des ersten Schuldenreports für Schleswig-Holstein. „Wir gehen davon aus, dass nur zehn bis 15 Prozent der Betroffenen eine Schuldnerberatungsstelle aufsuchen.“ Die Dunkelziffer liege im sechsstelligen Bereich.

Für den Report wurden die Daten der 35 anerkannten Schuldnerberatungsstellen im Land ausgewertet. „Auf diese Weise erhalten wir erstmals ein repräsentatives Bild über die Lebenssituation von überschuldeten Menschen in Schleswig-Holstein“, sagte Rohlf. Demnach sind Ein-Personen-Haushalte deutlich häufiger überschuldet als andere. 46,1 Prozent der Ratsuchenden lebten alleine.

Überproportional häufig befinden sich alleinerziehende Mütter sowie Single-Männer in einer finanziell schwierigen Situation. Mehr als jeder vierte Ratsuchende ist ein alleinlebender Mann – konkret: 27,6 Prozent. Der Wert ist deutlich höher als der Anteil an der Gesamtbevölkerung des Landes (18,2 Prozent). Der Anteil der alleinerziehenden Mütter unter den Ratsuchenden (14,2 Prozent) ist fast dreimal so hoch wie der Anteil an der gesamten Bevölkerung (5,7 Prozent). Single-Frauen ohne Kinder sind hingegen in der Beratung deutlich unterrepräsentiert.

In die Überschuldung rutschten die meisten Ratsuchenden etwa wegen Arbeitslosigkeit, unwirtschaftlicher Haushaltsführung, Krankheit oder einer Scheidung, so Martin Buhmann-Küllig von der Koordinierungsstelle. Auffällig ist dem Report zufolge, dass viele Ratsuchende nur ein sehr niedriges Nettoeinkommen haben: 46 Prozent hatten 2014 weniger als 900 Euro zur Verfügung gehabt. „Das liegt weit unter der Armutsgrenze und zeigt, dass Verschuldung ein soziales Problem ist“, sagte Rohlf. Die Betroffenen manövrierten sich in der Regel nicht durch übermäßigen Konsum in ihre Lage.

„Überschuldung ist mehr als nur ein materielles Problem“, sagte Rohlf. Oft litten die Betroffenen und ihre Familien unter physischen und psychischen Folgen der Überschuldung und gerieten in die soziale Isolation. Die Schuldnerberatung sei daher viel mehr als reine Schuldenregulierung. Die Mitarbeiter unterstützten die Menschen, ihre Lebensverhältnisse zu stabilisieren. Die eingesetzten Mittel – etwa die 4,3 Millionen Euro an Landesförderung – sind nach Ansicht von Rohlf gut investiertes Geld. Die Arbeit der Beratungsstellen habe letztlich auch einen ökonomischen Nutzen. „Sie hilft, Transferleistungen zu vermeiden und Kaufkraft zurückzugewinnen“, sagte Rohlf. Das Diakonische Werk teilte mit Blick auf das niedrige Nettoeinkommen mit, trotz Mindestlohn müsse eine gesellschaftliche Debatte über angemessene Löhne geführt werden.

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erstellt am 19.Jan.2016 | 10:00 Uhr

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