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Pinneberger Tageblatt

03. Dezember 2016 | 07:53 Uhr

„Extremismus ist wie Unkraut“ : Autor und Kabarettist Sebastian Schnoy über Hamburg, Pinneberg und Europa

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Interview: Vor dem Auftritt im Bücherwurm spricht Autor und Kabarettist Sebastian Schnoy über Hamburg, Pinneberg und Europa.

Pinneberg | Autor, Kabarettist, Comedian – Sebastian Schnoy ist ein Multitalent. Sein Buch „Hamburg – Satirisches Handgepäck“ präsentiert er am Dienstag, 25. Oktober, ab 19.30 Uhr im Pinneberger Bücherwurm (Tickets kosten zwölf Euro). Im Interview mit dieser Zeitung erklärt er unter anderem, was ihn mit Pinneberg verbindet, warum er Hamburg liebt und weshalb er ein überzeugter Europäer ist.

Was erwartet das Publikum im Bücherwurm?
Ich stelle mein neues Buch „Hamburg – Satirisches Handgepäck“ vor. Ich lüfte darin sämtliche Geheimnisse Hamburgs und rechne mit der Stadt ab. Das Pinneberg-Buch folgt dann im kommenden Jahr.

Die Hamburger spotten ganz gern mal über Pinneberg. Zu Recht?
Mir gefällt die Stadt. Ich wohne ja in Schnelsen, sozusagen ein Vorort von Pinneberg, und bin öfter im Kreis, weil es hier einen wunderschönen Indoor-Spielplatz für meine Kinder gibt. Außerdem war ich auf der Wasserskianlage schon einmal zum Wakeboarden. Pinneberg hat also einiges, was ich gerne in Anspruch nehme. Im Café Pino hatte ich auch meinen ersten Kontakt zu Flüchtlingen, bevor ich begonnen habe, mich in der Hamburger Flüchtlingshilfe zu engagieren.

Wie kam es dazu, dass Sie sich für Flüchtlinge engagieren?
Ich wollte nicht nur Geld spenden. Das ist zwar wichtig, war mir aber zu anonym. Ich möchte mich auch persönlich einbringen. So habe ich zum Beispiel im vergangenen Winter die Anschaffung von 250 neuen Winterjacken ermöglicht. Außerdem unterstütze ich einen zwölfjährigen Jungen und habe mich unter anderem darum gekümmert, dass er in einem Verein Fußball spielen kann. Manche Wohnungseigentümer klagen, dass ihre Immobilie weniger wert ist, wenn in der Nachbarschaft Flüchtlinge einziehen. Das verstehe ich nicht. Die meisten meckern doch, dass Wohnen in Hamburg viel zu teuer ist. Da müssen wir uns doch freuen, wenn wir Flüchtlingen helfen und dadurch auch noch die Preise sinken.

Das Thema der Lesung ist „Hamburg“. Was bedeutet Ihnen persönlich die Stadt?
Hamburg ist wie mein Wohnzimmer. Egal, in welchem Stadtteil ich mich aufhalte: Ich habe dort schon etwas erlebt oder kenne irgendjemanden. Ich wurde in Billstedt geboren und habe in St. Georg und Othmarschen gelebt. Nun bin ich in Schnelsen gelandet. Wenn ich mich weiter in die Richtung bewege, wohne ich bald in Pinneberg.

Was gefällt Ihnen an Hamburg, was nervt Sie?
Mir gefällt die Gelassenheit der Menschen. Sie sind nicht egozentrisch, obwohl jeder von der schönsten Stadt der Welt schwärmt. Trotz allem schauen die Hamburger auch woanders hin und sind international. Meine Kinder besuchen übrigens eine französische Schule und wachsen zweisprachig auf, weil ich mit einer Französin verheiratet bin. Am meisten nervt mich die Klimazone. Der Winter geht jetzt los und endet gefühlt irgendwann im Mai. Nichts ist schlimmer, als wenn Leute sagen, dass es kein schlechtes Wetter, sondern nur falsche Kleidung gibt. Es ist umgekehrt: Es gibt nur falsches Wetter und keine schlechte Kleidung. Wenn ein Zugezogener bei schönem Wetter in einigen Tagen grillen will, schlägt der Hamburger vor, lieber sofort Grillkohle und Würstchen zu kaufen.

Der gebürtige Hamburger Sebastian Schnoy (47) ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt mit seiner Familie in Schnelsen. Nach dem Zivildienst studierte er an der Universität Hamburg Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Politik und Psychologie. Schnoy tourt seit 1998 mit Kabarettprogrammen durch Deutschland. Im Fernsehen war er unter anderem in der NDR Talk Show und dem Quatsch Comedy Club auf ProSieben zu sehen. Als Autor hat er sich mit Werken wie „Smörrebröd in Napoli – ein vergnüglicher Streifzug durch Europa“ einen Namen gemacht. Seine neuen Bücher „Von Krösus lernen, wie man den Goldesel melkt“ und „Hamburg – Satirisches Handgepäck“ sind vor kurzem erschienen.

Sie sind Kabarettist, Autor und Comedian. Was bringt am meisten Spaß?
Alles hat seine Vorteile. Wenn ich Bücher schreibe, schaffe ich etwas Bleibendes, das ich auch nach Jahrzehnten aus dem Regal ziehen kann. Nicht so schön ist, dass man beim Schreiben sehr allein ist. Ich schreibe teilweise ganze Nächte an Büchern. Bei Auftritten bekomme ich direkt eine Reaktion. Den Adrenalinschub vor Publikum beschert einem das Schreiben natürlich nicht.

Ein weiteres Ihrer neuen Bücher heißt „Von Krösus lernen wie man den Goldesel melkt“. Wie wichtig ist Ihnen persönlich Geld?
Geld gibt einem Unabhängigkeit, so dass man tun kann, wozu man Lust hat. Aber ich versuche, mich vom Geldmonster, das es seit Jahrtausenden gibt, nicht komplett kontrollieren zu lassen. Über Ebay verkaufe ich zum Beispiel keine Dinge, sondern verschenke sie lieber. Das Buch habe ich in Pinneberg übrigens auch dabei.

Einige Ihrer früheren Werke beschäftigen sich mit dem Thema „Europa“. Wie beurteilen Sie die aktuellen Entwicklungen?
Ich bin sehr besorgt. Als im vergangenen Jahrhundert Bündnisse auseinanderbrachen und Nationen Alleingänge starteten, kam es zu zwei Weltkriegen. So weit sind wir noch nicht, es geht aber in die falsche Richtung. Ich bin ein leidenschaftlicher Europäer und wünsche mir die Vereinigten Staaten von Europa. Holland, Deutschland, Schweden, Frankreich und Finnland müssen die Vorreiter sein und diese Vereinigten Staaten gründen. Die EU würde dann weiter existieren, aber ein paar Länder wären dann schon wesentlich enger miteinander verbunden. Die Idee von Europa beinhaltet ja Aufklärung und Vernunft. Diese Pflanzen muss man ständig hegen und pflegen. Separatismus, Extremismus und Verblödung sind dagegen wie Unkraut und wachsen von alleine.

Sind Sie ein geschichtsbewusster Mensch?
Ja. Ich finde es spannend, wie viel man aus vergangenen Epochen lernen kann. Mich erstaunen dagegen Sprüche wie „Deutschland den Deutschen“. Die Zahlen haben wir aus Arabien, die Buchstaben von den Römern und sämtliche Maße aus Frankreich. Wenn wir das alles zurückgeben und uns nur auf unsere deutsch-germanischen Wurzeln besinnen, wäre das für unsere weitere Entwicklung vielleicht nicht so gut.

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erstellt am 19.Okt.2016 | 16:00 Uhr

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