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Pinneberger Tageblatt

24. März 2017 | 23:05 Uhr

125 Jahre Hamburger Arbeiter-Kolonie : „Aus allem rausgefallen“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Die Stiftung der Hamburger Arbeiter-Kolonie wird 125 Jahre. Seit 1891 war sie tausenden Wohnungslosen Unterkunft und Chance zugleich. Einer davon ist Werner Hüllmann. Der heute 60-Jährige erzählt, wie er den Wiedereinstieg geschafft hat.

Appen | Der Schäferhof in Appen ist Zuhause für jene, die längst kein Zuhause mehr haben. Er ist Unterkunft und Chance für Wohnungslose. Und er ist das Herz der Stiftung „Hamburger Arbeiter-Kolonie“. Am Donnerstag, 1.Dezember, vor 125 Jahren, wurde sie gegründet. Seither haben bei ihr tausende Menschen Unterstützung in ihrer größten Not gefunden. Einer davon ist Werner Hüllmann.

Der 60-Jährige steht auf der Einfahrt vor dem Schäferhof. Er ist schlank und groß gewachsen, trägt dunkle Kleidung. Er blickt auf das Gebäude in dem er eineinhalb Jahre gewohnt hat und sagt: „Davor hab ich Platte gemacht.“ Platte machen, so bezeichnen Obdachlose das Schlafen und Leben im Freien. Bevor Hüllmann 2010 nach Appen kam, hat er an der Alster in Hamburg übernachtet. Nicht in einer der zahlreichen Stadtvillen, die dort stehen, sondern auf Bänken oder auf dem Boden. „Ich bin richtig abgesumpft“, kommentiert Hüllmann das heute. Seine Worte überschlagen sich fast wenn er spricht. „Gelebt hab ich vom Leergut“, berichtet er. Dabei musste man aufpassen, nicht in das Revier der anderen Sammler zu kommen. „Die Mülleimer waren klar aufgeteilt. Auch die Bänke zum Schlafen“, erinnert er sich. 30 Euro am Tag habe er mit Leergut verdient. Damit kaufte er sich dann zum Beispiel sein Mittag für 50 Cent in Sozialeinrichtungen – und Alkohol. Immer Alkohol. War er doch auf der Straße ein treuer Begleiter: Er kühlte im Sommer und wärmte im Winter. Alkohol war Alltag.

Alkoholismus ist eine der verbreitetsten Krankheiten in Deutschland. Sie betrifft Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten, junge wie alte, Frauen wie Männer. Ob der Sekt beim Kaffeekränzchen, das Bier zum Fußballspiel, der Rotwein zum Runterkommen – ein Grund zum Glas zu greifen findet sich immer. Alkohol ist Alltag. Wer ablehnt, fällt auf.

So richtig angefangen mit dem Alkohol hat Hüllmann mit 18 Jahren, als er bei Schaustellern anheuerte. Seitdem war der Hamburger ständig in ganz Deutschland unterwegs. Eine feste Wohnung brauchte und hatte er nicht, er schlief im Wohnwagen. „Bei den Schaustellern wurde immer getrunken“, erinnert er sich. „Ein Liter Jägermeister am Tag und
15 Halbe – das war normal.“

Rainer Adomat zeigt das Gelände: Es umfasst 300 Hektar.
Rainer Adomat zeigt das Gelände: Es umfasst 300 Hektar. Foto: Oster

Feste Strukturen hat er danach nicht mehr in sein Leben bekommen. Er landete auf der Straße, schlug sich durch. Schätzungen von 2014 zufolge leben 335.000 Menschen in Deutschland ohne Wohnung. 39.000 davon „machen Platte“, sind also ohne jegliche Unterkunft. Die Prognosen für die kommenden Jahre sind düster: Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe geht von mehr als einer halben Million Menschen ohne Wohnung bis 2018 aus.

Von der Straße zum Schäferhof: 2010 kam Hüllmann in Appen an. „Ich hatte Glück. Ein Sozialarbeiter aus Hamburg hat mich vermittelt“, erinnert er sich. Der Schäferhof bedeutete für ihn ein Dach über dem Kopf – und ein eigenes Zimmer mit Bad. „Wir haben hier 40 solcher Zimmer, etwa 37 davon sind immer belegt“, sagt Rainer Adomat, seit 2000 Leiter des Schäferhofs. Mehr als 300 Hektar gehören zu dem Gelände, auf dem sich heute unter anderem ein Hofcafé und Werkstätten befinden, sowie ein Reitstall von der Lebenshilfe, Wohnhäuser, ein Badesee und ein Naturerlebnisraum.

Als Hüllmann ankam hatte er keinen Personalausweis, keine Krankenversicherung, nichts. So wie ihm geht es vielen auf der Straße. Gemeinsam mit dem Team des Schäferhofs werden mit den Neuankömmlingen erstmal Termine gemacht, bei Ärzten und Ämtern. „Es sind oft Jahre, die nachgeholt werden müssen. Viele Bewohner konnten sich lange nicht um ihre Gesundheit kümmern“, sagt Adomat. Und fasst zusammen: „Wer wohnungslos ist, der ist meist aus allem rausgefallen.“ Viele Bewohner kommen von der Straße. „Andere kommen aus der Haft oder aus der Psychatrie zu uns“, sagt Adomat.

Der Schäferhof kurz nach Errichtung Anfang des 20. Jahrhunderts.
Der Schäferhof kurz nach Errichtung Anfang des 20. Jahrhunderts. Foto: Schäferhof

Nicht alle, aber viele der Bewohner auf dem Schäferhof sind bei ihrer Ankunft alkoholabhängig. Wie war der Entzug? Hüllmann stöhnt auf bei dieser Frage. „Ganz schön schwer“, antwortet er. Ein paar Anläufe habe er gebraucht. Auf dem Gelände des Schäferhofs ist Alkohol nicht ausdrücklich verboten, im eigenen Zimmer zum Beispiel ist er erlaubt. In der Öffentlichkeit aber ist Trinken streng untersagt. Erst recht bei den Beschäftigungen der Bewohner für die sie kleine Prämien bekommen. „Da muss man schließlich einen klaren Kopf haben“, befindet der 64-jährige Adomat. Die freiwillige Mitarbeit gibt den Bewohnern wieder Struktur und ist seit jeher Prinzip bei der Institution. „Unterkunft, Verpflegung, sozialarbeiterische Unterstützung, Beschäftigung und Tagesstruktur gehören zu unserem integrierten Hilfepaket“, erklärt Adomat. Laub fegen, Nistkästen bauen oder in der Küche helfen – Arbeitsbereiche gibt es einige. Hüllmann fühlte sich in der Küche am wohlsten. „Da musste ich regelmäßig pusten“, erzählt er. Am Anfang sei er auch mal erwischt worden, hatte noch Alkohol im Atem. „Das lässt man dann aber schnell sein.“

Fünf Jahre lang ist Werner Hüllmann jetzt wieder dabei: Dabei in der Gesellschaft aus der er rausgefallen war. Heute wohnt er zur Miete in Uetersen, arbeitet in einem Pflegeheim in der Küche. Er hat wieder einen Ausweis und eine Krankenversicherung. Im Januar 2015 hat er geheiratet. Hüllmann kommt ins Schwärmen, wenn er von seiner Frau spricht. Seine Augen leuchten. Alkohol getrunken hat er nach dem Schäferhof nie wieder. „Ist ja auch ein Scheißzeug“, sagt er.

Der Schäferhof ist mittlerweile ein eigener Ortsteil der Gemeinde Appen und Sitz der Stiftung Hamburger Arbeiter-Kolonie. Das zugehörige Hofcafé ist von März bis Oktober geöffnet. Im Sommer gibt es regelmäßige Angebote im Naturerlebnisraum. Weitere Infos gibt es online sowie unter Telefon 04101-50060.
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erstellt am 30.Nov.2016 | 10:00 Uhr

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