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Pinneberger Tageblatt

08. Dezember 2016 | 03:08 Uhr

Auf leisen Holzschuhen

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Am 7. Oktober 1947 war die Sensation perfekt. Nach Geheimverhandlungen mit 21 Bewerbern wurde von der Landesregierung Schleswig-Holstein der Zuschlag erteilt. Wedels Bevölkerung wurde vor vollendete Tatsachen gestellt. Die Sache war heikel, denn nicht nur in den Baracken Wedels wurde noch immer gehungert und gefroren. Und nun sollte eine Masse Geld, 28  000 Reichsmark pro Jahr, in die Pacht einer ehemaligen Wehrmachtsimmobilie an der Südspitze von Sylt fließen. In Wedel fehlten Matratzen, Kochherde, Geschirr und Putzmittel. An der Nordsee wurden Maschinen zur Gemüsezerkleinerung, zum Kartoffelschälen, ein elektrischer Fleischwolf, Fleischgabeln und Schöpfkellen angeschafft. Den Wedelern musste allein schon bei der Nennung dieser Küchengeräte das Wasser im Mund zusammenlaufen und schmerzhaftes Knurren die leeren Mägen überfallen. Zwölf Paar Holzschuhe für Küchenpersonal dort und fehlende Reparaturutensilien für Kinderschuhe hier. Die laufenden „Unkosten“, nie wurde ein Name so zutreffend empfunden, betrugen 400  000 Reichsmark. Daher wurde absolutes Schweigen bis zum Geschäftsabschluss vereinbart. Der ehemalige Seefliegerhorst für Wasserflugzeuge auf Sylt, bestehend aus Unterkünften für 1000 Personen, wurde umbenannt in „Fünf-Städte-Heim Hörnum“. Barmstedt, Elmshorn, Pinneberg, Uetersen und Wedel beteiligten sich an dem „Erziehungswerk“.

Mit kämpferischem Redestil warf sich Heinrich Gau, der Stadtdirektor Wedels, in die befürchtete Un-Verständnis-Bresche. „Der Plan der Bürgermeister ist aus dem Gedanken entsprungen, ein Erziehungswerk für die Schulentlassenen aufzubauen, die heute teilweise unter denkbar ungünstigen Verhältnissen dahinvegetieren. Es ist nicht zu verantworten, diese schulentlassenen Jungen und Mädel den Gefahren der Straße, der Arbeitslosigkeit, des schwarzen Marktes auszusetzen. Hunderte Schulentlassene werden auch im kommenden Jahre keine Lehrstelle erhalten können.“ Ob Hein Gau wohl die organisierte Jugend im tausendjährigen Reich erinnerte, als er fortfuhr: „Wir alle kennen den erzieherischen Wert eines Zusammenschlusses der Jugend. Unsere Generation hat das heutige Chaos verschuldet. Unsere Generation hat also auch das Menschenmöglichste zu tun, um die nachfolgende Generation wieder in menschenwürdige Zustände hineinzuführen. Das Erziehungswerk, das wir aufbauen wollen, soll deshalb eine Schule der Bewährung für unsere Jugend sein. In Meisterlehren und öffentlichen Lehrwerkstätten, im privaten und öffentlichen Arbeitseinsatz, in Fortbildungs- und Volkshochschulen, in Selbstverwaltung und Freizeitgestaltung werden wir die besten dieser Jugend auslesen können und durch planvolle Gegenleitung systematisch fördern. Aber all diese Arbeit an der Jugend ist vergeblich, wenn wir ihr auch nicht einen Platz einräumen können, eine Erholung an der See, eine Erholung des Geistes und des Körpers, so dass die Jugend in der anderen Zeit den Mut aufbringen kann, das zu tun, was uns vorstrebt.“ „Vorstrebt“, ein treffender freudscher Schreibfehler!

Das Fünf-Städte-Heim existiert noch heute. In der Hausordnung lesen wir, dass neben Ghetto-Blastern ferner „Holzschuhe (auch mit Gummisohle)“ nicht mehr zugelassen sind.

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erstellt am 17.Nov.2016 | 12:45 Uhr

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