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Pinneberger Tageblatt

08. Dezember 2016 | 03:14 Uhr

1600 Jahre alte Schmelzöfen : Archäologische Funde an der A23

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Bei Ausgrabungen stoßen Experten vom Landesamt auf etwa 1600 Jahre alte Schmelzöfen und mehr als 200 Jahre alte Urnengräber.

Borstel-Hohenraden | Neue archäologische Sensationsfunde im Kreis: Nachdem Anfang des Jahres in der Nähe der Elmshorner Straße in Pinneberg fast vollständige Gebäudegrundrisse aus der Eisenzeit freigelegt worden waren, haben die Mitarbeiter des Archäologischen Landesamts in der Nähe der Autobahn 23 zwischen Pinneberg und Borstel-Hohenraden weitere Siedlungsreste entdeckt. Auf dem zehn Hektar großen Areal soll das neue Gewerbegebiet der Gemeinde Borstel-Hohenraden entstehen. Jetzt waren die Experten Steffen Haucke, Arne Weckwert und Otto West vor Ort, um den Boden zu untersuchen. Dabei machten sie interessante Entdeckungen: An dieser Stelle arbeiteten einst Menschen. Ein Stück weiter wurden Dorfbewohner verbrannt und beerdigt.

Wohngebiet, Werkstätten und FriedhofZehn Schmelzöfen aus dem 3. oder 4. Jahrhundert nach Christus konnten ausgegraben werden. Zudem waren Urnen-, Asche- und Knochenreste im Boden, die auf einen Urnenfriedhof schließen lassen. Archäologe Haucke geht davon aus, dass die Reste aus dem 2.bis 3. Jahrhundert vor Christus stammen. Mit den Öfen hätten die Bewohner  Eisen geschmolzen. Der Experte wird dem archäologischen Landesamt Bericht erstatten und zu weiteren Grabungen raten. Im Kreis Pinneberg sei der Fund eine Rarität, so Haucke. Das Besondere sei, dass die einstigen Dorfstrukturen rekonstruiert werden können: mit Wohngebiet, Werkstätten und Friedhof. „Es ist selten, dass man das so zusammen hat. Das freut mich sehr.“ In Gefahr sind die Bauarbeiten deshalb aber nicht, stellt Haucke klar. Die Untersuchungen gehörten zum gewöhnlichen Prozedere, um Funde zu erhalten. Sie landen am Ende im Landesmuseum in Schleswig.

Wie lange, schnurgerade Streifen

Nach dem Fund von germanischen Langhaus-Überresten auf der Trasse der Pinneberger Westumgehung buddeln die Freizeit-Forscher der Kreisarbeitsgemeinschaft Archäologie jetzt erwartungsvoll neben der Autobahn-Zufahrt am Rand von Borstel-Hohenraden. Dort soll ein neues Gewerbegebiet entstehen. Beste Bedingungen für Funde geben die Furchen, die Arne Weckwert derzeit für das archäologische Landesamt ausbaggert. Dessen Experten Steffen Haucke und Otto West sind ebenfalls vor Ort und begutachten sorgfältig jeden Zentimeter des freigelegten Bodens. Erste Ergebnisse: etwa 1600 Jahre alte Schmelzöfen, Werkstätten sowie Reste eines mehr als 2000 Jahre alten Gräberfeldes wurden entdeckt.

Wie lange, schnurgerade Streifen durchziehen Weckwerts Baggerspuren das Gelände. Sonst gibt es eigentlich noch nichts zu sehen, jedenfalls für das ungeübte Auge. Dem schärferen Blick der Hobby-Archäologen Peter Priest und Lothar Dobkowitz entgehen aber keine Indizien. Schon an einer geringen Bodenverfärbung erkennen sie zum Beispiel „Leichenbrand“. Dort gehen sie dann mit Kelle, Pinsel und Sonde zu Werke. Knochensplitter und Urnenscherben sind ihre Belohnung. „Das Land wurde früher beackert, da haben Pflüge vieles beschädigt, was nicht tief genug im Boden lag“, erklärt Dobkowitz.

Ganz wichtig für die genaue Datierung der Funde sind Gegenstände aus Metall, Eisen oder Bronze, etwa Gürtelschnallen oder „Fibeln“, die Vorläufer der Sicherheitsnadel, mit denen man damals Gewänder zusammenhielt. „Schnallen gab es erst, nachdem die Römer sie in Germanien eingeführt hatten. Vorher waren sie unbekannt“, erläutert Dobkowitz. Noch genauere Zeitbestimmungen erlauben die Fibeln, deren Verzierungen sich immer wieder geändert haben. Modeschwankungen aus grauer Vorzeit. Heute helfen Metallsonden, kleinste Bruchstücke aufzuspüren.

Nachbarn helfen

Manchmal kommen den ehrenamtlichen Buddlern auch Nachbarn zu Hilfe. „Ein Landwirt erzählte uns, er habe beim Hühnerstallbau mehrere Urnenbruchstücke gefunden“, berichtete Dobkowitz. Was daraus geworden ist, weiß freilich niemand mehr. „Früher wusste man sowas nicht einzuschätzen, da haben die Kinder mit alten Urnen auch schon mal Fußball gespielt“, fügt er hinzu. Die Funde landen später im archäologischen Museum auf Schloss Gottorf in Schleswig.

„Wir freuen uns sehr über die ehrenamtlichen Helfer aus dem Ort“, hebt Haucke hervor. Der Denkmalschutz-Fachmann aus der Abteilung Landesaufnahme des archäologischen Landesamtes ist überhaupt voller Lob für Dorfbewohner, Politik und Verwaltung. Er habe von allen Seiten Unterstützung erfahren, fasst Haucke die Erfahrung seiner vergangenen vier Arbeitstage im künftigen Gewerbegebiet zusammen.

Eine Verzögerung für die Erschließung des Gebietes stellen die Nachforschungen nicht dar, betonen die Archäologen. Ihre Arbeit sei Routine im Genehmigungsverfahren. „Da sind nun mal viele Ämter im Spiel, die alle etwas dazu zu sagen haben“, so Haucke. Dass es hier Historisches zu finden gibt, wussten die beiden Schleswiger schon vor ihrer Ankunft aus dem Fundstellen-Kataster des Landes, das es bereits seit den 1920er Jahren gibt. Das können sie jetzt um ein paar Einzelheiten ergänzen.

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erstellt am 08.Jul.2016 | 14:15 Uhr

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