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Pinneberger Tageblatt

03. Dezember 2016 | 05:46 Uhr

Beklemmung bei Reise nach Weißrussland : 30. Jahrestag der Katastrophe von Tschernobyl

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Erhöhte Strahlung in Deutschland weiterhin messbar

Kreis Pinneberg | „Es war ein komisches Gefühl. Sehr beklemmend“, erinnert sich Schenefelds Bürgermeisterin Christiane Küchenhof (SPD) an ihren ersten Besuch in der Partnerstadt Luninez. Die weißrussische Kommune mit etwa 24.000 Einwohnern liegt in der Nähe des Flusses Prypjat, der Namensgeber für den Ort war, der 1970 als Wohnort für die Arbeiter des ersten Atomkraftwerks der Ukraine gegründet worden war. Etwa 200 Kilometer von Schenefelds Partnerstadt kam es am 26. April 1986 im Reaktorblock vier des Kernkraftwerks Tschernobyl zum Super-Gau.

„Hervorgerufen durch das Tschernobyl-Unglück im Jahre 1986 startete im Januar 1992 der erste Hilfskonvoi nach Luninez, der eine Reihe von weiteren Hilfstransporten auslöste“, erinnert sich Küchenhof an den Beginn der Städtepartnerschaft, die am 30. September 2001 offiziell mit einer Urkunde besiegelt wurde. „In unregelmäßigen Abständen besuchen sich Delegationen der Städte“, sagt sie. Auch der Sportverein Blau-Weiß Schenefeld 96 pflegt mit einem internationalen Fußballturnier den Austausch mit der Region. Küchenhof war zuletzt 2013 in Weißrussland.

Schenefelds Bürgermeisterin  Christiane Küchenhof.
Schenefelds Bürgermeisterin Christiane Küchenhof. Foto: Bruns
 

„Die Bedingungen vor Ort sind ganz andere, als unter denen meine Kinder in Schenefeld aufgewachsen sind“, sagt Küchenhof. Die Region gelte noch immer als verstrahlt. Laut der Studie Morbidity of Children Inhabiting Territories with Radionuclide Contamination (Kindersterblichkeit in Gebieten mit radioaktiver Verseuchung) litten zwischen 1986 und 1988 in der stark kontaminierten Verwaltungseinheit Luninez 167 von 1000 Kindern an diagnostizierten Krankheiten. Zwischen 1992 und 1994 erhöhte sich diese Zahl auf 611 von 1000. 1998 wiesen 68 Prozent der Kinder, die in stark kontaminierten Gebieten lebten, eine vaskuläre Dystonie und ein Herz-Syndrom auf, das sich durch Schwindel, Atembeschwerden und Müdigkeit auszeichnet. Drei Jahre später waren es 74 Prozent.

Eine Simulation führte am 26. April 1986 zum Super-Gau

Eine kurze Radionachricht informierte die fast 50.000 Einwohner der russischen Stadt Prypjat, dass ihre Kommune evakuiert wird. 1200 Busse sorgten dafür, dass die Stadt, die als Wohnort für die Arbeiter des ersten Atomkraftwerks der Ukraine 1970 gegründet worden war, binnen zweieinhalb Stunden zur Geisterstadt wurde. Drei Tage sollte die Evakuierung dauern. Bis heute steht Prypjat leer. Vier Kilometer entfernt ist das Kernkraftwerk Tschernobyl, in dem am 26. April 1986 der Super-Gau stattfand. Weitere 116.000 Menschen wurden am 4. Mai 1986 aus dem Gebiet 30 Kilometer um den Reaktor evakuiert. In den folgenden Jahren wurden nochmals 210.000 Einwohner umgesiedelt.

Unter Leitung von Anatoli Stepanowitsch Djatlow sollte ein vollständiger Stromausfall simuliert werden. Durch einen unkontrollierten Leistungsanstieg kam es zu einer Explosion im Reaktor. Acht Tage wütete ein Feuer. Insgesamt wurden etwa 218000 Quadratkilometer Fläche – davon 70 Prozent in Russland, der Ukraine und Weißrussland – radioaktiv belastet. Auch in Finnland, Schweden, Norwegen, Bulgarien, Rumänien, Jugoslawien, Polen, Deutschland und Österreich wurden erhöhte Strahlungswerte gemessen. In einigen Ländern gelten weiterhin Einschränkungen bei Produktion, Transport und Verzehr von Lebensmitteln, die immer noch durch den radioaktiven Niederschlag von Tschernobyl belastet sind. Laut Bundesamt für Strahlenschutz sind Pilze, Waldbeeren und Wildtiere im Bayerischen Wald zehnmal höher belastet als im Norden des Landes.

50 Menschen starben an der StrahlenkrankheitLaut Weltgesundheitsorganisation (WHO) starben an den Folgen akuter Strahlenkrankheit etwa 50 Menschen. In den drei am stärksten betroffenen Ländern sei aufgrund der erhöhten Strahlenexposition mit etwa 9000 zusätzlichen tödlichen Krebs- und Leukämieerkrankungen zu rechnen. Andere Zahlen gehen davon aus, dass es bis 2065 in Europa etwa 16.000 zusätzliche Schilddrüsenkrebs- und 25.000 sonstige Krebserkrankungen aufgrund der Reaktorkatastrophe geben werde. Über die genauen Auswirkungen auf Mensch und Umwelt diskutieren Experten mittlerweile seit 30 Jahren, da bestimmte Zusammenhänge nur vermutet, aber nicht final bewiesen werden können.

Erst im Jahr 2000 wurde das Kraftwerk endgültig abgeschaltet. Bis dahin wurde der Block drei weiter betrieben. Der beschädigte Reaktorblock vier wurde mit einem Sarkophag aus Beton gedeckelt, unter dem sich etwa 150 bis 180 Tonnen Reaktorenmasse befinden sollen. Im Februar 2013 stürzte aufgrund großer Schneemassen das Dach der Maschinenhalle, die etwa 70 Meter vom Sarkophag entfernt ist, ein. Nach Angaben des ukrainischen Zivilschutzministeriums traten dabei keine radioaktiven Partikel aus.

Der internationale Shelter-Implementation-Plan sieht derzeit vor, einen neuen verstärkten Sarkophag zu errichten. Der neue Sarkophag wird 200 Meter neben dem geborstenen Reaktor aufgebaut und soll anschließend auf Kunststoffgleitschienen über den alten Sarkophag gefahren werden. Dadurch soll es möglich sein, den alten Sarkophag zu entfernen, ohne dass weitere radioaktive Stoffe freigesetzt werden. Mehrfach drohte das Projekt zu scheitern, da das Geld ausging. Die deutsche Bundesregierung hat bisher etwa 97 Millionen Euro in den Chernobyl Shelter Fund (CSF) eingezahlt, noch zu erfüllende Beitragszusagen belaufen sich auf etwa 19 Millionen Euro.

 

„Ich würde nicht unbedingt die Pilze aus der Region essen“, sagt Küchenhof. Allerdings schotte sie sich vor Ort nicht ab: „Wir sind Gast in der Stadt und die Menschen vor Ort essen auch die regionalen Produkte. Ich bin da persönlich nicht so empfindlich.“

So sieht es auch Peter Kröger, der vor mehr als 20 Jahren den „Freundeskreis Tschernobyl“ gründete. „Ich habe mir keine Gedanken über Strahlung gemacht. Ich wusste ja, dass die Menschen dort auch leben. Das musste irgendwie gehen“, sagt der 77 Jahre alte Hasloher, der nach eigenen Angaben 102-mal in die Region reiste. „Meine erste Fahrt war mit einem Busunternehmer, der mehrmals dort war. Da habe ich mir keine Sorgen gemacht“, sagt Kröger. Mittlerweile sei das Projekt, aus dem sich auch 20 Adoptionen ergaben, ausgelaufen. „Leider finden wir keine Gastfamilien“, sagt Kröger und ergänzte: „Wir haben geholfen, wo wir konnten.“

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erstellt am 26.Apr.2016 | 10:00 Uhr

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