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Ostholsteiner Anzeiger

04. Dezember 2016 | 19:19 Uhr

Windkraft: Kreis zieht Notbremse

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Untere Naturschutzbehörde will mit einem neuen Landschaftsschutzgebiet den Bungsbergraum vor dem Bau von Windrädern bewahren

Mit einem Eilverfahren will der Kreis Ostholstein noch vor Beginn der Fortschreibung der Windeignungsflächen durch das Land 9000 Hektar rund um den Bungsberg zu einem Landschaftsschutzgebiet machen. Neben verschiedenen Veränderungsverboten in dem Gebiet dürfte das Verbot zum Bau von Windkraftanlagen im Vordergrund stehen. Das geht aus der Vorlage der Unteren Naturschutzbehörde hervor, die im Umweltausschuss des Kreises zur Kenntnis genommen wurde.

Nach Überzeugung der Naturschutzbehörde würden Windkrafträder „die besondere Vielfalt, Eigenart und Schönheit der Natur“ bedrohen. Außerdem wird die jüngste Diskussion über eine Aufforstung der Bungsbergkuppe als Grund für eine notwendige Unterschutzstellung genannt. Mit der unmittelbar bevorstehenden Landesplanung zur Ausweisung von Windkraftflächen sieht die Naturschutzbehörde „einen Gefährdungsgrad erreicht, welcher insbesondere das sensible Landschaftsbild und die hohe Erholungseignung erheblich gefährdet“. Damit rückt sie auch den touristischen Wert des Bungsberges mit seiner Fernsicht in den Fokus.

Mit der sogenannten Sicherstellung, die eine naturschutzrechtliche Maßnahme ohne Beteiligung der Kommunalpolitik darstellt, würde zunächst zwei Jahre lang ein Veränderungsverbot in Hinsicht auf Landschaftscharakter sowie der Schädigung von Erholungseignung und Naturgenuss gelten. Innerhalb dieser Zeit soll dann die förmliche Unterschutzstellung mit Beteiligung von Gemeinden und Öffentlichkeit erfolgen.

Das Landschaftsschutzgebiet „Bungsberg mit Vorland“ zwischen Kasseedorf im Süden und Wangels im Norden hat nach Einschätzung der Behörde als sogenanntes Nunatak eine landesweite Bedeutung. Das Geotop, das sich von Lensahn im Osten bis in den Kreis Plön im Westen erstreckt, zeichne sich durch die von Gletschern und Schmelzwasser geformten auffälligen Höhenunterschiede zwischen Bergrücken und Tälern auf kürzestem Raum aus. Verschiedene Höhenlagen und vielfältige Strukturen ließen das einzigartige Landschaftsbild entstehen, das es samt Panorama vom Bungsberg schützenswert mache.

Das Land selbst, das in den vergangenen Jahren viel zur Wiederbelebung des höchsten Punktes als touristisches Ziel beigetragen habe, hat laut Naturschutzbehörde bereits 2003 die Voraussetzungen für eine Unterschutzstellung als gegeben gesehen. Mit dem vorhandenen Landschaftsschutzgebiet „Holsteinische Schweiz“ und dem bereits im Juli vom Kreis Plön per Erlass vorläufig unter Schutz gestellten „Bungsbergvorland mit Högsdorfer Hügelland und Umgebung“ sowie der Küsten- und Moränenlandschaft nördlich von Lütjenburg entstünde ein zusammenhängendes Schutzgebiet von über 25  000 Hektar.

Der Kreisbauernverband Ostholstein-Lübeck übte schon kurz nach der Sitzung des Umweltausschusses Kritik an der Sicherstellung. Geschäftsführer Holger Schädlich argumentierte, die Entwicklungsmöglichkeiten der landwirtschaftlichen Betriebe seien beeinträchtigt und die Unterschutzstellung überflüssig. Ähnlich äußerte sich Theo Kleingarn von der Interessengemeinschaft Natur- und Landschaftsschutz, der in einem „flächendeckenden Verbotsgebiet“ die Gefahr sieht, dass eine „ablehnende Haltung gegenüber dem Naturschutz“ befördert werde.

Die Kreistagsfraktion der Grünen nannte den Protest des Bauernverbandes gegen ein Landschaftsschutgebiet eine Verschleierung der Interessen einer industriellen Landwirtschaft mit Schweinemastanlagen und riesigen Scheunen. Die Unterschutzstellung gefährde weder die Entwicklung auf dem Land noch den Breitbandausbau, erklärte die Fraktion. Sie verweist zudem auf eine problemlose Umsetzung des Landschaftsschutzgebietes im Kreis Plön.

In den Gemeinden Kasseedorf und Schönwalde löste der Plan der Naturschutzbehörde besonders unter Landwirten Verunsicherung und Existenzsorgen aus, mancher wittert die Gefahr der Enteignung und nahm Kontakt mit Kommunalpolitikern auf, die vom Schritt der Kreisbehörde ebenfalls überrascht wurden.

Während das Landschaftsschutzgebiet den Kasseedorfer Gemeindevertretern, die mehrheitlich einen Windpark am Bungsberg ablehnen, in die Karten spielt, hatten die Schönwalder andere Vorgaben formuliert. Kasseedorf hatte sich – wie ausführlich berichtet – sehr intensiv mit den Potenzialflächen für Windenergie auseinander gesetzt und eng an den Kriterien des Landes Argumente gegen eine Ausweisung gesammelt. Darunter war auch der Wert des Landschaftsbildes der Bungsbergregion mit ihrer Bedeutung für den Tourismus erwähnt worden.

In Schönwalde hatte man hingegen die Hoffnung, weitere Flächen in die Windnutzung zu bekommen. Dort war sogar diskutiert worden, ob sich Teilflächen aus dem Naturpark Holsteinische Schweiz herausnehmen lassen könnten.

Schönwaldes stellvertretende Bürgermeisterin Bärbel Seehusen (SPD) äußerte sich gelassen zu den Plänen des Kreises. Man habe sich mit der CDU-Fraktion verständigt über eine Stellungnahme an den Kreis, in dem die Bedeutung des Gewerbes in den Dörfern der Gemeinde und deren Bedürfnisse herausgestellt werde. Die Ortslagen dürften nicht Bestandteil des künftigen Schutzgebietes sein. Auch wolle man sich die Möglichkeit zur Entwicklung eines weiteren Gewerbegebietes erhalten. In beiden Gemeinden hätte man sich jedoch eine vorzeitige Information durch den Kreis gewünscht und sprach von einer „befremdlichen Geschwindigkeit“ auf dem Weg zum Erlass zur Sicherstellung. Die soll im Dezember in Kraft treten, dann der reguläre Prozess zur Ausweisung eines Landschaftsschutzgebietes mit Beteiligung von Trägern öffentlicher Belange beginnen.

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erstellt am 22.Nov.2016 | 10:45 Uhr

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