zur Navigation springen

Ostholsteiner Anzeiger

07. Dezember 2016 | 17:30 Uhr

Verwildert und vergessen?

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Pflanzen ranken sich um die Gräber des jüdischen Friedhofs in Eutin – der Tradition nach ist das aber beabsichtigt

Je weniger ein Ort vom Menschen beeinflusst wird, desto schneller gewinnt die Natur die Oberhand. So auch auf dem Jüdischen Friedhof in Eutin. Verwildert und fast vergessen präsentiert sich das Areal in der Nähe des Kleinen Eutiner Sees. Einige Grabsteine sind nicht mehr richtig zu erkennen. Zwar ist es jüdische Tradition, die Gräber mit Efeu überwachsen zu lassen, doch haben sich auch andere Pflanzen mittlerweile ihen Weg gebahnt.

Wer sich mit der jüdischen Friedhofstradition auseinandersetzt, stellt schnell fest, dass sich diese vielfach von der christlichen unterscheidet: Auf der Internetseite des Zentralrats der Juden in Deutschland heißt es: „Jeglicher Pomp bei der Bestattung und bei allem, was mit ihr zusammenhängt, ist untersagt.“ Feuerbestattungen seien wenig verbreitet, und im „gesetzestreuen Judentum“ sogar untersagt. Weiter steht geschrieben: „Jüdische Gräber dürfen niemals eingeebnet werden, um für eine erneute Belegung Platz zu schaffen; sie haben Bestand für alle Zeiten.“

Aus christlicher Sicht könnte man schon fast von einer Verwahrlosung sprechen, würden nicht noch kleine Steine auf einigen Grabplatten liegen, versteckt zwischen Pflanzengestrüpp. Statt Blumen werden in der jüdischen Tradition Steine als Zeichen des Gedenkens auf die Gräber gelegt. „Steine symbolisieren unter anderem Beständigkeit und Unvergänglichkeit“, so die Jüdische Gemeinde Wiener Neustadt. Besonders eindrucksvoll wird dieser Brauch im Abspann des Holocaust-Filmes „Schindlers Liste“ von Steven Spielberg dargestellt.

Die Grabplatten der beiden ältesten jüdischen Familien aus Eutin, die Nathans und die Würzburgs, sind trotz der Verwilderung noch gut zu sehen. Anders bei den Gräbern der ungarischen Familie Fried, die am Kriegsende 1945 bei einem Fliegerangriff ums Leben kam. Aufgrund der kleinen Größe der Grabsteine scheinen die Platten ganz unter dem Gestrüpp zu verschwinden.

Vor Machtergreifung der Nationalsozialisten war die Familie Dr. Nathans sehr angesehen, bis auch sie in Eutin angefeindet und öffentlich als „Judenbagage“ beschimpft worden ist. Der Familie Würzburg gehörte bis 1926 eine Bürsten- und Pinselfabrik.

Leser hatten die Idee, die beiden christlichen Kirchen in Eutin um Hilfe bei der Pflege der Grabstätte zu bitten. Auch Konfirmanden oder Schüler hätte man gerne darin involviert. Doch der aktuelle Zustand des Friedhofs lässt darauf schließen, dass dieses nicht geschieht.

Nach Auskunft von Stadtmanagerin Kerstin Stein-Schmitt werden zwei Mal im Jahr auf dem jüdischen Friedhof „gröbere Arbeiten“ von der Stadt erledigt. Eine jüdische Gemeinde gibt es in Eutin nicht mehr.

Auf dem Internetauftritt des Zentrums für Europäische Geschichts- und Kulturwissenschaften der Universität Heidelberg heißt es zum Thema „Jüdische Friedhofskultur“: „Nach jüdischen Glauben entziehen die Pflanzen der Erde jene Kraft, die der Verstorbene für seine Auferstehung braucht. Gleichzeitig dürfen aufgrund dieses religiösen Gebotes auf einem jüdischen Friedhof weder Bäume gefällt noch Gras gemäht werden, die Friedhofspflege findet vielmehr in ihrer Gesamtheit statt: Mauern, Zäune und Wege werden instand gehalten sowie Hecken und Bäume gestutzt. Der jüdische Friedhof und die einzelnen Gräber sind also vielmehr ein Teil der Landschaft und eng mit dieser verbunden.“

Auch der kleine jüdische Friedhof in Eutin präsentiert sich als Teil der Natur, mit allerlei Pflanzen übersät, vom Menschen wenig beeinflusst – doch die Wege an den Gräbern sind schon teilweise nicht mehr als solche zu erkennen. Ingmar Görs, Verwaltungsleiter der jüdischen Gemeinde Lübeck, meint: „Der Zustand des Friedhofs ist nicht allzu schlimm, könnte aber ein wenig Pflege vertragen.“

zur Startseite

von
erstellt am 18.Aug.2016 | 13:54 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen