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Ostholsteiner Anzeiger

09. Dezember 2016 | 06:58 Uhr

Tschepe – der mit den Wellen schwimmt

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

51-jähriger Freiwasserschwimmer krault bei 10,7 Grad Wassertemperatur und Hagel 4,5 Kilometer von Bosau nach Plön durch den Großen Plöner See

Typisch April: Die Temperatur liegt eben über dem Gefrierpunkt. Eine dunkle Front zieht am Horizont auf. Wenig später regnet und hagelt es. Dabei signalisiert das zarte Grün an den Bäumen schon längst den Frühling. Die Temperaturen sprechen jedoch eine andere Sprache. Wer möchte sich an einem so „lausigen“ Tag nicht gern den Kamin in der Stube anheizen, sich in eine Decke einkuscheln und eine heiße Schokolade trinken? Der 51-jährige Martin Tschepe jedenfalls nicht. Der begeisterte Freiwasserschwimmer krault unter diesen widrigen Witterungsbedingungen durch den Großen Plöner See.

Lufttemperatur 3 Grad Celsius, Wassertemperatur 10,7 Grad, Windstärke etwa 2 Beaufort. Martin Tschepe steht im Neopren-Anzug auf dem Steg am Bosauer „Haus Schwanensee“ am Bischofsee und schaut entschlossen auf den Großen Plöner See hinaus. Mit Sven Sacknieß und Elena Weber von der DLRG Hutzfeld-Bosau hat er sich bereits eine Strecke ausgesucht: „Es geht von der Ecke am Bischofswarder zur Prinzeninsel und von dort weiter bis zum Plöner Marktanleger.“

Die ausgesuchte Strecke über den See nach Plön ist etwa 4,5 Kilometer lang. Martin Tschepe wird sie am Ende in etwa 1,5 Stunden schwimmen. „Das ist sehr ambitioniert“, staunt selbst DLRG-Mann Sven Sacknieß, der so einen wie Martin Tschepe auf dem See noch nie gesehen hat: „Das ist total verrückt.“ Sacknieß und Elena Weber begleiten Martin Tschepe auf seiner Strecke über den See mit dem DLRG-Wachboot „Seeadler“. Deshalb zieht Tschepe diesmal auch nicht sein Gepäck in einem wasserdichten Sack als leuchtende Boie hinter sich her. Die DLRG-ler jedenfalls sind für alle Fälle ausgerüstet: „Wir haben sogar Sauerstoff und einen Beatmungsbeutel dabei – man weiß ja nie.“

Es ist gefährlich, bei diesen Temperaturen über den Großen Plöner See zu schwimmen. Aber: Martin Tschepe macht das nicht einfach mal so. Er ist sogenannter „Freiwasserschwimmer“. Gelernt hat er das auf Sylt, wo seine Eltern ein Fotofachgeschäft betreiben. „Ich bin schon als Junge die Westküste der Insel in der Nordsee auf- und abgeschwommen“, sagt der verheiratete Vater einer Tochter, der im wahren Leben Redakteur bei der Stuttgarter Zeitung ist. Seine Eltern wollten damals unbedingt, dass ihre Kinder von klein auf an schwimmen können.

Das ist ihnen offenbar vortrefflich gelungen. Martin Tschepe war in seiner Jugend erfolgreicher Schwimmer und hat das Training nie komplett aufgegeben. Seit über zehn Jahren trainiert er fast täglich. Deshalb ist für Martin Tschepe das Schwimmen über den Großen Plöner See eine kleine Nummer. Er selbst hat mit einem Freund, dem Architekten Volker Heyn, zusammen den 300 Kilometer langen Neckar von der Quelle bis zur Mündung binnen zwei Wochen durchschwommen, organisiert ein Flussschwimmen im Neckar über 1,5 oder 3,8 Kilometer. Oder Tschepe nimmt an den offenen Deutschen Wildwassermeisterschaften auf einer Kanustrecke im tosenden Inn teil. Er ist auch schon die Ice Swimming German Open in eiskalten Wöhrsee in Burghausen bei unter 5 Grad nur mit Badehose geschwommen.

Und jetzt der Große Plöner See. „Ich hatte bei der Planung gedacht, dass wir Ende April bessere Temperaturen in Schleswig-Holstein haben“, meint Martin Tschepe. Aber nun ist er mal da und der See will durchschwommen werden. Der Große Plöner See ist übrigens der erste der zehn größten Seen Deutschlands, die der Freiwasserschwimmer „bezwingen“ will. Er nennt sein neues Projekt „Seen-Sucht“, und es soll Geld für Schwimmer mit Handicap einwerben. Es ist unter www.bahn9.de zu finden – so hat der Schwimmmeister im Ludwigsburger Freibad früher den Neckar genannt, der unmittelbar neben dem Sportbecken mit den acht Bahnen vorbei fließt. Für Tschepe folgen der Bodensee, die Müritz, der Chiemsee, der Schweriner See, der Starnberger See, der Ammersee, Plauer See, Kummerower See und das Steinhuder Meer.

Und so springt Martin Tschepe um 12.13 Uhr vom DLRG-Boot in Höhe Warder unerschrocken in den Großen „kalten“ Plöner See. Da das Wasser dort gerade mal knietief ist, wird ihm in seinem Neopren-Anzug ein langsamer Übergang ins kühle Nass möglich. Eine Haube aus Neopren auf dem Kopf soll die Körperwärme halten. „Ich schwimme auch im Sommer mit Neopren-Anzug, um im Wasser keinen Sonnenbrand zu bekommen“, erzählt Martin Tschepe. Aber an Sonnenbrand ist an diesem Tag überhaupt nicht zu denken. Es regnet und hagelt in stetem Wechsel.

Die erste halbe Stunde ist um. Unentwegt krault Martin Tschepe durch den kalten See auf die Prinzeninsel zu. Später erzählt er, dass seine maximale Tages-Schwimmstrecke bei 37 Kilometer liegt. „Nach einer Stunde schwimmen wurde das Plöner Schloss immer größer“, schmunzelt Tschepe. Immer wieder muss er seinen „inneren Schweinehund“ überwinden. Aber er will es schaffen und: „Wenn die Hälfte geschafft ist, dann gibt es kein zurück“, grinst er nach einer Schwimmzeit von 1 Stunde und 15 Minuten für die geschätzt viereinhalb Kilometer lange Strecke.

Ja, es war ziemlich kalt. Die Fingerspitzen hat er schon lange vor der Plöner Marktbrücke nicht mehr gespürt. Da kam der von Elena Weber und Sven Sacknieß vorbereitete heiße Tee gerade recht – für die Wärme im Körper und die Finger. „Der Große Plöner See schmeckt super“, ist Martin Tschepe von der Wasserqualität schwer begeistert. Er habe unterwegs etwas Wasser aus dem See getrunken, sich aber auch zwei Mal verschluckt. „Wenn man richtig damit umgeht, dann ist es kein Problem“, sagte er.

„Das war beachtlich schnell und ist nichts für Ungeübte“, staunte Sven Sacknieß über die schnelle Zeit. Der Große Plöner See sei sehr tückisch, besonders bei Wind und Wellen, warnte er Nachahmer. Als nächstes will Martin Tschepe durch den Chiemsee schwimmen.

 

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erstellt am 26.Apr.2016 | 17:50 Uhr

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