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Ostholsteiner Anzeiger

05. Dezember 2016 | 17:45 Uhr

Trauma geheilt

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

In der fünften Klasse, vor beinahe 50 Jahren, hatte ich einen Musiklehrer, Eugen von Schmidt, ostpreußischer Herkunft und von uns ob seines Akzents und seines Ernstes, mit dem er uns für „gute“ Musik gewinnen wollte, nicht ganz ernst genommen. Wohl aber gefürchtet für seine Strenge und körperliche Züchtigung, besonders der Jungen. Selbst wenn er es „gut“ meinte, sind gut meinen und gut tun selten identisch.

Unter anderem versuchte er uns die Oper „Der Freischütz“ per Schallplatte nahe zu bringen. Heute weiß ich nicht mehr, wie oft Samuel gerufen wurde, eine Lieblingsstelle des Lehrers. Wir fanden, der Teufel sei schon längst in Gestalt des kleinen Herrn im Raum. Wie viele hundert Male wurde der Jungfernkranz gewunden? Es war zum Heulen.
Nie wieder wollte ich den „Freischütz“ hören. Dachte ich wenigstens. Bis vor kurzem.

Da habe ich mich nach guten Erfahrungen mit Armin Diedrichsen und dem „Fidelen Blasquartett“ im Sommernachtstraum in eine „Freischütz“-Aufführung der anderen Art getraut. Schließlich wohne ich inzwischen ganz nahe der Weberstadt Eutin und am „Freischütz“ geht eigentlich kein Weg mehr vorbei. Und dann erlebte ich einen ganz anderen, höchst lebendigen und höchst vergnüglichen „Freischütz“. Das Publikum wand singend den Jungfernkranz, mit dem Hinweis „aber bitte nicht in der richtigen Aufführung“ mitzusingen. Samuel wurde gerufen und die ganze Geschichte war perfekt, aber immer mit einem Augenzwinkern. Auch diesmal flossen Tränen. Aber diesmal waren es Lachtränen. Wie wunderbar, wenn sich böse Erinnerungen in lauter Spaß auflösen. Mein „Freischütz-Trauma“ ist geheilt.

Rosemarie Schrick









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erstellt am 18.Aug.2016 | 15:55 Uhr

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