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Ostholsteiner Anzeiger

02. Dezember 2016 | 21:12 Uhr

Straßburgers Ära geht zu Ende

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Nach fast 30 Jahren räumt der Leitende Kreisbaudirektor das Büro in der Kreisverwaltung / Morgen ist sein letzter Tag im Dienst

Das Büro verrät den nahen Abschied: In den Regalen stehen keine Ordner mehr. Das Auge des Besuchers findet nichts Persönliches, das auf den „Bewohner“ dieses Büros hinweisen könnte. Morgen räumt Bernd Straßburger (65) seinen Sitz in der Kreisverwaltung. Bis zum 30. September hat er noch Urlaub, am Tag danach übernimmt Nils Hollerbach die Leitung des Fachbereiches Bauen.

Es gibt heute eine Feierstunde mit geladenen Gästen zum Abschied eines Mannes, der fast 30 Jahre, seit dem 1. Januar 1987, das Kreisbauamt geleitet hat. So heißt die Behörde im Volksmund. Im Amtsdeutsch ist es der Fachbereich Bauen mit fünf Fachdiensten: Boden- und Gewässerschutz, Naturschutz, Regionale Planung, Bauordnung (da werden Bauanträge und Bebauungspläne bearbeitet) sowie die Verwaltung von Kreis-Immobilien.

Straßburger ist noch Vorgesetzter für etwa 80 Angestellte und Beamte. „Es waren mal mehr“, merkt er an, aber auch in der Verwaltung gebe es den Trend, dass immer weniger Menschen immer mehr leisten müssen.

Das erinnert ihn an den Beginn des Computerzeitalters: In seinem Vorzimmer habe Anfang der 1990er Jahre ein Computer gestanden, noch kein Windows-Betriebssystem. Auf Wunsch des damaligen Umweltministers Berndt Heydemann habe er an einem Sonnabend versucht, der Maschine ein Dokument zu entlocken – was gründlich misslungen sei. So sehr, dass sich der Computer am folgenden Montag nicht mehr starten ließ.

Als er seine „Täterschaft“ gestanden habe, sei seine Mitarbeiterin in Tränen ausgebrochen: „Sie hat gesagt: ,Das ist der Anfang vom Ende meines Jobs, wenn mein Chef anfängt, selbst an den Computer zu gehen,‘ und eigentlich hat sie damit Recht behalten.“

Beim Blick auf drei Jahrzehnte erinnert sich Straßburger an verschiedene Phasen: Nach den 70er Jahren, in denen viel abgerissen worden sei, habe der Denkmalschutz an Bedeutung gewonnen, kurz darauf sei der Naturschutz in das Baurecht eingezogen.

Anfang der 90er Jahre sei die Windkraft zum wichtigen Thema geworden. Ostholstein habe versucht, Fehler anderer zu vermeiden: „In Dithmarschen gibt es ein Dorf, das wurde von allen Seiten mit Windrädern ,eingespargelt‘ und hat heute keine Entwicklungsmöglichkeiten mehr.“ So was sei mit einer Regionalplanung in Ostholstein verhindert worden, und die habe die Vorlage für die vom Land betriebene Regionalplanung geliefert.

5000 Anträge pro Jahr, im Schnitt 20 pro Arbeitstag, gehen bei der Kreisverwaltung ein, etwa 3500 Bauanträge und 1500 Voranfragen. Darunter waren in Straßburgers Zeit einige, die besondere Aufmerksamkeit erfuhren, vor allem an der Küste: Grömitzer Welle, Ostseetherme, Sea-Life-Center, große Hotelbauten. Der Trend zum Wasser habe sich verstärkt, sagt Straßburger, und die Behörde müsse immer wieder darauf achten, dass die Ufer öffentlich zugänglich bleiben.

Mehrfach geriet der Kreis zwischen Fronten. Bei dem sehr umstrittenen Schießplatz Kasseedorf zum Beispiel. Denn als Wächter der kommunalen Planungshoheit hat der Kreis über die Rechtmäßigkeit von kommunalen Bebauungsplänen zu befinden – in seiner Zeit seien das etwa 3300 gewesen, schätzt Straßburger.

Einiges an Zeit forderten die Campingplätze. „Viele Plätze waren die sechste Fruchtfolge von Landwirten, da stand eine Holzbude und es wurde daneben gezeltet. Und ich habe ungelogen eine Genehmigung einer Ordnungsbehörde gesehen, die auf einen Bierdeckel geschrieben war.“

Abstandsregeln zwischen Wohnwagen und Zelten, weitere Brandschutzmaßahmen, Begrünung, Schutz von Küstenstreifen: Mittlerweile seien die meisten Campingplatz-Betreiber zu der Erkenntnis gelangt, dass ein Mindeststandard an Qualität die beste Werbung für ihren Platz sei.

Naturgemäß ist nicht jeder mit einem Bescheid vom Bauamt einverstanden. Aber Straßburger ist zufrieden mit den Zahlen: Im vergangenen Jahr habe es bei 3500 Bescheiden insgesamt 20 Klagen gegeben. „Wir haben keine verloren.“

Früher seien gelegentlich auch mal Bescheide vom Gericht „kassiert“ worden, wenn es um den Paragrafen 14 der Landesbauordnung ging: Bauliche Anlagen dürften nicht „verunstaltend“ wirken, hieß es da, und sie müssten mit ihrer Umgebung in Einklang gebracht werden. „Den Paragrafen gibt es leider nicht mehr“, bedauert Straßburger, auch wenn seine Auslegung häufiger dem Ermessensspielraum eines Richters überlassen wurde.

Ohne Vorgaben entstehen nicht unbedingt die schönsten Baugebiete. „Die Architekten sprechen von ,Wildschweinsiedlungen‘, wenn alle möglichen Baustile zu finden sind.“

Gefragt war Straßburgers Behörde mehrfach, wenn der Kreis selbst Bauherr war: Landesbibliothek Eutin, Kreisfeuerwehrzentrale Lensahn etwa, und nicht zu vergessen der Kreisstraßenbau. „Da haben wir immer für Begleitgrün gesorgt, das war eine Anregung von Fritz-Dieter Wendik, die wir konsequent befolgt haben.“ Und das letzte Werk: Ein neuer Parkplatz für die Kreisverwaltung nach Abriss des maroden Parkhauses.

Und nun? Was will Bernd Straßburger im Ruhestand machen? „Erst einmal in der dänischen Südsee segeln, so lange wie es das Wetter zulässt.“ Und dann gibt es eine Liste von Projekten, die er gemeinsam mit seiner Frau anpacken will: Mit dem Wohnmobil nach Italien, mit dem Sohn einmal nach Neuseeland, wo der sich gut auskennt.

Der Wohnsitz soll Eutin bleiben, das Boot behält vorerst den Yachtclub Bockholmwiek in der Flensburger Förde als Heimathafen, wo der passionierte Segler auch Clubpräsident ist. Nach der Rückkehr von der Segeltour wartet aber zuhause noch ein Auftrag: „Meine Frau hat eine Liste geschrieben, was jetzt endlich mal am Haus und im Garten zu erledigen ist.“

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erstellt am 27.Jul.2016 | 10:49 Uhr

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