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Ostholsteiner Anzeiger

09. Dezember 2016 | 04:53 Uhr

Sport und eine Prise Lebensweisheit

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

US-Amerikaner Bob Alexander trainiert deutsche und syrische Jugendliche im Basketball – auf seine eigene Weise und mit spürbaren Erfolgen

Das Basketball-Training des US-Amerikaners Robert Alexander ist alles andere als gewöhnlich: „Haisam, das ist das letzte Mal, das ich dich mit diesem Trikot hier sehe“, ruft der rüstige 70-Jährige dem jungen Syrer im Bayern-München-Trikot zu. „Ich bin Amerikaner, für uns ist Fußball kein Sport.“ Haisam zuckt lachend mit den Schultern und läuft auf das Spielfeld zu seinen Mitspielern. Dann schmunzelt auch Alexander.

Seit 53 Jahren trainiert Robert Alexander Kinder, Jugendliche und Erwachsene in seinem Lieblingssport Basketball. Nachdem er in den USA als Basketball-Coach und im Hotelgewerbe gearbeitet hat, verschlug es ihn 2006 nach Eutin. Hier trainiert er das U16- und U18-Team der Männer in der Sporthalle der Weber-Schule und parallel dazu das zweite Regionalteam in Lübeck. Während der Sommerferien bietet Alexander tägliches Basketballtraining für Kinder und Jugendliche in der Hans-Heinrich-Sievert-Halle an. In diesem Jahr haben sich auch einige syrische Kinder mit sichtlichem Spaß unter die jungen Sportler gemischt.

Haisam Alschuwaiki spielt seit drei Monaten Basketball unter den wachsamen Augen Robert Alexanders. Vor zwei Jahren ist der Junge aus Damaskus mit einem Teil seiner Familie in einem 15 Meter langen Boot mit 300 Menschen von Ägypten nach Italien geflohen. Elf Tage lang waren sie auf See bis ihr Boot schließlich durch die italienische Küstenwache abgefangen und an Land geleitet wurde. „Wir hatten nicht viel zu Trinken“, erinnert sich der 15-Jährige zurück. „Die letzten drei Tage waren wirklich schwer.“ Seit einem Jahr lebt Haisam in Eutin. Basketball hat der Syrer schon in seiner Heimat gern gespielt, darum hat er konkrete Ziele: „Die großen Jungs hier spielen sehr gut. Ich will hier auch besser werden.“

Ob Syrer oder Deutscher – Den rustikalen Humor ihres Trainers Robert Alexander, kurz: „Bob“, lernen hier alle irgendwann kennen und verstehen. „Jeder weiß ja, dass das Scherze sind“, sagt Felix Onesorg lachend. Ebenso unkonventionell an Coach Bob: Der US-Amerikaner spricht mit den Kindern und Jugendlichen des offenen Basketballtrainings ausschließlich Englisch. „Mein Deutsch ist miserabel, darum sprechen wir Englisch. Die Kinder verstehen vielleicht nicht immer jedes Wort, aber sie wissen, was ich ihnen sagen will.“ Und auch andersherum funktioniere die Kommunikation sehr gut, erklärt der 70-Jährige. „Ich sage ihnen immer: Wenn ein Satz aus sieben Wörtern besteht, sollen sie mir wenigstens drei davon auf Englisch sagen. Den Rest reime ich mir dann zusammen“, so Alexander. „Wichtig ist nicht, englische Vokabeln zu pauken, sondern die Idee irgendwie rüberzubringen.“ Im Vordergrund des Basketballtrainings von Robert Alexander steht das Learning-by-doing-Konzept, bei der Sprache wie beim Sport. Alexander: „Die Kinder kennen die Basketball-Regeln nicht, aber das ist auch nicht wichtig.“

Auf das Training mit syrischen Kindern und Jugendlichen hatte sich Robert Alexander im Vorfeld vorbereitet. So habe er einen Bekannten in Hamburg – ebenfalls Basketball-Coach – um Rat gebeten: „Er ist Muslim und ich habe mich erkundigt, wie man mit den syrischen Kindern umgeht, mit ihnen redet. Ich meine, sie haben wirklich schon genug hinter sich“, erklärt Alexander. Darum sei es für ihn auch selbstverständlich gewesen, dem jungen Haisam Sportschuhe zu kaufen. „Die, mit denen er hier ankam, gingen gar nicht. Da bin ich mit ihm zu LMK gegangen und habe ihm Vernünftige gekauft“, erklärt Trainer Bob.

Das gemeinsame Spielen der im Schnitt zehn bis 15 Jungen steht im Vordergrund des ganztägigen Basketball-Trainings. „Diese Kinder haben Spaß, egal wie gut sie spielen.“ Regeln, Taktik oder Zirkeltraining gibt es bei Robert Alexander nicht. Stattdessen Tipps mit einer Prise Lebensweisheit: „Weißt du, warum du gerade keinen Punkt gemacht hast?“, richtet sich Alexander im ruhigen Ton an den 13-jährigen Hamza. „Weil du den Ball viel zu lange behalten hast. Du wolltest den Punkt allein machen. Aber du hast Mitspieler, die besser zum Korb standen.“

„Flüchtlinge“ nennt Robert Alexander die Brüder Haisam und Hamza nicht. „Es sind Syrer“, erklärt der
US-Amerikaner. „Besser wäre ,Besucher’. Denn sie wollen ja nach Hause, dorthin, wo sie Freunde und Familie haben.“ Warum sie vertrieben wurden, versteht der 70-Jährige nicht. „Ich sehe diese Jungs und frage mich, wie die jemand vertreiben kann. Es ist doch nicht ihre Schuld.“ Doch die positiven Ergebnisse seines Trainings bleiben Robert Alexander nicht verborgen. „Sie blühen hier auf, ihre schulischen Leistungen werden besser“, sagt der Basketball-Coach. Auch einige Eltern berichteten regelmäßig, dass ihre Kinder sich durch das Basketballtraining positiv entwickelten. An die Basketballrente denkt Alexander noch lange nicht: „Der Ruhestand ist der letzte Punkt vor dem Tod“, stellt der 70-Jährige fest.

Während der Sommerferien findet das Training Montag bis Freitag von 10 bis 18 Uhr statt. Wer Interesse hat, kann vorbeikommen. Vorkenntnisse sind nicht erforderlich.

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erstellt am 24.Aug.2016 | 13:33 Uhr

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