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Ostholsteiner Anzeiger

04. Dezember 2016 | 11:17 Uhr

Spontane Umplanungen sind typisch

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

„Es ist schon komisch: Wir wissen, dass wir noch gar nicht so lange hier sind, aber es fühlt sich so an, als wäre man schon Ewigkeiten hier,“ meinte eine Mitfreiwillige von mir vor zwei, drei Tagen – und damit hat sie den Kern ziemlich gut getroffen: Vor einem Monat begann alles an einem frühen Morgen in Deutschland, damals konnte noch keiner von uns ahnen, was für eine turbulente Reise vor uns stand: Erst hatte die Deutsch Bahn Verspätung, dann wollte Air France nicht abheben, was uns immerhin eine Nacht in Paris bescherte, in Beijing war die allgemeine Müdigkeit dann am Zenit angelangt und in Kunming wurde dann mehrmals das Gate umverlegt – womit wir mit einigen verwirrten Chinesen den Flughafen kennengelernt haben, bis wir dann doch noch rechtzeitig im richtigen Flugzeug saßen.

Mittlerweile ist mir bewusst geworden, dass diese spontanen Umplanungen ziemlich typisch für China sind: Wir unterrichten zu dritt an der Universität von Pu’er Englisch im Rahmen des „weltwärts“-Programmes und als wir letzten Dienstag gerade unsere Stunde beginnen wollte, kam die Dekanin des English-Departments herein und fragte uns, ob wir nicht spontan eine 80-Minuten-Stunde eines anderen Englischlehrers übernehmen können. Das hat dann auch irgendwie funktioniert – so ist das hier in China: Irgendwie klappt alles immer irgendwie, auch auf der Straße: Linien werden anscheinend eher als Vorschläge angesehen, deshalb ist auch der Zebrastreifen nur eine Möglichkeit, die Straße zu queren und keinesfalls eine Stelle, wo der Fußgänger irgendwelche Rechte besitzt. Wer jetzt aber denkt, dass wir Selbstmordfantasien haben, weil wir uns Fahrräder angeschafft haben, der irrt wieder einmal gewaltig: Denn es gibt fast überall Radwege, von denen man sich in Deutschland eine Scheibe abschneiden könnte: Auf beiden Seiten der Fahrbahn gibt es einen durch einen Grünstreifen abgetrennten Radweg, der so breit ist, dass dort sogar ein Lkw fahren könnte (erlebt man natürlich auch mal zu Rush-Hour-Zeiten). Dieser wird auch gerne von Rollerfahrern oder parkplatzsuchenden Autofahrern genutzt, so hat es zumindest den Anschein.

Zum Glück sind wir in einer relativ kleinen Stadt. Pu’er hat gerade mal 230  000 Einwohner, das ist für chinesische Maßstäbe eine Kleinstadt, außerdem sind wir auf 1000 Metern Höhe und von wunderschönen Bergen umgeben und eine erfrischende Brise zieht regelmäßig durch die Straßenzüge, was dem Smog keine Chance bietet.

Berühmt ist Pu’er für den Tee, der aus der Region kommt, dem die Stadt auch seinen Namen verdankt, die bis 2008 noch Simao hieß. Aber auch Kaffee ist extrem wichtig für die Region: Ich habe von Chinesen erfahren, dass 80 Prozent des Kaffees, den „Starbuck’s“ verarbeitet, aus der Region um Pu’er stammt. Das Klima ist auch bestens geeignet: Im Winter fällt die Temperatur selten unter 10°  C, im Sommer wird es maximal 35°  C heiß, weshalb viele auch Pu’er als die „wahre Stadt des ewigen Frühlings“ bezeichnen, zumal es in Kunming, der eigentlichen „Stadt des ewigen Frühlings“, letzten Winter sogar geschneit hat.

Diese Stadt und die Berge rings herum warten noch auf unsere Erkundung, aber bisher gab es auch in unserer direkten Umgebung genug zu tun: Unsere Wohnung, also die von mir und meinen Mitbewohnerinnen Lea und Nele ist bisher noch etwas „kärglich“ eingerichtet, also haben wir uns erstmal eine Küche zusammengekauft, bestehend aus einer chinesischen Induktionskochplatte, die zwischenzeitig richtig Gas gibt, um kurz darauf wieder in den Ruhemodus zurückzukehren, ein paar Bechern, einem Wok und einem relativ kleinen Kochtopf, sowie Schüsseln und Stäbchen.

In unserem Badezimmer (mit authentisch-chinesischem Hockklo!) war das Waschbecken undicht, das ließ sich aber mit einigen Handgriffen relativ einfach beheben. Die Tatsache, dass ich seit einem Monat nun auf einem Holzbrett mit einer dünnen Decke darauf schlafe, stört mich mittlerweile auch nicht mehr, die Zeit verrinnt.

Auch das Genießen der zum Teil sehr gut gewürzten Köstlichkeiten (meistens essen wir Nudelsuppe, Reis mit beliebigen Zutaten oder „Shaokao“, eine Art chinesisches BBQ, das man an jeder Ecke am Abend findet) mit Stäbchen ist kein Problem mehr, vor vier Wochen wurden wir noch von so manchem Chinesen für unser Hantieren mit Stäbchen ausgelacht.

Unsere Hauptaufgabe ist dies natürlich nicht. Wir sind hier, um, wie bereits erwähnt, Spoken English an der Universität von Pu’er zu unterrichten, die aktuell von 10  000 Studenten besucht wird und damit zu den kleineren Universitäten in China gehört.

Wir haben aktuell drei 80-Minuten-Stunden pro Woche und unterrichten, außerdem haben wir drei Intensivierungsstunden mit kleineren Gruppen und erhalten selber zweimal die Woche Chinesisch-Unterricht. Darüber hinaus steht es uns frei, selber Projekte anzuregen und umzusetzen, und wir wurden mit der Planung einer großen Weihnachtsfeier für die gesamte Universität beauftragt.

Es gibt also immer viel zu tun, aber nun ist erstmal eine Woche frei, in der man Zeit hat, sich die Umgebung anzugucken. Denn die Zeit rennt, wohl auch, weil man immer so viel erlebt und mittlerweile schon weiß, was man wo erleben kann.

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erstellt am 06.Okt.2016 | 11:15 Uhr

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