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Ostholsteiner Anzeiger

07. Dezember 2016 | 19:24 Uhr

Silbermedaillengewinner im Hintergrund

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Fußball-Lehrer Thomas Nörenberg aus Timmendorfer Strand stand als Co-Trainer von Horst Hrubesch im Maracana-Stadion im Olympischen Finale gegen Brasilien

Die Silbermedaille des olympischen Fußballturniers liegt auf dem Tisch, der stolze Besitzer sitzt bei einem Latte Macchiato daneben, nur ein paar Gehminuten von seinem Zuhause am Timmendorfer Strand entfernt. Doch Thomas Nörenberg bleibt unbehelligt. Weder Einheimische noch Touristen erkennen den 52-Jährigen, und das obwohl er einer der Architekten der Erfolge im deutschen Nachwuchsfußball ist. Nörenberg war rund zehn Jahre lang quasi die rechte Hand von Horst Hrubesch, feierte zwei Europameisterschaften mit der U19 und U21 und jetzt olympisches Silber.

„80  000 im Maracana, die gegen einen schreien – das war überragend“, berichtet er vom Endspiel gegen die Brasilianer. „Und dann machen wir das 1:1. Und pling. Alles ruhig.“ Am Ende behalten die Gastgeber in der Elfmeterlotterie die Oberhand im Kampf um Gold. „Das war vielleicht Vorsehung“, sagt er und erinnert sich an Momente, an denen der Weg fast zu Ende gewesen wäre. Dass Serge Gnabry gegen die Koreaner in letzter Minute den Freistoß verwandelte, war so ein Punkt.

Selbst dann wäre das Olympia-Turnier, bei dem Nörenberg auch die Eindrücke im ganzen Land und vor allem die letzten Tage unter Tausenden Sportlern im olympischen Dorf beeindruckt haben, alles andere als ein Misserfolg gewesen. Schließlich war schon die erste Qualifikation eines DFB-Teams seit 28 Jahren etwas ganz Besonderes. Die Zusammenstellung des Teams, das im Gegensatz zur Konkurrenz, keineswegs aus den bestmöglichen Spielern bestand, kam erschwerend hinzu. „Wenn man sich nicht qualifiziert, redet schon bald keiner mehr drüber“, weiß Nörenberg. „Aber wenn man bei einem Turnier verliert, gibt’s gleich einiges auf die Mütze.“ Das weiß er von der EM des Vorjahres, als die U21 unter Hrubesch und Nörenberg die einzige Niederlage in 36 Pflichtspielen hinnehmen musste. „Bei den Portugiesen haben wir uns ja auch noch revanchiert“, stellt er nach dem 4:0 bei Olympia als Revanche für die 0:5-Halbfinalpleite bei der EM fest.

Das olympische Fazit ist ungetrübt. „Natürlich wäre Gold noch schöner gewesen. Aber überhaupt eine Medaille mitzubringen, ist großartig. Und das Erlebnis nimmt einem keiner mehr.“

Erkannt worden wäre der Timmendorfer wohl auch als Olympiasieger nicht. „Ich dränge mich nun mal nicht in den Mittelpunkt“, sagt Nörenberg. Einerseits wünscht er sich die verdiente Anerkennung, andererseits ist er dankbar dafür, dass er – im Gegensatz zu Horst Hrubesch – fast immer unbehelligt bleibt: „Wenn ich das bei Horst immer wieder erlebe, bewundere ich, wie ruhig er da bleibt.“

Zum Profi hat es Thomas Nörenberg nie gebracht: „Ich war ein guter Fußballer, technisch gut und habe auch viel vorbereitet. Aber das Tempo hat mir gefehlt, und ich war nicht torgefährlich genug.“ So sachlich, wie er intern die Nachwuchskicker einschätzt, die für die DFB-U-Nationalmannschaften in Frage kommen, so nüchtern beschreibt er auch seine damaligen Defizite.

„Holstein Kiel hatte Interesse, als Michael Lorkowski Trainer war. Das hat sich aber auch zerschlagen. Und da wäre das Ende der Fahnenstange auch erreicht gewesen“, weiß er heute. So verbrachte er seine aktive Laufbahn in der höchsten Landesklasse, damals Verbandsliga, als Leistungsträger bei seinem Heimatclub Strand 08, beim VfB Lübeck und beim TSV Pansdorf. Höhepunkte blieben Auftritte im Kampf um die Deutsche A-Jugend-Meisterschaft mit dem VfB gegen den Nachwuchs von Werder Bremen und Stuttgart.

Für die Trainerlaufbahn gaben Eigeninitiative, Mut und an der richtigen Stelle auch die nötige Portion Glück den Ausschlag. So nennt er den ehemaligen SHFV-Verbandstrainer Werner Pfeifer nicht nur den neben Hrubesch zweiten „überragenden Menschen“, den er im Fußball kennen gelernt hat, sondern sieht in ihm auch einen wichtigen Wegbereiter seiner Entwicklung. „Ohne seine Fürsprache wäre ich wohl nicht mal zur Eignungsprüfung für den Fußball-Lehrer zugelassen worden“, sagt Nörenberg. „Dabei hatte ich eigentlich alle Voraussetzungen.“ Nur eben keinen großen Namen, der damals bei der Vergabe der begehrten Plätze im Lehrgang an der Sporthochschule noch wichtiger war als heute. Am Ende schloss Nörenberg die Ausbildung mit bekannten Größen wie Dieter Hecking, Stefan Böger, Alois Reinhardt oder Dieter Schlindwein als Zweitbester des Lehrgangs ab. Die Ausbildung hatte er übrigens selbst finanziert und sich als Bundesgrenzschutz-Beamter ein halbes Jahr unbezahlten Urlaub genommen.

Pansdorfs D-Jugend war die erste Aufgabe als Trainer. Trainer der Kreisauswahl, DFB-Stützpunkttrainer in Nachbarkreisen, erst Assistent und später verantwortlicher Trainer von SHFV-Landesauswahlen – es ging eine Etappe nach der anderen voran. Nur in der Bundesliga landete Nörenberg nie. „Ich habe viele Bewerbungen geschrieben“, erzählt er. Kein einziger Verein bat ihn auch nur zu einem Gespräch. Das gab es später immerhin mit Rolf Rüssmann, damals Manager in Stuttgart, auf Empfehlung der Sporthochschule. Doch Trainer Felix Magath zog nach einem Gespräch mit Nörenberg den erfahreneren „Seppo“ Eichkorn als Assistenten vor.

Die wichtigste Entscheidung war wohl die von 2003. Damals gab Nörenberg seinen Beamtenstatus auf Lebenszeit auf, um Verbandstrainer in Niedersachsen zu werden. „Natürlich war das ein Risiko“, bekennt er. „Ich hätte schließlich auch in der Probezeit durchfallen können. Aber ich wusste: Wenn ich nochmal was anderes in meinem Leben machen möchte, muss ich diese Chance nutzen!“

„Als Familienvater hätte ich möglicherweise anders entschieden“, weiß der ungebundene Nörenberg. An der Sportschule Barsinghausen bildete er in elf Jahren rund 1000 Trainer aus, trainierte die Frauen, Junioren und U21 des NFV. Und er rückte in den Blickpunkt des DFB.

Zunächst holte ihn Dieter Eilts bei einem Juniorenturnier in sein Trainerteam. „Er hat sich wohl an mich erinnert, weil ich bei Werder Bremen mein Praktikum absolviert habe“, sagt der Timmendorfer. Ein festes Gespann bildete Nörenberg aber erst mit Horst Hrubesch. Der hatte seinen künftigen Co-Trainer bereits kennen gelernt, als ehemalige Nationalspieler einige Jahre zuvor im Auftrag des DFB die Arbeit der Stützpunkte beurteilen sollten. Hrubesch schaute sich die Arbeit beim SHFV in Reinfeld an, war von Nörenberg überzeugt und erinnerte sich später an ihn. „Die Trainingsgestaltung war größtenteils meine Aufgabe, umgesetzt haben wir alles gemeinsam“, beschreibt der Co-Trainer die Arbeitsteilung. „Das letzte Wort hatte aber immer Horst.“

Angeleitet werden von Nörenberg dabei auch die ganz Großen der Branche. Fünf spätere Weltmeister gehören zur U21-Europameisterelf von 2009. Noch heute schwärmt Nörenberg von der professionellen Einstellung eines Jerome Boateng, von den Qualitäten eines Manuel Neuer oder Mats Hummels oder von der Vorbildfunktion, die die Bender-Zwilinge auch zuletzt bei Olympia wieder eingenommen haben.

„Wir haben nie enttäuscht“, stellt Nörenberg fest. Mit der U19 gab es 2008 die erste Goldmedaille nach einem 3:1 im Finale gegen Italien, ein Jahr später auch mit der U21 den EM-Titel nach einem 4:0 im Endspiel gegen England. Fünf Turniere – zwei Titel, das Finale von Rio, ein Halbfinale (mit der U21 im Vorjahr), ein knappes Viertelfinal-Aus (mit einer U20 ohne viele Stammkräfte bei der WM in Ägypten). Kein Trainer im DFB-Nachwuchs hat eine ähnliche Bilanz.

Konfliktfrei war die Zusammenarbeit dabei nicht immer. In Erinnerung blieb beiden ein Streit bei einem entscheidenden U19-Qualifikationsspiel in der Slowakei, als Nörenberg den „Chef“, wie er Hrubesch gerne nennt, in seinen Emotionen bremsen wollte. „Als Co-Trainer sehe ich manches zwar auch angespannt, analysiere aber nicht so emotional“, erklärt der Assistent, der in diesem Fall für seinen Hinweis aber barsch abgekanzelt wurde. Zwar entschuldigte sich Hrubesch anschließend. „Wenn man ihn kennt, weiß man, dass ihm das schwer gefallen ist“, erklärt Nörenberg. „Aber ich habe trotzdem deutlich gemacht: Wenn das noch einmal vorkommt, bin ich weg.“ Von da an kennzeichnete noch mehr Respekt die Zusammenarbeit. Beide verbindet inzwischen auch außerhalb des Platzes so etwas wie eine Freundschaft.

Auf Hrubeschs Betreiben erhielt Nörenberg 2013 den festen Job beim DFB – die Stelle für seinen Assistenten machte der Chef zur Bedingung für seine erneute Übernahme der U21. Nach Olympia ist die gemeinsame Zeit vorbei. Hrubesch hatte seinen Abschied lange vorher angekündigt. „Im Nachhinein ist das gut so“, meint Nörenberg. Sein Co-Trainer-Vertrag läuft noch bis zum Jahresende. „Hansi Flick hat signalisiert, dass man gerne mit mir weiterarbeiten würde“, erklärt der 52-Jährige, der das auch „als Zeichen von Wertschätzung“ sieht. Das Aufgabengebiet wird sich verändern. Er soll bei der U15 unterstützen und sein Know-how bei
der Persönlichkeitsentwicklung und der Mannschaftsführung einbringen.

In den Mittelpunkt wird Nörenberg sich auch dann nicht drängen. Ganz nebenbei erzählt der Fußball-Lehrer, dass er seit einem genetisch bedingten Herzinfarkt vor drei Jahren („Wenn mein Bruder mich nicht sofort gefunden hätte, wäre es vorbei gewesen“) mit einem Defibrillator in der Brust lebt. „Ich bin danach gelassener geworden“, sagt Nörenberg. Und in der Sommersonne der Ostseeküste scheint es nicht so, als gäbe es einen Grund, daran sobald etwas zu ändern.

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erstellt am 29.Aug.2016 | 21:30 Uhr

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