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Kreis Ostholstein : Schwere Vorwürfe gegen Waldorf-Kita in Eutin: Eltern erstatten Anzeige

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Ein Junge musste angeblich seinen Finger über eine brennende Kerze halten. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Eutin | Wurden Kinder an den Ohren gezogen oder geschlagen, wenn sie nicht das machten, was die Erzieherin von ihnen wollte? Musste ein Junge sogar die Hand über eine Kerze halten, bis Brandblasen entstanden, weil er „böse“ war? Die Vorwürfe, die Eltern gegen zwei Mitarbeiterinnen der Krippengruppe des Eutiner Waldorfkindergartens (Kreis Ostholstein) erheben, wiegen schwer. Christian Braunwarth, Sprecher der Lübecker Staatsanwaltschaft, bestätigt auf Nachfrage laufende Ermittlungen, „wegen möglicher Verletzungen von Kindern in einer Kita“.

Im Detail soll es sich dabei neben körperlichen Verletzungen auch um seelischen Druck handeln, der laut Eltern auf mindestens zwei Kinder ausgeübt worden sein soll. „Mein Sohn wollte plötzlich gar nicht mehr in die Kita, begann nachts wieder mit einnässen“, erzählt eine Mutter. Anfangs habe sie sich nichts dabei gedacht und versucht andere Erklärungen dafür zu finden. „Man glaubt ja nicht, dass sie im Kindergarten misshandelt werden.“ Doch am 22. März entdeckte sie plötzlich aufgeschnittene Brandblasen an den Fingern ihres Sohnes. „Die Erzieherin meinte, ich soll da ein bisschen Salbe darauf machen.“ Wie es genau passiert sei, habe sie nicht sagen können. Ihr Sohn versteckte die Hände vor seiner Mutter, reagierte plötzlich panisch auf lauwarmes Wasser beim Händewaschen und meidet bis heute alles, was warm ist. Erst als die Oma den Dreijährigen auf seine verletzten Fingerkuppen ansprach, soll er die Situation nachgespielt haben. Zum Entsetzen der Erwachsenen soll er gezeigt haben, dass seine Hand von einer Erzieherin, deren Namen er nennt, in die brennende Kerze gehalten wurde – mit den Worten: „Du warst böse“.

Der Mutter kommen die Tränen, wenn sie daran denkt. Heute weiß sie, weshalb ihr Sohn sich nicht ihr, sondern der Oma anvertraut hat: „Die Erzieherin soll ihm gedroht haben, dass Mama und Papa sehr böse sein würden, wenn er das erzählt.“ Und ihr Sohn zeigte der Oma noch mehr: Kneifen in den kleinen Zeh, Ohren ziehen und Schlagen an den Kopf. Seine Mutter erstattete Anzeige, besuchte mit ihrem Kind die Gerichtsmedizin und einen Kinderpsychologen. Letzterer soll noch in Anwesenheit der Mutter bei der Kita-Aufsicht des Kreises angerufen und diese über „eine glaubhaft versicherte Kindesmisshandlung“ informiert haben. Vom Kreissprecher heißt es auf Nachfrage dazu: „Zu laufenden Verfahren können wir uns nicht äußern. Die Kita-Aufsicht des Kreises ist aber in den Fall involviert.“

Auch im zweiten Fall, der dem Ostholsteiner Anzeiger geschildert wurde, war es die Oma, der sich das Kind anvertraute: Plötzlich schickte das kleine, nicht einmal zwei Jahre alte Mädchen seine Großmutter mit den Worten aus dem Zimmer: „Raus Oma, du bist böse“. Die Mutter des Mädchens: „Meine Tochter fing auf einmal an, sich selbst oder ihr Spielzeug zu schlagen, immer mit den Worten ‚Du bist böse‘.“ Als sie dann in einer Facebookgruppe das Bild der verbrannten Fingerkuppen sah, habe sie genau hingeschaut und nachgefragt.

Die Mutter des Jungen informierte sofort den Vorstand des Waldorf-Kindergartens, der nach einer außerordentlichen Sitzung die betreffende Mitarbeiterin suspendierte. Dies wurde auf Nachfrage vom ersten Vorsitzenden, Daniel Binder, bestätigt.

„Das haben wir nicht gemacht, weil wir glauben, dass wir die Kinder schützen müssen, sondern weil wir auch die Frau schützen wollen, bis alles geklärt ist“, sagte zudem Christina Henkel aus dem Vorstand. Im Elternbrief ein paar Tage später ist von einer Beurlaubung die Rede. „Die Ermittlungen der Polizei müssen wir jetzt abwarten“, sagte Daniel Binder, erster Vorsitzender am Donnerstag.

Fakt ist: Laut Polizei wird in zwei Fällen gegen zwei Mitarbeiterinnen des Kindergartens wegen des Verdachts der gefährlichen Körperverletzung und der Misshandlung Schutzbefohlener ermittelt. Fakt ist auch: Beide Kinder gehen nicht mehr in die Krippengruppe. Im Fall des kleinen Mädchens kam der Vorstand des Trägervereins „Zur Förderung der Waldorfpädagogik Eutin“ der Mutter zuvor, sprach ihr diese Woche die fristlose Kündigung aus. Henkel begründet das so: „Die vertrauensvolle Arbeit seitens der Pädagogen zur Mutter ist nicht mehr möglich.“ Die Mutter vermutet: „Ich soll wohl die anderen Eltern nicht mehr beeinflussen.“ Auch sie erstattete Anzeige – gegen die zweite Erzieherin. Diese Mitarbeiterin soll nach der Schilderung ihrer Tochter zugeschlagen haben. Sie ist nicht beurlaubt. Das Ziel der betroffenen Eltern: „Wir wollen die Wahrheit wissen und dass diese Menschen anderen Kindern das nicht mehr antun können.“

Das Problem: Die Eltern sagten, sie wüssten durch die psychologische Begutachtung ihrer Kinder, dass diese keine Fantasie-Geschichten erzählten, doch mit ihrem Anliegen fühlten sie sich vom Kindergarten nicht ernst genommen. Im Fall des Dreijährigen war es nach OHA-Informationen der Gutachter selbst, der die zuständige Aufsichtsbehörde des Kreises informiert hat. Die Mutter schildert: „Nach der ersten Information wurde eine Mitarbeiterin als sofortige Reaktion des Vorstandes suspendiert, in Gesprächen mit anderen Eltern und im Infoschreiben aber alles runtergespielt.“ Auch sei sie darüber verwundert, dass der Vorstand des Waldorf-Kindergartens mit jedem Elternpaar der zehn Kinder aus der Krippengruppe Einzelgespräche geführt und nicht die Ermittlungen der Kriminalpolizei abgewartet habe.

Die vom Vereinsvorstand beauftragte Anwaltskanzlei erklärte in dessen Auftrag dazu: „Wir haben von diesen Vorwürfen erfahren und diese durchaus ernst genommen. Die Erzieherin wurde kurzfristig bis zum Abschluss unserer Ermittlungen beurlaubt. Mit allen Beteiligten haben wir Gespräche geführt. Diese konnten den Verdacht der Kindesmisshandlung in unserer Einrichtung bisher nicht erhärten.“ Im Gegenteil: Auf der spontan einberufenen Elternversammlung am Donnerstagabend wurden Zweifel laut, dass die Verletzungen in der Kita entstanden sind. Andreas Beer, Vater und ehemaliges Vorstandsmitglied, sagt: „Für mich sehen die Wunden eher nach einer glatten Oberfläche wie einer Herdplatte aus, nicht nach einer Kerze.“ Es sei schlimm, dass ein Kind derartige Verletzungen erlitten habe, „aber ich sehe, wie gut die Pädagogen mit den Kindern arbeiten“. Seinerzeit war die maßgeblich beschuldigte Erzieherin noch nicht in der Krippengruppe. Seine Zweifel begründet er wie folgt: „Es hätten alle sehen müssen, so etwas wäre in dem kleinen Raum nicht unbemerkt geblieben.“

Die betroffenen Mütter entgegnen: „So etwas denkt sich ein Kind nicht aus. Das ist ja gerade das Schlimme, dass jetzt keiner etwas gesehen haben will.“ In der Regel passen zwei, manchmal drei Erzieher auf zehn Krippenkinder auf. Gegen zwei der drei laufen nun die Ermittlungen. Eine erste Klärung erhofft sich der Vorstand nächste Woche durch das Rechtsmedizinische Gutachten zu den Brandblasen. 
 

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erstellt am 15.Apr.2017 | 09:00 Uhr

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