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Ostholsteiner Anzeiger

08. Dezember 2016 | 17:16 Uhr

Retten – egal woher der Wind weht

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Sechs Malenter DLRG-Schwimmer trainierten auf Sylt Rettungs- und Schwimmtechniken bei sehr schwierigen äußeren Bedingungen

Alle zwei Jahre veranstaltet der DLRG-Landesverband Schleswig-Holstein einen Lehrgang auf Sylt mit dem Thema: Schwimmen und Retten in der Nordsee. In diesem Jahr nahmen sechs Rettungsschwimmer aus Malente an diesem konditionell wie technisch anspruchsvollen Lehrgang teil.

Los geht es am Freitagnachmittag bei 20 Grad Außentemperatur und stürmischem Wind aus Südwest. Die 54 Teilnehmer, alle erfahrene Rettungsschwimmer im Alter zwischen 12 und 65 Jahren, schauen gespannt auf die hohe Brandung und folgen aufmerksam den Anweisungen des Ausbildungsleiters Frank Hertlein. Dieser weist darauf hin, wie leicht Bodyboards, Flossen und Rettungsgurte über den Strand geweht würden und dass das Material bei Nichtnutzung immer zu sichern sei. Der Südwestwind führe zu einer Drift nach Norden, und sobald man außerhalb der Badezone sei, hieße es: zurück an Land und dabei auf die Buhnen-Warnschilder achten. Die Teilnehmer sollen sich mit dem Material vertraut machen.

Gekleidet in Neoprenanzüge und mit rot und gelb leuchteten Badekappen ausgestattet wagen sich die Ersten in die 20°C warme Nordsee. Eine ältere Teilnehmerin bleibt zunächst ehrfürchtig vor den Wellen am Strand stehen: „Da geh‘ ich nicht rein!“, aber als jemand neben ihr aus dem Wasser springt und sich gleich wieder begeistert in die Fluten wirft, wird auch sie neugierig. In den folgenden Stunden erleben die Malenter Schwimmer Caren Kügler, Rainer Coen, Tobias Behr, Christine Lamb, Emily Storm und Katrin Dürwald, wie schwer es sein kann, sich durch die Brandung und hinter die Sandbänke zu kämpfen, wo das Wasser etwas ruhiger wird. Es geht leichter, wenn man durch die Brandungswellen taucht und nicht versucht, die Wellenkämme zu überschwimmen, denn dann wirft einen die Welle wieder weit zurück. Da das Wasser wegen der Sandbänke nicht einfach zurückschwappen kann, driftet es seitlich weg und entwickelt eine „Treckerströmung“, die einen aufs offene Meer ziehen kann.

Die Schwimmer sind erstaunt, wie schnell es sie aus der Badezone treibt – nach fünf bis zehn Minuten müssen sie zurück an Land und zum Ausgangsort zurückwandern. Zum Einsatz kommen Flossen, Bodyboards, Gurtretter, ein Rettungsbrett und ein SUP, das ist ein „Stand-Up-Paddling-Brett“. Die Brandung frisst die ersten Flossen und Schwimmbrillen, beim Ausstieg aus dem Wasser werden viele noch einmal durchgewirbelt.

Am folgenden Tag geht es um Rettungstechniken. Geschulte Rettungsschwimmer können sich mit dem Rettungsbrett und Kurzflossen schnell durch die Brandung zu einem „Opfer“ durchkämpfen. Das Rettungsbrett wird aber auch leicht zum Spielball der Wellen und kippt um, lernen die Teilnehmer durch Ausprobieren. Nur wenige bringen gleich so viel Vortrieb aufs Brett wie Tobi Behr. Dieser schafft es auf Anhieb, sich durch die Brandung zu paddeln; das Zurücksurfen gelingt ihm aber nicht. Die meisten bleiben im Weißwasser der Brandung „kleben“. Alternativ schlägt Hertlein Kurzflossen und Gurtretter als probate Rettungsmittel vor.

Rainer Coen probiert es aus und kämpft sich damit bis zu einem „Opfer“. Der Weg zurück wird ihm lang; der Gurt im Wasser wirkt wie ein Bremsklotz. Um das „Opfer“ aus dem Wasser zu ziehen, braucht es der Hilfe weiterer drei Leute.

Alle merken, wie sie als Rettungsschwimmer an ihre konditionellen Grenzen kommen. Weil das so ist, hat man in den USA personalintensive Rettungstechniken entwickelt, bei denen ein Rettungsschwimmer an einer bis zu 300 Meter langen Rettungsleine zu einem „Opfer“ schwimmt. In einem Abstand von rund 15 Metern folgt ihm ein Leinenschwimmer, der die Leine entweder aus dem Wasser heraushält oder die Verbindung zum ersten so hält, dass das Seil keine eigene Drift entwickelt. Beim Lehrgang sind es drei Leinenschwimmer, die hinter dem eigentlichen Retter schwimmen. Sie sorgen dafür, dass die Leine selbst nicht zu viel Gewicht und Widerstand für den Schwimmer aufbaut. Hat der Rettungsschwimmer das „Opfer“ erreicht, wird von Land aus die Leine aus dem Wasser gezogen, die Leinenschwimmer unterstützen diesen Vorgang.

Auch an Land braucht es mehrere Leute, denn das Seil einzuziehen ist mindestens so pulstreibend wie das Retten im Wasser. Am Ende konstatiert ein Teilnehmer, dass niemand mehr genug Luft und Kraft gehabt hätte, eine Herz-Lungen-Wiederbelebung beim Opfer durchzuführen. „Deswegen binden wir zum Herausziehen des Seils auch Passanten ein“, erläutert Ausbildungsleiter Henning Otto.

Am letzten Tag lernen die Lehrgangsteilnehmer, wie sie die körperliche Fitness trainieren und mit-
hilfe eines „Run-Swim-Run“-Wettbewerbs einschätzen können. Mit Run-Swim-Run wird die typische Rettungssituation simuliert: Man läuft 100 Meter über den Strand, schwimmt 200 Meter und läuft die 100 Meter zum Abschluss erneut. Wer das in acht Minuten schafft, gilt als rettungsfähig. Erschöpft gehen die 20-jährige Emily Storm und die drei Jahre ältere Christine Lamb ein letztes Mal zum Duschen ins Schullandheim Rantum. Doch sie sind sich darüber einig: Sie wollen in zwei Jahren wieder dabei sein...

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erstellt am 14.Sep.2016 | 12:35 Uhr

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