zur Navigation springen

Ostholsteiner Anzeiger

11. Dezember 2016 | 11:04 Uhr

Eutin : Praktische Lebenshilfe vor Gericht

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Erst vor dem Amtsgericht waren drei junge Männer zu einer Entschuldigung bereit: Gericht verhängte Arbeitsstunden für Beleidigung.

Einst waren sie Freunde, die drei Malenter zwischen 18 und 30 Jahren – bis sich ein Streit um ein Ticket für das Wacken-Open-Air im Herbst 2015 so hochschaukelte, dass sich die Beteiligten außer Stande sahen, den Streit ohne das Eutiner Amtsgericht beizulegen. Was Beobachtern banal erscheinen mag, beschäftigt in Malente ganze Familien.

Stefan K. (28)* fühlte sich „auf gut deutsch gesagt, verarscht“ von Christian E. (30)*. Dieser hatte ihm ein Ticket für das Wacken-Open-Air versprochen, wenn er ihm die 170 Euro dafür zahlen könne, doch zu sehen bekam Stefan K. es nie. Hinterher habe er erfahren, dass er es einem anderen verkauft habe. K. war sauer. Eine Clique von Jungs spaltete sich plötzlich in Gegner und Freunde unter denen Beleidigungen nur so umherflogen. Per richterlicher Gewaltschutzanordnung erwirkte Christian E., der sich bedroht fühlte von Stefan K. und seinem zehn Jahre jüngeren Freund Tino R. (18)*, dass beide einen Abstand von 50 Meter zu ihm und seiner Adresse einhalten müssen.

Doch sie fuhren und gingen mehrfach vorbei: „Hurensohn“ und „Penner“ oder „Ich hau’ dir auf die Fresse“ sollen laut Staatsanwaltschaft die beiden – mal zusammen, mal allein – zu Christian E. gesagt haben. „Es ist wirklich selten, dass ein Streit um ein Ticket so ausufert“, bemerkte Richter Otto Witt. Auf die Frage, was der viel jüngere Tino R. mit dem Ganzen zu tun habe, wusste dieser selbst keine so rechte Antwort außer der Tatsache, dass auch er irgendwann beleidigt wurde.

„So etwas gehört in zehn Minuten in einem Gespräch aus der Welt geschafft. Ich verstehe nicht, weshalb man sich da nicht mal zusammensetzt“, sagte Witt. „Ich habe ja einen Termin im November bei einem Schiedsmann mit ihm“, räumte Tino R. ein. Witt: „Warum kann man sich nicht auch so für all das entschuldigen? Da ist der Staat ja ausgelastet genug gewesen mit Schiedsmann, Gewaltschutzverfahren und den Strafsachen.“ Der 18-Jährige gab an, dass ihm das ein Polizist geraten habe. Erst nach der Verhandlung erzählte er vor der Tür, dass er schon zweimal versucht habe, sich zu entschuldigen und mit Christian E. das normale Gespräch zu suchen. „Aber jedes Mal kam danach eine Anzeige, dass ich gegen die Anordnung verstoßen habe, weil ich mich mit ihm getroffen habe. Dabei wollte er das auch. Er hat sogar gesagt, dass ich bei ihm klingeln soll, damit wir reden können“, sagt Tino R.

Vor Gericht sprangen die drei schließlich über ihren Schatten, Witt forderte sie auf: „Entschuldigen Sie sich beieinander, dann ist die Sache vom Tisch.“ Ein Handschlag folgte. Stefan K. sagte dazu: „Dann können wir es erstmal dabei belassen.“ Befreundet sein, so der 28-Jährige, wolle er nicht mehr mit ihm. Dazu sei zu viel vorgefallen. „Der hat seine ganze Familie eingespannt in die Beleidigungsaktionen. Ich wurde neulich beim Einkaufen von seinem Großvater angeblafft“, erzählt eine der Mütter, die den Prozess begleitet hatten, im Anschluss.

Gegen die beiden Angeklagten wurde das Verfahren eingestellt – unter der Voraussetzung, dass Tino R. 20 und Stefan K. 30 Arbeitsstunden leistet. Auch da leistete Richter Otto Witt praktische Lebenshilfe, da beide zögerten, das „Angebot“ von Staatsanwaltschaft und Gericht anzunehmen. Tino R.: „Wann soll ich das denn machen? Ich bin in der Ausbildung in Lübeck, arbeite montags bis freitags. In den Ferien mache ich Urlaub, das ist schon gebucht.“ Darauf der Richter: „Wir sind nicht dafür da, etwas passendes für Sie zu suchen. Aber sie sollten ein Interesse daran haben, nicht vorbestraft zu sein.“ Und dann hilft er doch mit Blick Richtung Jugendgerichtshilfe: „Finden Sie etwas für sonnabends?“ Der Mitarbeiter der Jugendgerichtshilfe nickt. Und für Stefan K., der sich gerade in einer Maßnahme beim BQOH befindet, wurde veranlasst, dass er dort seine Zeit ableisten kann. Einfacher geht es wohl nicht. Nur Freundschaften kitten, das müssen die jungen Malenter selbst übernehmen, so es denn gewollt ist.

zur Startseite

von
erstellt am 01.Nov.2016 | 00:26 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen