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Ostholsteiner Anzeiger

03. Dezember 2016 | 16:49 Uhr

„Olympia hat an Glanz verloren“

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Reinhold Timm erinnert sich an die Olympischen Spiele 1960 in Rom und freut sich auf die anstehenden Leichtathletikwettbewerbe

Wenn ihm die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro begegnen, dann oft auf den Handys junger Leute. „Die sitzen neben mir und gucken sich die Wettbewerbe auf dem kleinen Bildschirm an“, hat Reinhold Timm festgestellt, der sich noch sehr gut an die Zeiten erinnern kann, als er mit dem Ohr am Radiolautsprecher oder später mit den Augen am Fernseher förmlich geklebt hat. Seine besonderen olympischen Momente hat der 75-Jährige 1960 erlebt, als er die Spiele in Rom vor Ort verfolgt hat. Heute ist ihm Olympia etwas ferner. „Viele Wettbewerbe finden erst in der Nacht statt, und das ist für mich zu spät. Außerdem haben die Olympischen Spiele nicht mehr den Glanz, den sie früher hatten, damals haben wir mitgefiebert“, stellt der frühere erfolgreiche Amateurboxer fest.

Ein Blick auf die liebevoll gepflegte Sammlung mit den aufwendig gestalteten Eintrittskarten für Eröffnungs- und Abschlussfeier, die Wettkämpfe in Leichtathletik, Schwimmen und natürlich Boxen nimmt den Betrachter mit auf die Zeitreise. Wegen seiner besonderen Leistungen war der damals 20-jährige Reinhold Timm zu den Olympischen Spielen nach Rom abkommandiert worden. „Ich wurde überraschend zum Chef reingerufen, das hieß meistens nichts Gutes“, erinnert sich Timm. Doch es gab nicht den befürchteten Anranzer, sondern den Marschbefehl – zum Schneider. „Wir wurden fein ausstaffiert, mit grauer Hose und blauem Blouson mit aufgenähtem Olympiaemblem. Wir sahen so schmuck aus, dass wir keine Eintrittskarten gebraucht hätten, wir wurden fast überall so durchgewunken“, schildert Timm seine Eindrücke.

Er erlebte die Helden des Sports hautnah, bekam ein Autogramm der US-amerikanischen Sprinterin Wilma Rudolph, die über 100 Meter, 200 Meter und in der 4x100-Meter-Staffel Goldmedaillen gewann, und des überragenden Athleten der Spiele von 1936, Jesse Owens, der als Zuschauer auf der Tribüne saß. Reinhold Timm hatte im Olympiastadion einen erstklassigen Sitzplatz, als Armin Harry in 10,2 Sekunden auf der Aschenbahn den 100-Meter-Endlauf gewann, applaudierte den sowjetrussischen Schwestern Irina und Tamara Press, die Gold im Kugelstoßen (Tamara) und im 80-Meter-Hürdenlauf holten.

Der Traum  des  jungen  Boxers erfüllte sich, als er das Finale miterlebte, in dem der junge Cassius Clay im Halbschwergewicht den Polen Zbigniew Pietrzykowski besiegte und seinen Ruhm begründete. „Boxen aus Rio wird ja kaum gezeigt“, bedauert Reinhold Timm. Dabei geht es für die deutschen Faustkämpfer um die Zukunft.  „Wenn die bei Olympia nichts gewinnen, werden die Zuschüsse böse zusammengestrichen“, befürchtet Timm.

Olympia 2016 wurde dem Eutiner, der in den sechziger Jahren für den PSV im Boxring kämpfte, durch die Dopingdiskussionen verleidet: „Das Hickhack hat dem ganzen Sport geschadet. Wenn gedopt wird, muss bei allen durchgegriffen werden, auch bei den Chinesen, zum Beispiel“, sagt Reinhold Timm. Ihn ärgert zudem, dass in Brasilien auch viele Profisportler am Start sind.

Da Reinhold Timm seinen Dienst beim Bundesgrenzschutz in Ratzeburg absolviert hat, liegt ihm auch das Rudern am Herzen: „Ich durfte damals bei Trainer Karl Adam das Ausdauertraining mitmachen.“ Es habe ihn einiges an Überwindung gekostet, bis er seinen Mut zusammen genommen und beim damaligen Vorsitzenden des Ratzeburger Ruder Clubs, Dr. Alfred Block, nachgefragt habe. Für einen Ruderer war Timm zu klein und zu leicht. „Als Steuermann hätte es vielleicht passen können“, sagt der 75-Jährige mit einem Augenzwinkern. In Reinhold Timms persönlicher Hitliste steht die Leichtathletik weit oben: „Das ist der Kern der Olympischen Spiele!“

Krönender Abschluss der Spiele von Rom war der letzte Wettbewerb. Bevor die Schlussfeier im Olympiastadion begann, gehörte der Rasen den Springreitern, 1960 sicherte sich die bundesdeutsche Equipe – DDR und Bundesrepublik gingen mit zwei voneinander strikt getrennten Mannschaften an den Start – die letzte Goldmedaille. „Damals ritten Hans-Günter Winkler mit seiner Stute Halla, Fritz Tiedemann und Alwin Schockemöhle für Deutschland“, erinnert sich Reinhold Timm mit glänzenden Augen. Die Zeiten, in denen er Feuer und Flamme für Olympia war, sind vorbei. „Vielleicht gucke ich mir die Abschlussfeier im Fernsehen an“, überlegt Reinhold Timm – aber wahrscheinlich läuft auch die zu spät...

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erstellt am 15.Aug.2016 | 22:37 Uhr

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