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Ostholsteiner Anzeiger

03. Dezember 2016 | 14:42 Uhr

Nur Eutin feiert Weltflüchtlingstag

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Ehrenamtler im Fokus: Flüchtlingskoordinatorin Sophia Schutte hatte die Idee zur Veranstaltung – der einzigen in ganz Schleswig-Holstein

Ein Zelt der UN steht auf dem Platz vor der Kreisbibliothek. „Das hat etwas von Ferienlager“ oder „oh Gott, ist das eng“, entrinnt Menschen, die es betreten. „In Jordanien oder anderswo müssen Menschen teilweise mehrere Monate oder gar Jahre zu sechst in so einem Zelt leben“, berichtete Sophia Schutte. Der Flüchtlingskoordinatorin der Stadt Eutin ist es zu verdanken, dass es gestern überhaupt eine Veranstaltung zum Weltflüchtlingstag in Ostholstein gab und – wie Zuhörer ihres Vortrags erfuhren – in Schleswig-Holstein sei es die einzige dieser Art gewesen. Seit 2015 ist es nicht nur der Tag, der auf die mittlerweile 50 Millionen Flüchtlinge der Welt aufmerksam machen soll, sondern auch der Tag, an dem der zahlreichen Opfer der Flucht gedacht werden soll. Für sie stand eine Blume im Veranstaltungssaal der Kreisbibliothek.

Sophia Schutte und der stellvertretenden Bürgermeisterin Elgin Lohse ging es gestern darum, zu zeigen, was alles schon erreicht wurde. „Noch vor zwei Jahren hätte wohl keiner gedacht, dass wir heute hier zum Weltflüchtlingstag ein Zelt aufbauen und ihn so gemeinsam feiern“, sagt Lohse. Die Vielzahl an Menschen, die Schutz suchten, habe die Kommunen, die sonst so geordneten deutschen Strukturen überfordert. „Wir wollten den Lindenbruchredder abreißen, stattdessen mussten wir in Eutin in Windeseile versuchen, die leeren Baracken so schön zu machen, wie es nur geht“, erinnert Lohse an die Wohnungsnot. Mehr als 300 Flüchtlinge leben heute – zwei Jahre später – in Eutin. Politik und Verwaltung erkannten, dass die Vielzahl an Aufgaben rund um das neue Thema nicht allein durch Ehrenamtler zu bewältigen war: Zwei Stellen für die Flüchtlingsbetreuung und -koordination wurden geschaffen, heute sind es vier. Alle sitzen gemeinsam im Katasteramt, der – wenn alle Etagen fertig sind – wohl größten Flüchtlingsunterkunft neben dem Lindenbruchredder in der Stadt.

Die meisten der rund 80 Ehrenamtlichen der ersten Stunde sind noch aktiv in Willkommensgruppen, Sprach-, Mal-, Lese- und Nähkursen, Begleitungen zu Arzt und Behörden oder als Familien- oder Sprachpaten. Wie das Engagement der Ehrenamtler mit den Angeboten verschiedenster Träger und den Aufgaben von Stadt und Kreis ineinander greift, haben Schutte und Lohse versucht, in einem farbigen Puzzle darzustellen. „Es ist mitnichten vollständig und niemand ist verzichtbar“, sagt Lohse. Doch was es vor allem zeigt, ist was Politik immer wieder betont: Ohne die Ehrenamtler geht es nicht.

Der Terminkalender von Innenminister Stefan Studt (SPD) enthielt gestern auch nur Flüchtlingsthemen: Morgens verabschiedete er zwei Fregatten in Kiel, die zur Rettung ins Mittelmeer entsandt wurden, wo sie zwei andere deutsche Fregatten ablösen. Auf der Landesgartenschau schaute er sich die Bilder zahlreicher minderjähriger Flüchtlinge verschiedenster Deutsch-als-Zweitsprache-Klassen aus Bad Schwartau an und kam anschließend zur Kreisbibliothek für ein paar Grußworte und ein offizielles Danke: „Nicht nur von der Politik, sondern auch persönlich von mir ein großes Dankeschön an alle, die helfen, eine Brücke zu bauen, bis mittel- und langfristig die Aufgaben wie Begleitung, Orientierungshilfe oder Sprachunterricht auch von staatlicher Seite erfüllt werden können.“ Er motivierte alle „Praktiker“, die Erfahrungen und Erlebnisse mit „den Menschen, die unser Leben und unsere Gesellschaft bunter und reicher machen“, in die Öffentlichkeit zu tragen – „uns Politikern nimmt man das immer nicht so ab, wenn wir von solchen Erlebnissen berichten“, sagte Studt und blickte in lachende Gesichter. Am Nachmittag eröffnete er in Rendsburg eine neue Erstaufnahmeeinrichtung.

Die Autorin Frauke Kässbohrer las gestern aus ihrem Buch „Bloß nicht weinen, Akbar“, das sie gemeinsam mit einem jungen Afghanen geschrieben hatte, und Stefan Schmidt erzählte, wie er vom eingesperrten Kapitän der Cap Anamur (weil er Menschen auf dem Mittelmeer vor dem Ertrinken rettete) zum Flüchtlingsbeauftragten des Landes wurde. Für Musik sorgten Albrecht Gieseler mit Musikern aus aller Welt. Die anwesenden Gesichter solcher Veranstaltungen sind immer die gleichen – sie sind oft schon lange engagiert im Thema.

Das, was nach so einem Tag bleibt, ist die Freude einiger Menschen, dass sie weiterhelfen konnten, Menschen aus Syrien und anderen Ländern auf der Suche nach einer Perspektive in einem neuen Land eine Stütze waren – und: „Dass der Hass und die Aggressionen gegenüber den Geflüchteten, die wir mal mehr mal weniger aus der Presse erfahren, längst nicht die Meinung aller ist“, so Elgin Lohse.

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erstellt am 21.Jun.2016 | 00:01 Uhr

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