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Ostholsteiner Anzeiger

27. März 2017 | 02:39 Uhr

„Notfallkonzept greift nicht“

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Der Gleichstellungsbeirat in Ostholstein bemängelt die Qualität der Geburtshilfe im Norden des Kreises.

Vor mehr als einem Jahr schloss die Sana-Klinik in Oldenburg ihre Geburtsstation. Mit einem Notfallkonzept sollte die Versorgung der Schwangeren und Gebärenden im Norden Ostholsteins gewährleistet werden. Das von der Sana-Klinik versprochene Konzept greife aber nicht, sagt der Gleichstellungsbeirat des Kreises, der Donnerstag im Kreishaus tagte. Der zur Verbesserung des Konzepts eingerichtete Runde Tisch habe auch erst einmal getagt, wurde in der Sitzung bemängelt.

Kritisiert werden unter anderem zu lange Wege zu den Geburtsstationen in Eutin und Lübeck, dadurch mangelnde Vor- und Nachsorge sowie eine fehlende Vernetzung von Ärzten und Krankenhäusern.

Nina Scholl, Gleichstellungsbeauftragte in Oldenburg, sprach den Stand der Entwicklung an und bedauerte: „Es gibt nach wie vor kein Netzwerk.“ Der Bericht der Landesregierung über die Versorgung von Schwangeren und Neugeborenen in Schleswig-Holstein vom 8. August sei haarsträubend. So würden 45 Minuten Fahrtzeit zum nächsten Entbindungsort noch als zumutbar angesehen. Doch hätten die Mütter von einem Prozent der Neugeborenen (2014 kamen 1276 Kinder im Kreis zur Welt) eine längere Fahrzeit als die 45 Minuten gehabt, gibt Scholl zu bedenken.

Die Sozialpädagogin moniert: „Die Versorgung der Frauen ist bei der Vor- und Nachsorge nicht ausreichend abgedeckt.“ Das betreffe weniger die besser situierten Schwangeren, die ohnehin auf die Betreuung in Eutin oder Lübeck zurückgriffen. Viel mehr fielen die anderen durch das Raster, hätten nicht den Zugang zur vollständigen Grundversorgung. Die Eutiner Klinik biete zwar das sogenannte Boarding, den kliniknahen Aufenthalt vor der Geburt, an. Doch das Angebot werde immer weniger angenommen, sagt Scholl.

Die Begleitung durch Hebammen gehe vor allem bei denen zurück, die sie am dringendsten brauchten, sagt Scholl, also Familien mit Kindern oder Mütter, die wegen unzureichender Betreuung seelische Schwierigkeiten bekommen. Gabriele Appel vom Sozialdienst katholischer Frauen bestätigt: Jede zweite Schwangere suche keine Hebamme mehr. Die Frauen gingen für die Nachsorge zu ihrem Kinderarzt, der wiederum genervt sei, weil er die Arbeit der Hebamme mache.

Noch schwerer als eine mangelnde Nachsorge könnte eine unzureichende Vorsorge wiegen. Mütter gerieten durch das gestiegene Maß an Planung und Selbstorganisation unter Druck. „Die psychische Gesundheit der Kinder wird durch Stress in der Schwangerschaft geschädigt“, sagt Sabine Axt von der Beratungsstelle Frau und Beruf. Es bestehe die Gefahr, dass mehr Menschen mit Persönlichkeitsstörungen wie Boarderline oder Depressionen großgezogen würden. „Da kann ich nicht mit leben“, kritisiert Axt das zu kurz gedachte Konzept. Scholl geht das noch aus einem anderen Grund gegen den Strich: „Wenn der steigende Organisationsdruck im Vorwege zu mehr Kaiserschnitten führt, werden auch Frauenrechte mit Füßen getreten.“

Silke Meints, Gleichstellungsbeauftragte beim Kreis Ostholstein, vermisst in dem Bericht des Landes den Aspekt der Folgen längerer Anfahrtswege zu den Kliniken für die Sicherheit der Frauen. Bei Bedarf könne für den Transport zum Krankenhaus zwar der Hubschrauber benutzt werden – allerdings nur dann, wenn sicher sei, dass die Schwangere in der Zeit nicht entbindet. Im Hubschrauber fehle für eine Geburt der Platz, hieß es im Ausschuss. Die Liege sei zu schmal und der Notarzt habe zu wenig Bewegungsraum.

Angela Jagenow vom Verband alleinerziehender Mütter und Väter hält dem Kreis vor, er konterkariere mit dieser Entwicklung das vor Jahren aufgelegte Schutzengel-Programm völlig. Schutzengel bietet gemeinsam mit Jugendamt und Hebammen jungen Familien Hilfe an.

Das Land stelle zwar Mittel zur Verfügung, die könnten aber für die Vernetzung, moderiert von einem externen Dienstleister, drauf gehen, befürchtet der Beirat. Jemand fordert: Das Geld sollten lieber die Hebammen bekommen. Eine Anmerkung im Ausschuss: „Ich sehe den Kreis in der Verantwortung.“ Niemand widersprach.

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erstellt am 28.Nov.2015 | 00:33 Uhr

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