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Ostholsteiner Anzeiger

08. Dezember 2016 | 09:07 Uhr

Mit Rückenschmerzen in die Ambulanz

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Der OHA hat nachgefragt: Wie kommt die Notaufnahmegebühr auf Ärzte- und auf Patientenseite in Ostholstein und Eutin an?

„Jede Autofabrik wäre sofort pleite, wenn sie organisiert wäre wie unser Gesundheitssystem“ lautet das Urteil Dr. Thomas Schangs zum Problem überforderter Notaufnahmen in deutschen Krankenhäusern. Der Vorsitzende des Ärztenetzes Eutin-Malente ist sicher, Probleme wie diese könne man nicht mit einer Gebühr lösen, denn: „Man muss das ganze System neu organisieren, so dass der Hausarzt immer die erste Instanz ist, danach der Facharzt, dann die Klinik.“ Damit reagiert Schang auf die Forderung der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin, in Notaufnahmen eine Gebühr von 20 Euro zu erheben und nur dann zurückzuzahlen, wenn es sich um einen „echten“ Notfall handle. So solle die umfängliche Behandlung dringlicher Fälle gesichert sein und die Kosten für die Kliniken gemindert werden. „Das gleiche Experiment hatten wir schon mit der Praxisgebühr und es hat nicht funktioniert“, sagt Dr. Thomas Schang.

Trotzdem räumt der Ärztenetz-Vorsitzende ein, dass Menschen – immer häufiger sogar während der Sprechzeiten der Arztpraxen – Ambulanzen aufsuchten, „mit kleinen Schnittwunden, Kopf- oder Rückenschmerzen“. Der Grund: Der Klinikbetrieb stehe immer zur Verfügung, vermutet Dr. Thomas Schang, und Notaufnahmen böten eine umfängliche medizinische Behandlung. Ein Teil der Patienten bekomme zudem, so Schang, in der Arztpraxis keinen Termin, oder müsste lange darauf warten. Darum sei der Gang in die nächste Klinik der einfachste Weg. „Außerdem gibt es eine steigende Zahl derer, die unser Gesundheitssystem nicht kennen. Niedergelassene Ärzte gibt es in Ländern wie Syrien nicht, da geht man ins Krankenhaus, wenn man was hat“, erklärt Schang. Patienten könne man aber auch nicht abweisen. „Über kurz oder lang wird ein Patient dabei sein, der ein Notfall war“, so Schang.

„Als Steuerungsinstrument ist eine Gebühr für die Notfallambulanz völlig ungeeignet“, findet auch Brigitte Maas. Die in Eutin praktizierende Ärztin ist der Überzeugung: „Das wird zu einem enormen Verwaltungsaufwand führen, der genauso unsinnig ist wie damals bei der Praxisgebühr.“ Ähnlich argumentiert Michael Hesse, Sprecher der Sana-Kliniken: „Grundsätzlich lehnen wir die Notaufnahmegebühr ab“, so Hesse. Die Forderung nach einer Lösung zur Entspannung der Lage in den Kliniken könne Hesse aber nachvollziehen. Die Sana-Kliniken seien bisher verschont geblieben von einem Patienten-Ansturm, denn: „Grundsätzlich steht unser Haus jedem offen. Wir haben eine Anlaufpraxis im Gebäude“, erklärt Michael Hesse. Zusätzliche Ordnung schaffe außerdem das geplante Manchester-Triage-System. Mit diesem Ampelsystem sollen die Klinik-Mitarbeiter künftig die Dringlichkeit der medizinischen Behandlung beim einzelnen Patienten selbst feststellen. Hesse: „Rot bedeutet dringlich; gelb heißt: in nächster Zeit zu behandeln. Und grün: es ist nicht lebensbedrohlich und kann warten.“ Aktuell laufen die Mitarbeiterschulungen, erklärt Michael Hesse.

Anlaufpraxen – also ein ärztlicher Bereitschaftsdienst – sind grundsätzlich eine gute Möglichkeit, die Notaufnahmen zu entlasten, befindet Bernd Krämer. Der Vorsitzende der Krankenhausgesellschaft sagte auf Nachfrage des OHA: „Das Thema bewegt uns seit geraumer Zeit. Eigentlich hatten wir den Gedanken gehabt, zusammen mit der kassenärztlichen Vereinigung die Anlaufpraxen zu Portalpraxen auszuweiten.“ Der Gesetzgeber sei dem Vorschlag, diese Praxen auch außerhalb der Sprechzeiten niedergelassener Ärzte zu öffnen, aber noch nicht gefolgt, bedauerte Krämer. Portalpraxen sollen in Kliniken mit angegliederter Ambulanz als eine erste Adresse für Patienten dienen. Hier wird entschieden, ob eine medizinische Behandlung in der Praxis genügt oder der Patient direkt ins Krankenhaus eingewiesen werden muss.

Und was sagen die Menschen in Eutin zur Strafgebühr in der Notaufnahme? Alfred Ehlert: „Ich kann doch nicht immer selbst beurteilen, ob mein Kopfweh ein Notfall ist oder nicht, es könnte ja auch ein Schlaganfall sein.“ Helga Ehlert pflichtet ihm bei: „Gerade mit Kindern würde ich immer in die Notaufnahme gehen, wenn etwas ist.“ Renate Wiehmann sagt: „Wir haben es selbst schon erlebt, dass wir mit einem echten Notfall in die Klinik kamen und der Warteraum voller Menschen war.“ Reinhart Dill ergänzte: „Wenn Leute dort nicht hingehören, finde ich so eine Gebühr gut.“ Eine Schranke hält der Stader darum für notwendig: „Und wenn ich wirklich um mein Leben bange, lasse ich mich von 20 Euro auch nicht abschrecken.“

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erstellt am 15.Okt.2016 | 00:12 Uhr

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