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Ostholsteiner Anzeiger

03. Dezember 2016 | 16:47 Uhr

Mit dem Hund in der Curtius-Klinik

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Tiere ein Hygiene-Risiko? Die Leitung der Curtius-Klinik ließ sich umstimmen

„Nicht streicheln, ich arbeite“ steht auf ihrer Kenndecke. Als Welpe erhielt sie den Namen „Klein-Ida“, mittlerweile will der Name nicht mehr so richtig passen: Die irische Wolfshündin hat ein Schulterhöhe von 85 Zentimetern.

Für Carola Kreienbrink, die unter einer posttraumatischen Belastungsstörung (PBTS) leidet, ist Ida zu einer unentbehrlichen Begleiterin geworden. Die Ruhe und Erhabenheit des „sanftmütigen Riesen“ strahle auf sie aus, erklärt die Niedersächsin. Tatsächlich macht der Vierbeiner einen sehr entspannten und liebevollen Eindruck.

„Ida“ ist eine ausgebildete Assistenzhündin. Seit sechs Jahren begleitet sie ihr „Frauchen“. Und – das ist alles andere als selbstverständlich – sogar bei einem Aufenthalt in der Malenter Curtius-Klinik.

Dort gab es erst auch Bedenken: Ein Hund in der Klinik? Was ist mit der Hygiene? Was ist, wenn sich andere Patienten vor dem riesigen Hund fürchten?

Bert Bohla, Vorsitzender von „Lichtblicke“, ein Verein zur Förderung des Assistenzhundewesens in Hamburg, kennt diese Probleme sehr gut und half Carola Kreienbrink, der Kliniksleitung umzustimmen.

Er machte der Klinik klar, dass es sich bei dem Hund „nicht um irgendein Haustier, sondern um ein gesetzlich anerkanntes Hilfsmittel und Medizinprodukt“ handele. Bohla weiter: „Der Assistenzhund bildet mit dem Halter ebenso eine Einheit wie ein Rollstuhl mit demjenigen, der darin sitzt.“

Wer wolle einem mobilitätseingeschränkten Menschen schon seinen Rollstuhl wegnehmen? Und wer einem Patienten das Mitnehmen seines Assistenzhundes verweigere, begehe eine widerrechtliche Diskriminierung, argumentiert Bohla: „Ein Assistenzhund dient der Erfüllung elementarer Lebensführung und der gesellschaftlichen Teilhabe.“

Carola Kreienbrink erzählt ein Beispiel, warum ihr die dauerhafte Nähe des Hundes so wichtig ist: Schon als Welpe habe das Tier sie bei Albträumen aus dem Schlaf geholt. Wenn man an Albträumen leide, versuche man, nicht tief und fest zu schlafen, um die schlimmen Träume zu vermeiden. Die Folge seien Schlafstörungen, Ängstlichkeit, Nervosität und Stress. „Seit ,Ida’ an meiner Seite ist, habe ich keine Angst mehr vor dem Einschlafen.“

Ohne den Hund sei es für sie auch nicht möglich, ins Kino, auf Konzerte oder „einfach rauszugehen.“ Das stoße auch auf Probleme: „Es ist leider immer wieder so, dass das Personal in Restaurants und Cafés nicht Bescheid weiß.“ Sie müsse ständig damit rechnen, zurückgewiesen zu werden.

Bert Bohla habe ihr eine „Formel“ mit auf den Weg gegeben, wo sie „Ida“ überall mit hinnehmen dürfe: „Wo Sie mit Straßenschuhen rein dürfen, da darf auch der Hund rein.“ Das gelte nicht uneingeschränkt, aber es helfe, sich den Sachstand vor Augen zu führen.

Bei Kreienbrink hat auch Dank des Vereines Lichtblicke ein Umdenken stattgefunden: „Das Recht wird mir nur gegeben, wenn ich es in Anspruch nehme.“ So habe sie sich auch schon mal mit „Ida“ in ein Café gesetzt, obwohl ihr – trotz des Hinweises auf einen Assistenzhund – untersagt worden sei, den Hund mit hineinzunehmen. Sie trage für solche Situation sogar die entsprechenden Gesetzestexte bei sich. Und in dem besagten Café habe sie sich einfach hingesetzt mit dem Hinweis, dass man gerne die Polizei rufen könne.

Bohla spricht von „Barrieren in den Köpfen der Menschen“, die auf Unkenntnis beruhten. Das gelte auch bei vermeintlichen Hygiene-Probleme durch Hunde in Kliniken: Es gebe Untersuchungen vom Robert-Koch-Institut, die belegten, dass durch die Hunde keine nennenswerte Gefahr für die Hygiene entstehe: „Angesichts dieser Darstellungen lässt sich die hygienische Bedenklichkeit von Assistenzhunden, die sich in vielen Köpfen nach wie vor hartnäckig hält, kaum aufrecht erhalten.“

Mittlerweile sei die Klinik sogar froh, das „Experiment“ gewagt zu haben, sagte Kreienbrink. Sie sei „freundlich und kooperativ“ aufgenommen worden. Alle Verantwortlichen der Klinik seien „aufmerksam, hilfsbereit und lösungsorientiert.“ Sie habe nicht das Gefühl, dass die Klinik sie schnell wieder loswerden möchte, erzählte Kreienbrink. Und auch Bert Bohla betont, er sei sehr dankbar, dass die Malenter Klinik sehr schnell dem Wunsch der Patienten entsprochen habe.

Carola Kreienbrink möchte sich auch dankbar zeigen durch besonderes Entgegenkommen: „Ich nehme Rücksicht, soweit ich kann. Was immer in meinem Rahmen möglich ist, tue ich“, betont sie.

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erstellt am 29.Aug.2016 | 15:39 Uhr

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