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Ostholsteiner Anzeiger

08. Dezember 2016 | 03:16 Uhr

Mei ban fa – da kann man nichts machen

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers


China ist anders. Das dürfte wohl jedem Westeuropäer klar sein. Immerhin lesen und schreiben Chinesen von oben nach unten und von rechts nach links, gehen manchmal rückwärts (hab ich letztens wirklich in einem Park erlebt), ihr Kompass zeigt in die falsche Richtung – und eben auch ihre Vorstellung von „gutem Timing“ weicht stark von unserem ab.

Nun dürfte die Annahme weit verbreitet sein, dass Chinesen meistens etwas zu spät kommen. Jedoch ist es bisher nur uns passiert, dass wir zu spät kamen.

In der Monatsmitte wurden wir von der Universität eingeladen, für einen Tag und eine Nacht in ein Dorf (etwa 4000 Einwohner, die größte Schule Pu’ers hat mehr Schüler) namens Mohei zu fahren, wo wir ein bisschen an der dortigen Mittelschule unterrichten sollten. Eigentlich sollten wir gegen 16 Uhr abgeholt werden, der Deutsche macht sich dann natürlich so fertig, dass er pünktlich fünf Minuten vor der Zeit am Treffpunkt auftaucht. Der Chinese ruft jedoch lieber 20 Minuten vorher an und fragt, ob man vielleicht jetzt schon abfahrbereit wäre – was dann natürlich ein mittelschweres Chaos erzeugt, weil man natürlich noch nicht abfahrbereit ist – aber man ist doch höflich.

Ansonsten war die Fahrt in die kleine, kleine Stadt eine reinste Erleuchtung. Ringsherum sind mächtige Berge und zwischen allen Lehrern herrscht eine absolut freundschaftliche Herzlichkeit, die natürlich auch vor uns nicht Halt gemacht hat.

Ansonsten durften wir direkt nach der Ankunft gleich ein bisschen unterrichten, bevor wir zum Essen eingeladen wurden. Dieses Prozedere sollte sich im Laufe des nächsten Tages noch ein paar Mal wiederholen, bis wir absolut übersättigt waren.

Nachdem wir einzelne Klassen (jeder von uns sechs Klassen) unterrichtet hatten und die Stimme schon ein wenig heiser war, durften wir dann noch ein bisschen einen gesamten Jahrgang auf dem Innenhof mit Ticker und „Head and Shoulders, Knees and Toes“ bespaßen, wonach wir endgültig fix und alle waren.

Dennoch war die Fahrt in das kleine Paradies eine der wundervollsten Erfahrungen, die wir bisher gemacht hatten. Wir hoffen auch ein bisschen, dass wir vielleicht nochmal die Chance bekommen, Mohei zu besuchen.

In Pu’er durften wir uns wieder mit so manch interessanten Auswüchsen dessen rumstreiten, was dem Chinesen wohl näher zu liegen scheint als vielen anderen Völkern der Welt: Spontaneität. Schon von Anfang an hatte ich mit einer anderen Freiwilligen vor, einen Chor an der Universität zu gründen. Dass dies auch mit Hindernissen verbunden sein würde, war uns schon klar, jedoch ging das Finden eines geeigneten Raumes und die Werbung für das Projekt erstaunlich einfach, da auch die Dekanin des English-Departments von Anfang an Feuer und Flamme war und uns mit Rat und Tat zur Seite stand. Das wahre Problem lag jedoch in den spontanen Einfällen der Chinesen, uns von irgendwelchen Großveranstaltungen, die am Freitagabend (dem Zeitpunkt unserer Chorproben) stattfanden, immer erst kurz vorher zu erzählen. So kam es, dass zur ersten Probe fast niemand auftauchte, da zu dem Zeitpunkt lauter Treffen stattfanden, an denen fast alle Studenten teilnehmen mussten.

Zwischenzeitig hatten wir aber auch mal eine echt gute Probe mit sehr motivierten Sängerinnen und auch Sängern. Jetzt kamen jedoch die Organisatoren eines Gesangswettbewerbs zu Ehren des 80-jährigen Jubiläums des langen Marsches am Montag auf den Gedanken, dass am Mittwoch die meisten Studenten gar keine Zeit haben, da Mittwochabend Unterricht stattfindet. Das ist wohl nicht allgemein bekannt, also wurde das Großereignis – was natürlich auch nahezu alle Studenten unseres Chores bindet – auf Freitag verlegt. Außerdem hatte meine Mitbewohnerin Nele vor, dieses Wochenende mit zwei anderen Freiwilligen wegzufahren.

Gestern haben diese aber spontan eine Einladung von der Provinzregierung erhalten, für ein paar Tage wegzufahren. Zuerst sollten wir auch dabei sein, was sich dann aber als Irrtum herausgestellt und für eine große Entspannung bei uns gesorgt hat. Ihren Trip mussten die drei arg verkürzen. Spontan ist man also nicht nur in den unteren Verwaltungsebenen.

Die Chinesen selbst können mit dieser Spontaneität ziemlich gut umgehen, am besten fasst ihre Einstellung dazu wohl der Ausdruck „mei ban fa“, zu Deutsch wohl am ehesten „da kann man nichts machen“ zusammen – und mit Hilfe dieses Zitates lassen sich auch die beschriebenen Situationen etwas entspannter überstehen, auch wenn der deutsche Beharrlichkeitswahn am liebsten explodieren möchte.

Aber dieses Jahr ist natürlich auch dafür da, zu lernen. Und dafür eignet sich China meiner Meinung nahezu perfekt. Denn China ist in sehr vielem anders.

PS: Zwei Stunden vor dem Senden dieses Berichtes bin ich informiert worden, dass wir spontan von der Regierung eingeladen wurden, die nächsten drei Tage an den Mekong zu fahren...

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erstellt am 30.Okt.2016 | 20:32 Uhr

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