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Ostholsteiner Anzeiger

03. Dezember 2016 | 10:46 Uhr

„Man muss unendlich viel Geduld haben“

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Sein Terminkalender war noch in den vergangenen Wochen prall gefüllt, er kam kaum dazu, Urlaub zu nehmen. Doch Michael Koch wird sich umstellen müssen. Am Montag, 29. August, ist sein letzter Arbeitstag als Malenter Bürgermeister. 20 Jahre hat er die Geschicke der Gemeinde als Verwaltungschef mitbestimmt. Zeit für einen Rückblick auf seine Amtszeit – und einen Ausblick auf seine persönliche Zukunft.

Spüren Sie schon so etwas wie Wehmut, dass Ihre Zeit als Bürgermeister jetzt bald zu Ende ist?

Nein, keinerlei Wehmut, weil ich diese Entscheidung ja selbst getroffen habe und gesagt habe, nach zwei Jahrzehnten ist Schluss. Der Hintergrund ist auch der: Ich konnte mir bei einer nochmaligen Wahlzeit von sechs oder acht Jahren nicht vorstellen, mit Ende 60 oder Anfang 70 noch hauptamtlicher Bürgermeister zu sein.

Im Rückblick auf 20 Jahre: Was waren die Höhen und Tiefen Ihrer Amtszeit?

Es gab viele Höhepunkte und Tiefen. Ich gebe ganz ehrlich zu, dass eine der Tiefen die Auseinandersetzung über das Thema Kurabgabe gewesen ist, weil sie weit weg von der sachlichen Auseinandersetzung ins persönliche gegangen ist – mit dem Ziel, mir einen Schaden zuzufügen. Das ist – und ich mache Kommunalpolitik seit 35 Jahren – schon eine der Negativ-Erfahrungen gewesen. Das war aber auch ein Punkt, an dem ich gesagt habe: Ich habe mir nichts vorzuwerfen. Das hat sich ja auch gezeigt, und das muss man dann letzten Endes durchstehen.


Fühlten Sie sich in der Berichterstattung immer korrekt und fair behandelt?

Nein. Das sage ich auch ganz deutlich. Weil ich bei der einen oder anderen Schlagzeile nicht den Eindruck hatte, dass das von Neutralität geprägt war, sondern aus meiner Sicht auch ein Stück Hurra-Journalismus war.

Aber um auf ihre vorige Frage zurückzukommen: Es gibt auch viele Dinge, über die man sich freut. Heute Morgen zum Beispiel war eine Gruppe des Awo-Kindergartens hier, und das hat mich total überrascht. Die kamen hierher mit einem Lied und haben gesagt: Sie haben uns 18 Jahre begleitet, dann kommen dazu Bilder, was man in den 18 Jahren eigentlich alles gemacht hat. Die bauliche Entwicklung dieser Kindertagesstätte ist zwar nicht nur mit mir verbunden, aber klar: Ich bin der Bürgermeister.

Wie haben Sie sich denn im Laufe dieser 20 Jahre verändert?

Mir hat mal jemand einen kleinen Spielzeug-Elefanten geschenkt und gesagt: Man muss sich eine Elefantenhaut zulegen. Ich gebe durchaus zu, dass mir das nicht immer gelungen ist und dass ich an der einen oder anderen Stelle dünnhäutiger geworden bin.

Was war Ihre schwierigste Entscheidung?

Zu den schwierigen Entscheidungen zählen sicherlich die Übergabe der Abwasserbeseitigung an den Zweckverband Ostholstein und die Einführung einer neuen Organisationsform der Kurverwaltung, auch weil sie mit Personalentscheidungen verbunden waren.


Wofür mussten Sie am längsten streiten? Vielleicht für das Integrierte Gemeindeentwicklungskonzept (Igek), das Sie unbedingt noch auf den Weg bringen wollten?

Ja, in der Tat. Da zu überzeugen, hat wirklich Jahre gedauert – klar zu machen, wir brauchen eine Zukunftsstrategie und ihr müsst alle daran mitarbeiten. Dass die Gemeindevertretung dann aber im vergangenen Jahr die Ausschreibung für das bundesweite Forschungsvorhaben zum Potenzial von Kleinstädten in Malente auf den Weg gebracht hat, obwohl ich gesagt habe, ich habe keine Zeit, das mit euch in den Fachausschüssen zu diskutieren, zeugt von einem Riesenvertrauen. Da war das Igek nur noch das I-Tüpfelchen.

Gibt es etwas, woran Sie sich besonders gern zurückerinnern?

Besonders gern eigentlich an Begegnungen mit Menschen. Was mich bis heute wahnsinnig freut, ist, wie ich von den Menschen hier aufgenommen wurde. Ich hatte nie den Eindruck, der Fremde zu sein. Das fing an mit den Schützen, die mich von vornherein mitgenommen haben. Ich war noch gar nicht im Amt, da bin ich mit meinem Vorgänger, Herrn Bestmann, im Blumenkorso gelaufen. Und ich habe im Grunde genommen immer offene Türen vorgefunden.


Gibt es etwas, worauf Sie mit Stolz zurückblicken?

Nein, mit Stolz nicht, weil ich versucht habe, meine Arbeit zu machen. Was mich zum Beispiel freut, ist, dass wir es geschaftt haben, aus der Gesundsheits- und Tourismuskrise Mitte der 90er-Jahre wieder herauszukommen. Was mich nicht so sehr in diesem Zusammenhang freut, ist die Diskussion über das touristische Marketing. Da hätte ich mir gewünscht, dass man unserem touristischen Vermarkter mehr Vertrauen schenkt. Gemeinsam wurde mit der Selbstverwaltung in den vergangenen 20 Jahren infrastrukturell viel bewegt, wie die Attraktivitätssteigerung der Promenaden und des Kurparks, die Modernisierung und der Ausbau von Schulgebäuden, die deutliche Erweiterung der Kindertagesstättenplätze, die Modernisierung des Klärwerkes und die Anbindung aller Dörfer an die zentrale Abwasserbeseitigung oder der Straßenausbau.


Was war das peinlichste Ereignis Ihrer Amtszeit?

Das peinlichste Ereignis war (tiefer Seufzer), dass ich die Einladung zu einer Silberhochzeit angenommen habe – und dann war ich so kaputt, dass ich den Termin verschwitzt habe. Auch wenn ich mich dafür hinterher entschuldigt habe und ich glaube, dass das heute gar kein Problem mehr ist, ist mir das bis heute peinlich. Wenn ich dieses Ehepaar sehe, muss ich immer wieder daran denken.


Ohne was wäre das Leben als Bürgermeister leichter?

(lacht) Ohne Nörgler und Besserwisser.


Was macht für Sie einen guten Bürgermeister aus?

Zum einen muss ein guter Bürgermeister, egal ob er einer Partei angehört oder nicht, neutral sein. Er muss in der Lage sein, zwischen unterschiedlichen politischen Interessen zu vermitteln. Wir haben nun mal eine Parteiendemokratie, und die Gemeindevertretung ist das Entscheidungsgremium. Wir kommen nur weiter, wenn es gelingt, da Interessen auszugleichen. Das zweite ist: Man muss unendlich viel Geduld haben, nicht nur gegenüber der Selbstverwaltung, sondern es ist ja eine Vielzahl von Aufgaben. Man darf sich nicht nervös machen lassen. Man muss den Menschen zuhören können und dann für sich auch entscheiden, welche Schlüsse man daraus zieht.


Sie sind einmal durch die Gemeindevertretung gewählt worden und danach zwei Mal durch die Malenter Bürger. Was ist besser?

Aus meiner Sicht ist die Bürgermeisterdirektwahl die bessere Variante, weil sie dem Bürgermeister ein Stück Unabhängigkeit gibt und seine Wahl auf eine breitere Basis stellt. Deshalb würde ich an der Direktwahl festhalten. Die Frage ist nur, wie man dem Wähler deutlich macht, welche Aufgaben der Bürgermeister hat und welche die Gemeindevertretung. Es ist vielfach so, dass man den Bürgermeister für einen kleinen absolutistischen Herrscher hält. Und dann kommt die große Enttäuschung, dass man Erwartungen nicht erfüllen kann, weil die Gemeindevertretung zuständig ist – auch das habe ich erlebt.

Ihr Start in Malente war etwas holperig. Wie sind Ihre Erinnerungen daran?


(lacht herzhaft) Ich war ja auch mal Stadtvertreter. Aber ich hatte es noch nie erlebt, dass man nach einer Sitzung, egal ob man sich nun politisch gezofft hat oder nicht, nicht in der Lage war, hinterher noch gemeinsam ein Bier zu trinken oder irgendwo essen zu gehen. Ich bin damals nach Hause gekommen und habe zu meiner Frau gesagt: „Das ist ja schlimmer, als ich erwartet habe.“

Und dann bekam ich innerhalb kürzester Zeit auch noch zwei Dienstaufsichtsbeschwerden aus Reihen der Politik. Der damalige Landrat, Herr Fischer, hat mich dann gefragt, was denn in Malente los sei. Und dann hat er sinngemäß den Satz gesprochen: „So geht das nicht.“ Von Stund an habe ich keine Dienstaufsichtsbeschwerde mehr bekommen.

Das Tolle daran ist, dass dann alle daran mitgearbeitet haben, dass zwei Jahre später das entstanden ist, was wir heute vorleben, auch wenn es in der Öffentlichkeit nicht immer so wahrgenommen wird, also gegenseitiges Vertrauen. Ich habe eine Pendel-Figur in meinem Dienstzimmer. Die hat mir der SPD-Fraktionsvorsitzende, Herr Redepenning, geschenkt, nachdem ich die Selbstverwaltung mal eingeladen hatte. Und er hat gesagt: Damit Sie nie das Gleichgewicht verlieren. Das ist bis heute für mich ein Symbol. Dass diese Figur das Gleichgewicht verliert, geht ganz schnell. Deswegen habe ich immer zu mir gesagt: Mein Lieber, da unten mit dem Eintritt durch die Rathaustür endet für dich jegliche Parteipolitik.


Ihre erste Wahl stand ziemlich auf der Kippe.

Ja, das war eine Stimme. Heute lache ich darüber, aber damals war mir gar nicht wohl, weil ich eine andere Bewerbung zurückgezogen hatte. Die eine Stimme Mehrheit kam durch die CDU und die damaligen Unabhängigen Malenter Bürger (UMB) zu Stande. Das Problem war nur, als ich dann hierher kam, hieß es plötzlich, die UMB habe sich noch nicht entschieden. Ich hatte aber letztlich immer die Freiheit und das Glück, entscheiden zu können, wann ich aufhöre, weil ich mit meinem Beruf als Jurist ein Netz hatte.


Was sind Ihre Pläne für den Ruhestand?

Es gibt keine Pläne. Den einzigen konkreten Plan, den ich habe, und da setze ich mich jetzt auch öffentlich unter Druck: Wenn ich fit bin, möchte ich mir ein Stück Lebenstraum erfüllen. Ich möchte seit fast vier Jahrzehnten mit dem Fahrrad von Hamburg nach München fahren. Ich werde, wenn ich fit bin, am 1. September auf dem Rad sitzen und dann zwar nicht von Hamburg, aber von Malente nach München fahren. Auf dieser Fahrt werde ich mir überlegen, was ich danach tue. Aber es ist nicht so, dass ich eine andere berufliche Tätigkeit anstrebe. Ich höre auf jeden Fall nicht hier auf, um woanders anzutreten. Meine Familie und ich bleiben in Malente.


Haben Sie jemals mit dem Gedanken gespielt, Malente zu verlassen?

Ja, aber nicht konkret. Ich habe zwei Mal überlegen müssen. Zwei Mal bin ich gefragt worden, ob ich mir nicht vorstellen könnte, woanders anzutreten. Da habe ich beide Male mit Nein geantwortet. Das hat aber keine 24 Stunden gedauert. Ich habe immer gesagt, wenn ich mich zur Wahl stelle und gewählt werde, dann bringe ich diese Wahlzeit zu Ende. Wenn ich da ein Wort gegeben habe, halte ich das auch.

Und auch nach Ihrer Amtszeit soll Malente Ihre Heimat bleiben?

Ja. Denn ich habe diese 20 Jahre keinen Tag bereut. Und wenn Sie mich jetzt fragen: Würden Sie in Malente noch einmal als Bürgermeister antreten? Dann würde ich sagen: Ja.

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erstellt am 21.Jul.2016 | 17:00 Uhr

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