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Ostholsteiner Anzeiger

07. Dezember 2016 | 09:41 Uhr

„Leistungssport ist ein Fulltimejob“

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Interview mit dem Landessportverbandspräsidenten Hans-Jakob Tiessen zu den Folgen der Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro

Die Olympischen Spiel von Rio de Janeiro sind am Sonntag beendet worden. Jetzt werden nach und nach Bilanzen gezogen. Wir haben den Präsidenten des Landessportverbandes Schleswig-Holstein, Hans-Jakob Tiessen, nach seinen Eindrücken aus Brasilien und nach der Sportförderung in Deutschland befragt.

Ostholsteiner Anzeiger: Die deutschen Sportler haben bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro 42 Medaillen gewonnen. Was ist jede einzelne Medaille wert?

Hans-Jakob Tiessen: Über den Wert des Spitzensports für unsere Gesellschaft kann man gewiss lange diskutieren. Gleiches mag für die Umrechnung der eingesetzten Fördergelder auf errungene Medaillen gelten. Über derartige Fragen wird aktuell ja auch im Rahmen der Beratungen um die bundesweite Leistungssportstrukturreform gerungen.

Wichtig ist mir vor allem das Folgende: Leistungssportler zu sein bedeutet heutzutage, einen Fulltimejob auszuüben. Man muss immer bedenken, dass die Trainingsumfänge mittlerweile einen so großen Umfang erreicht haben, dass man – wenn man zum Beispiel bei Olympischen Spielen eine Endkampfchance haben will – keinen „ordentlichen“ Beruf ausüben kann. Für viele Leistungssportler beginnt hier das Problem. Sie können von den ausgezahlten Fördergeldern schlichtweg nicht ihren Lebensunterhalt bestreiten. Im Schnitt muss ein ambitionierter Athlet mit 700 Euro pro Monat auskommen; da muss man schon sehr viel Enthusiasmus mitbringen.

Selbstverständlich gibt es auch vereinzelt Athleten, die sich durch ihr Image, ihre Sportart oder ähnlich besser vermarkten lassen. Aber die allerwenigsten können sich während ihrer Zeit so aufstellen, dass sie eine gesicherte Existenz aufgebaut haben, wenn ihre Laufbahn beendet ist. Man muss immer bedenken, dass so eine Karriere maximal zehn Jahre dauert. Das gibt es in keinem anderen Berufsfeld!

Es hat im Vorfeld der Spiele viele Diskussionen um den Ausschluss der russischen Mannschaft gegeben. War es richtig, die Russen von der Leichtathletik auszuschließen, von anderen Sportarten hingegen nicht?

Meines Erachtens hat der internationale Leichtathletikverband hier richtig gehandelt – andere Verbände haben anders entschieden. Herauszustellen ist grundsätzlich, dass der Ausschluss von Nationen, Verbänden oder einzelnen Athleten ein sehr komplexes Themenfeld darstellt. Selbst der internationale Sportgerichtshof CAS musste der Klage der russischen Schwimmerin Julija Jefimowa stattgeben und damit eine bereits überführte Dopingsünderin zum Start in Rio de Janeiro zulassen. Zukünftig wird sich dieses Thema nur lösen lassen, wenn die Regeln der Weltantidoping-Agentur (WADA) konsequent angewendet werden. Das heißt, dass alle Athletinnen und Athleten, die etwa an Olympischen Spielen, Weltmeisterschaften oder anderen internationalen Wettkämpfen teilnehmen wollen, nach den gleichen Standards getestet und kontrolliert werden müssen. Und zwar durch unabhängige Kontrolleure, jederzeit und an jedem Ort. Hier ist insbesondere das IOC gefordert.

Auch in Schleswig-Holstein wird Hochleistungssport betrieben. Wie wird zum Beispiel der Ruder-Olympiasieger im Doppelvierer, Lauritz Schoof aus Rendsburg, finanziell gefördert?

Der Landessportverband unterstützt ihn über das „Team Schleswig-Holstein“ mit monatlich 300 Euro bereits seit 2010. Auch erhält er über die Stiftung Deutsche Sporthilfe seit einigen Jahren eine monatliche Unterstützung. Ganz wichtig ist auch, dass Lauritz Schoof eine über Jahre laufende verlässliche Förderung durch Wirtschaftsunternehmen erfährt, etwa seitens Hansewerk. Insgesamt dürfte er damit gut über die Runden kommen. In anderen Ländern ist man da schon weiter: In Großbritannien erhalten vergleichbare Spitzensportler eine jährliche Zahlung von bis zu 75  000 Euro; dadurch können sie sich dann ganz auf ihren „Beruf“ als Spitzensportler konzentrieren.

Wie müsste eine sportliche Förderung schon in der Kinderstube aussehen, damit Leistungssport in Deutschland weiter möglich ist?

Am Beginn muss eine vernünftige und zielorientierte Bewegungsförderung stehen. Das beginnt schon im Kindergarten, geht über die Durchführung von fachlich qualifiziertem Sportunterricht in den Grundschulen bis hin zu Bewegungs-Checks, die einerseits der allgemeinen Bewegungsarmut entgegenwirken, andererseits aber auch das sportliche Talent erkennen lassen sollen. Hier muss es eine viel engere Verzahnung zwischen Schule und Sport geben.

Welchen Einfluss hat die Verkürzung der Schullaufbahn bis zum Abitur, G8, auf die sportliche Entwicklung junger Athleten?

Bei den heutigen Trainingsumfängen ist das ein großes Problem. Das lässt sich allein schon an der Zeit darlegen, die einem täglich zur Verfügung steht. Da ist die Schulzeit tatsächlich die einzige Variable, die verändert werden kann; man kann ja nicht am Trainingsumfang kürzen, sonst verliert man den Anschluss an die Spitze und irgendwann muss man ja auch mal schlafen. Insofern müssen wir uns ernsthaft mit den Verantwortlichen beispielsweise über generelle Ausnahmeregelungen unterhalten, damit jugendliche Spitzensportlerinnen und Spitzensportler etwa über eine Schulzeitstreckung oder vergleichbar wirksame Lösungen in die erstrebenswerte Lage versetzt werden, Schule und Leistungssport unter einen Hut zu bringen.

Ist es vorstellbar, dass nach den Olympischen Spielen von Rio eine Sportart einen regelrechten Boom erleben wird, Beachvolleyball, Handball oder Rudern?

Im Beachvolleyball kann ich mir das durch den Gewinn der Goldmedaille von Laura Ludwig und Kira Walkenhorst gut vorstellen. Allerdings ist die Beachsaison fast vorbei und es bleibt abzuwarten, ob man das große Interesse an dieser Sportart über den Winter retten kann. Einen regelrechten Boom erwarte ich aber nicht! Olympische Spiele stehen zwar medial sehr im Fokus der Berichterstattung, erfahrungsgemäß ist das aber schon wenige Wochen später wieder vorbei. Oder können Sie sich vorstellen, dass über Kanu, Reiten oder Schießen − also die Sportarten, in denen die deutschen Athletinnen und Athleten viele Medaillen gewonnen haben – weiterhin so breit berichtet werden wird?

Hat es für Sie persönlich einen Olympischen Moment gegeben, der die Spiele von Rio de Janeiro zu ganz besonderen Spielen werden ließ?

Ich freue mich zunächst mal über jede Medaille, die unsere Athleten für Deutschland gewonnen haben. Aber bei der erneuten Goldmedaille für den Doppelvierer mit Lauritz Schoof hatte ich schon eine Gänsehaut. Vergleichbares ist mir bei der Silbermedaille des Deutschlandachters mit dem Lübecker Maximilian Munski passiert. Insgesamt wünsche ich mir einfach, dass unsere Gesellschaft sich mehr für diese „Gänsehautmomente“ begeistert und dabei die großen Leistungen aller Olympioniken noch mehr würdigt. Wenn man bei den Olympischen Spielen den vierten oder fünften Platz belegt, dann heißt das, dass nur drei oder vier Athleten auf der ganzen Welt besser sind. Und auch das ist doch wahrlich eine großartige Leistung.

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erstellt am 26.Aug.2016 | 21:55 Uhr

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