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Ostholsteiner Anzeiger

04. Dezember 2016 | 09:12 Uhr

Kolumbien: ein Land voller Gegensätze

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Laute Champetamusik, die aus den Häusern gegenüber tönt, Straßenhunde, blinkende, buntgeschmückte Busse und wild hupende Taxifahrer – das ist das Bild, was sich mir darbietet, wenn ich vor das Eingangstor der Fundación Actuar por Bolívar in Cartagenas Stadtteil Canapote trete. Hier wohne und arbeite ich nun seit einigen Wochen im Rahmen meines entwicklungspolitischen Freiwilligendienstes mit „weltwärts“ des Bundesministeriums für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit.

Cartagena de Indías liegt im Norden Kolumbiens an der Karibikküste und ist die Hauptstadt des kolumbianischen Departamentos Bolívar. Die Millionenstadt ist so gegensätzlich wie eine Metropole nur sein kann. Von der Stadtmauer aus blickt man über die Bucht auf die Hochhäuser des Nobelviertels „Boca Grande“ (Großer Mund). Und in Passacaballos, einem Stadtteil eine halbe Stunde Autofahrt entfernt, haben die Menschen zum Großteil keine Sanitäranlagen in ihren Häusern.

Die Kindergartenkinder aus der Fundación in Canapote kommen überwiegend aus prekären Familiensituationen. Meine Aufgabe besteht darin, den vier und fünf Jahre alten Kindern spielerisch Englisch beizubringen und kleine Lerneinheiten zu gestalten. Darüber hinaus kann ich zum Beispiel in einem Umweltprojekt mitwirken, das zweimal pro Woche in den Räumen der Fundación stattfindet.

Eine der deutschen Vorfreiwilligen hat hier das Kompostieren eingeführt. Von unserem Küchenfenster aus blickt man auf einen Kanal, dessen Ufer eine einzige Müllhalde ist. Die Müllabfuhr in Kolumbien ist nicht staatlich organisierrt, und viele Familien haben nicht genug Geld, um ihren Müll entsorgen zu lassen. Das Projekt ist dazu da, um Jugendliche aus dem Viertel über Mülltrennung und -entsorgung aufzuklären und ein Bewusstsein für Natur und Umwelt zu schaffen.

Zusammen mit meiner Mitfreiwilligen Kimberly aus Berlin und Samuel, einem Studenten aus der Schweiz, wohne ich in einer Wohngemeinschaft (WG) auf dem Gelände der Stiftung. Die Sprachbarriere ist leider deutlich größer, als ich erwartet habe. Die Cartageneros sprechen nicht nur sehr schnell, sondern auch noch einen Dialekt, der sich Costeñol nennt. Teilweise habe ich trotz meiner vier Jahre Schulspanisch wirklich Probleme, die Kolumbianer hier zu verstehen, da viele Wörter abgekürzt oder Buchstaben verschluckt werden.

Derzeit bin ich noch immer unglaublich fasziniert und beeindruckt von meiner neuen „Heimat auf Zeit“. Es erschüttert mich, was für ein negatives Bild ich vorher selbst von Kolumbien hatte. Es ist so offensichtlich, dass dieses Land so viel mehr zu bieten hat, als all das Negative, das bei uns durch die Medien ankommt. Mit Kolumbien lediglich die problematischen Seiten des Landes zu assoziieren wie Guerillas, Drogenkriege, Escobar & Co. ist doch sehr einseitig und wird diesem vielfältigen und wunderschönen Teil der Erde und seinen Bewohnern nicht gerecht.

Natürlich gibt es viele soziale und politische Probleme, besonders was die soziale Ungerechtigkeit und Korruption angeht. Politisch gesehen ist der fortwährende Konflikt auch gerade wegen der Volksabstimmung vom
2. Oktober zwischen FARC-Guerilla und der Regierung über den Vertrag, der mit geringer Stimmenmehrheit abgelehnt wurde, nicht zu unterschätzen. Insbesondere in Cartagena, wo arm und reich sehr nah beieinander leben, sind die sozialen Unterschiede innerhalb der Gesellschaft doch oft deutlich erkennbar.

Cartagena befindet sich in der tropischen Klimazone. Die Durchschnittstemperatur beträgt um die 27 Grad Celsius und die Luftfeuchtigkeit ist sehr hoch. Dafür regnet und gewittert es derzeit fast täglich. Die Klimaanlage bei uns im Appartement läuft in einer Tour und dass aus der Dusche lediglich kaltes Wasser kommt, stört hier niemanden.

Das Leben findet hier praktisch vor der Tür und auf der Straße statt. Im historischen Zentrum tummeln sich tagsüber und bis spät in die Nacht Obst- und Hutverkäufer, Feuerschlucker, Touristen und Einheimische, „Artesanos“ (Kunsthandwerker) aus ganz Südamerika, die ihren Schmuck verkaufen, Cumbiatänzer (ein traditioneller kolumbianischer Volkstanz, der sich zur Kolonialzeit durch afrikanische Sklaven etabliert hat) und Zumbatänzer, die auf der Plaza de la Trinidad zweimal pro Woche ihre Hüften schwingen und gratis Kurse anbieten, außerdem Breakdancer und „Shakiro“ mit wasserstoffblonder Perücke und prallem Bierbauch, der den Hüftschwung fast so gut beherrscht wie sein Idol aus Barranquilla...

Ich möchte zum Schluss anmerken, dass ich hier in meinen monatlichen Berichten meine persönlichen Eindrücke schildere. Es ist gut möglich, dass ich im Laufe meines Aufenthalts Dinge vielleicht ganz anders betrachten und verstehen werde. Ich versuche, so objektiv und fair wie möglich zu berichten, aber möchte trotzdem davor warnen, das von mir Geschilderte als allgemein zutreffende Tatsachen zu verstehen.

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erstellt am 26.Sep.2016 | 16:47 Uhr

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