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Ostholsteiner Anzeiger

06. Dezember 2016 | 13:15 Uhr

Kneipp-Verein ist bald Geschichte

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Zum Schluss nur noch eine Handvoll Mitglieder / Lehre nicht mehr angesagt

Malente ist zwar das nördlichste Kneippheilbad der Republik. Doch künftig werden Gemeinde und Region ohne ihren Kneippverein Holsteinische Schweiz auskommen müssen. „Ich war schon beim Notar, bald wird der Verein aufgelöst sein“, berichtet der langjährige Vorsitzende Joachim Schulz, der bis vor Kurzem noch in Malente als Badearzt praktizierte. „Bei den letzten Jahresversammlungen waren wir nur noch zu zweit oder zu dritt“, sagt Schulz, der den Vorsitz einst von Dr. Renate Schleker übernommen hatte.

Der Kieler Arzt Erich Conradi und Eutiner Harald Breede seien seine einzigen Mitstreiter im Vorstand gewesen. Als er nun den Vorsitz habe abgeben wollen, weil er in den Ruhestand gegangen sei, habe sich niemand mehr für den Vorsitz gefunden, sagt der 69-jährige Timmdorfer. Auch Conradi wollte nicht einspringen: „Ich kann mich nicht zerreißen“, erklärt der 63-Jährige, der in Malente seit zehn Jahren das Kneipp-Festival organisiert. Er habe schließlich selbst noch eine Praxis in der Landeshauptstadt und engagiere sich im Kneipp-Verein Kiel. Folgerichtig löst sich der Verein nun auf.

Bürgermeister Michael Koch bedauert das Ende des Kneipp-Vereins. „Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass das eine sinnvolle Anwendung ist“, erklärt er. Er sei bei seinem Kuraufenthalt vor einigen Monaten selbst überrascht gewesen über die Wirksamkeit. Es sei Aufgabe der Gemeinde und der Gesundheitswirtschaft zu erklären, was ist die Kneippsche Lehre eigentlich ist und den Kneippgedanken mit Leben erfüllen. Da seien Ideen gefragt.

Das Aus des Vereins habe sich allerdings lange abgezeichnet, sagt Koch. „Das war ein schleichender Prozess.“ Nun müsse sich die Gemeinde Gedanken machen, ob sie weiterhin an den Prädikaten „Kneippheilbad“ und „Heilklimatischer Kurort“ festhalten wolle. „Das ist eine Frage der Zukunftsstrategie: „Wo wollen wir im Tourismus hin?“.

Im Jahre 1998 war der Kneipp-Verein Holsteinische Schweiz aus einem Zusammenschluss des „Touristik- und Kneipp-Vereins“ in Malente und dem Eutiner Kneipp-Verein hervorgegangen. Allein der Touristik- und Kneipp-Verein hatte einst um die 70 Mitglieder, darunter viele Hoteliers. Zuletzt seien es nur noch fünf gewesen, bedauert Conradi.

Den Niedergang habe auch die Politik zu verantworten, sagt Schulz. In den 90er Jahren seien Badekuren und Heilbäder aus dem Leistungskatalog der Krankenkassen gestrichen worden. Damit sei die Zahl der Kneippanwendungen drastisch gesunken. Zu Unrecht, findet Conradi: „Kneippsche Wasseranwendungen sind bei den Kassen außen vor, obwohl die positive Wirkung wissenschaftlich nachgewiesen ist.“

Es komme hinzu, dass Kneipp für sich genommen nicht gerade ein Selbstläufer sei. Bei vielen Gesundheitsbewussten habe der Ansatz von Sebastian Kneipp gegenüber esoterischen, spirituellen oder fernöstlich geprägten Lehren das nachsehen, bedauert Conradi. Kneipp-Kuren hätten dagegen einen schweren Stand: „Das ist ein Angang, das tut weh, das ist unangenehm“, glaubten viele. Dass die Kneipp-Vereine generell einen schweren Stand hätten, habe aber auch mit den allgemeinen Schwierigkeiten im Vereinswesen zu tun. Die Menschen organisierten sich lieber über soziale Medien, nicht mehr in einem Verein.

Da es kaum noch Badeärzte gebe, wackele aber auch in vielen Orten der Status als Kneippheilbad, sagt Schulz. Auch in Malente sind Badeärzte rar. Zum Glück habe Dr. Thorsten Palluck, Mitglied seiner ehemaligen Praxis, mittlerweilse seinen Badearzt gemacht. Außer ihm gebe es lediglich noch Dr. Albert Zapp. Er praktiziert seit 1980 in Malente. Ohne Badeärzte im Ort wäre auch das Prädikat als Kneippheilbad verloren.

Früher organisierte der Kneippverein Ausflüge, bot Wassergymnastik in der Eutiner Elisabeth-Klinik an, hielt die Kneipp-Sprechstunde ab und lud zu Vorträgen. Immerhin: Vorträge und die Kneipp-Sprechstunde soll es auch künftig noch geben. Dafür sorgt Erich Conradi. Er will Malente als Außenstelle des Kneippvereins Kiel weiter betreuen.

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erstellt am 08.Jul.2016 | 16:31 Uhr

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