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Ostholsteiner Anzeiger

10. Dezember 2016 | 23:24 Uhr

„Keine Windkraft in Naturparks“

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Ernst-Günther Schneider verlässt die Gemeinde Bosau, will aber trotzdem weiter gegen den Bau von „Giganten“ in Naturparks kämpfen

Was für ein wunderschöner Blick von der Terrasse über die Stadtbeker Straße auf den Großen Plöner See. Ernst-Günter Schneider steht mit seiner Frau Gertrud auf der Terrasse am Grill. Es wird für beide dort die letzte Grillsaison sein. Die Schneiders verlassen nach 45 Jahren Bosau. Sie ziehen spätestens Ende März 2017 nach Malente. Dort haben sie sich ein Haus gekauft. Schneider will Bosau aber verbunden bleiben: „so lange es rechtlich zulässig ist“ als FDP-Gemeindevertreter und im Kampf gegen die Giganten, wie er sagt. Er meint damit die fast 200 Meter hohen Windräder, die nach seiner Auffassung in der Gemeinde entstehen sollen.

Die Schneiders verlassen Bosau, weil ihnen ihr Vermieter gekündigt hat. Das ist ausgerechnet Dr. Joachim Rinke, Schneiders Kollege in der FDP-Fraktion der Bosauer Gemeindevertretung. „Das hat ausschließlich private Gründe und nichts mit unterschiedlichen Meinungen in Sachen Windkraft zu tun“, versichert der 70-jährige Schneider und entkräftet damit die brodelnde Bosauer Gerüchteküche.

Ernst-Günther Schneider hat sich in der Szene der Windenergie-Gegner mittlerweile einen Namen gemacht, ist bundesweit verletzt. Rund 2000 E-Mail-Adressaten erhalten von ihm unterschiedlich Post mit oft markigen und deutlichen Worten. Da schießt er auch schon mal über das Ziel hinaus: „Ich bin im Sternzeichen des Stiers geboren, dazu temperamentvoller bayerischer Bierbrauer, und ich rege mich auf wie ein Tier - beim Thema Windkraft werde ich emotional“, räumt Schneider ein.

Bosaus FDP-Vorsitzender führt einen Kampf gegen Windkraft im Naturpark Holsteinische Schweiz. Dafür tut er fast alles: sammelt Unterschriften gegen die „Giganten“, versucht Aufklärung zu betreiben oder er fährt zu Demonstrationen.

Es will einfach nicht in seinen Kopf: „Da zeige ich mich unbeugsam. Mitten im Herzen des Naturparks Holsteinische Schweiz sollen bis zu 67 Windkraft-,Gitanten’ gebaut werden.“ Die Standorte seien vom Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (LLUR) bereits festgelegt worden.

Windkraft habe in allen sechs Naturparks in Schleswig-Holstein nichts zu suchen; sie sei ebenso menschen- wie tierverachtend. Doch: Ohne die Flächen der Naturparks werde das Land seine Windenergiepläne nicht realisieren können. Schneider verweist auf einen rechtsgültigen Ministererlass. Danach habe die Gemeinde Bosau ihr Mitspracherecht bis zum 31. Mai diesen Jahres verwirkt. Schneider ist sich sicher und erinnert an etwa 30 Widersprüche: „Bis 31. Mai dieses Jahres hätte die Gemeinde Bosau ihre bereits erteilten Genehmigungen für den Bau von Windrädern zurücknehmen müssen.“

CDU und FDP hätten in ihrer Regierungszeit Schleswig-Holstein zum „Windland“ ausgerufen. „Dabei haben sie eine Begrenzung des Höhenmaßes einfach vergessen“, beklagt Schneider. Denn: Umso gigantischer Windräder werden, desto mehr Lärm verursachten sie. Doch die alten Mindestabstände zum Beispiel zu Häusern von 400 Metern seien unverändert geblieben.

Und die erhoffte Gewerbesteuer für die Gemeinde Bosau sei – zumindest in den ersten zehn Jahren – unrealistisch. Gewerbesteuer werde nur auf Gewinne gezahlt. Und wenn ein Windrad Gewinn abwerfe, dann werde es verkauft, verweist Schneider „auf ein rentables Geschäft mit den Windrädern: Das Ganze ist ein Riesen-Steuerspiel.“

Auch wenn Ernst-Günther Schneider spätestens ab Ende März 2017 nicht mehr in der Gemeinde Bosau wohnen wird, den Kampf gegen die „Giganten“ will er von Malente aus weiterführen. Die Konstellation FDP-Vorsitzender, FDP-Fraktionsvorsitzender und Gründer der Bürgerinitiative „Gegenwind“ gebe es wohl in ganz Schleswig-Holstein nicht.

Und der Sitz in der Gemeindevertretung? „Ich gebe nur dann auf, wenn ich aufgeben muss.“ Er wolle so lange, wie rechtlich möglich Mitglied der Gemeindevertretung bleiben. Der 70-Jährige sieht die FDP in Bosau ob ihres Kampfes gegen die Wind-Giganten „locker“ im zweistelligen prozentualen Bereich der Wählerstimmen.

Und wie soll Strom nach dem Ausstieg aus der Kernkraft gewonnen werden? „Ein Ausstieg aus der Kernkraft ist nicht erforderlich“, meint Schneider. So lange es keine Alternativen gebe, setze er auf Biogas.

 

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erstellt am 22.Sep.2016 | 23:39 Uhr

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