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Ostholsteiner Anzeiger

05. Dezember 2016 | 19:40 Uhr

Kanalbau treibt die Bauern auf die Straße

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Die Straßen sind voll bei bei einer Demonstration gegen den Kanal in meiner Projektstadt Nueva Guinea. Zahlreich sind die Gegner des Megaprojekts aus allen Ecken Nicaraguas gekommen. Sie demonstrieren gegen den Plan der chinesischen HKND-Group, einen Kanal quer durch das Land zu bauen, der Pazifik und Atlantik verbindet.

China baut seit einigen Jahren seine Vormachtstellung auf See konstant aus. Für die immer größeren Containerschiffe, die dabei zum Einsatz kommen, wird der Panamakanal als Durchfahrtsweg zwischen den beiden Ozeanen zu klein. Viele modernen Schiffe können die künstliche Wasserstraße schon nicht mehr passieren. Hinzu kommt, dass die Unabhängigkeit von dem Panama-Kanal auch in politisch schlechten Zeiten durch einen eigenen Kanal gesichert ist.

Die FSLN, die regierende Partei in Nicaragua, und ihr Präsident Daniel Ortega versprechen öffentlich einen wirtschaftlichen Aufschwung, der den Lebensstandard der Bevölkerung heben könnte. Um dieses Megaprojekt im eigenen Land realisieren zu können, hat Ortega das Bauland für 50 Jahre an die Firma verkauft. Danach kann dieser Vertrag um weiter 50 Jahre verlängert werden.

Dumm nur, dass auf dem Land noch Menschen leben und der Kanal teilweise durch geschützte Zonen, einen riesigen Süßwasser-See und Regenwaldgebiet gehen soll. Der Nicaragua-See ist der größte See in Mittelamerika. Er ist 15 Mal größer als der Bodensee und fast 3600 mal größer als der Große Eutiner See. Er soll mal eine Bucht im Pazifik gewesen sein, wurde dann aber durch Vulkanaktivität von dem Ozean getrennt.

Mit der Zeit verlor er langsam sein Salz. Die im See lebende Flora und Fauna hat sich an den langsamen Salzabbau im Wasser gewöhnt.So gibt es im See viele Arten, die man nur dort findet, zum Beispiel Süßwasser-Haie. Diese Arten wären durch den Bau des Kanals und das Durchfahren riesiger Schiffe gefährdet. Außerdem steht die Frage im Raum, wie die Schiffe denn durch den See fahren sollen. Im Moment ist er nämlich noch nicht tief genug. Würde man eine Fahrrinne bauen, müsste diese betoniert sein, da sonst Schlamm einfach immer wieder nachrutschen würde. Also müsste man einen riesigen Aufwand betreiben, um durch einen See eine Fahrrinne zu bauen.

Ein weiterer Punkt sind die Menschen, die auf dem Land leben, auf dem nun ein Kanal gebaut werden soll. Zum Beispiel am Punta Gorda, einen kleinen Fluss im Osten des Landes. Hier wurde vor 15 Jahren der Regenwald gerodet, um Feldern und Fincas (Bauernhöfen) Platz zu machen.

Nun leben Menschen hier, die nichts anderes haben, als das Land auf das sie leben, was sie ernährt. Der Kanal soll in der Zukunft höchstwahrscheinlich einen Teil lang der Route des Punta Gorda folgen.

Die Bauern am Fluss wollen das aber nicht einfach über sich ergehen lassen. Sie haben in den letzten Jahre ihre Existenz hier aufgebaut und nun bekommen sie (wenn überhaupt) einen sehr geringen Preis für ihr Land, das teilweise ein Vielfaches wert ist. Sie müssen weichen, wie auch viele andere Bauern im Umfeld von Nueva Guinea. Deswegen haben sich viele Kanalgegner zu der Kundgebung versammelt.

Fast eine halbe Stunde lang stehe ich am Straßenrand und sehe dem Zug zu. Mitlaufen wäre für mich eine schlechte Idee, die Einmischung ausländischer Gäste, auch „Cheles“ (Weiße) genannt, wird nicht gerne gesehen, da hat man während der Contra-Kriege in den 80ern schlechte Erfahrungen gemacht.

Und so stehe ich nur an der Seite und beobachte die verschiedenen Gruppen der verschiedenen Gegenden an mir vorbeiziehen, Ometepe, die Vulkaninsel im Nicaragua-See, Bauern aus Punta-Gorda und aus Nueva Guinea, zwischendurch geht mal ein Knall los, man singt „No al Canal“ („Nein zum Kanal“, ein umgedichtetes Lied), ruft „No a los chinos“ („Nein zu den Chinesen“) oder sprüht Parolen an die Wände mancher Häuser.

Es ist eine friedliche Demo und bleibt auch eine solche. Das ist nicht selbstverständlich, wurden doch in der Vergangenheit, ohne gesetzliche Legitimation, Proteste oder Demos aufgehalten. So wurde Ende Oktober die Stadt komplett von der Polizei abgeriegelt, als ein Zug aus Bauern nach Managua zu Protestkundgebungen wollten. Polizeikräfte versuchten, die Bauern aufzuhalten, die allerdings hartnäckig blieben – und so lenkte die Polizei doch irgendwann ein.

Draußen vor der Stadt saßen meine Mitfreiwilligen und ich gute zwei Stunden im Bus. Weiterfahren war wegen der Blockade nicht möglich. Diese Blockade war damals ohne gesetzliche Grundlage unternommen worden. Seit neustem gibt es allerdings theoretisch eine Legitimation, dass die Regierung jeglichen Protest gegen den Kanal unterdrücken oder dagegen vorgehen kann. Somit hat man ein Werkzeug gefunden, den Protesten im eigenen Land Einhalt zu gebieten und hofft nun in der Hauptstadt Managua, dass der Kanal kommt.

Im Gesetz 840, der rechtlichen Grundlage des Verkaufs, steht nämlich auch, dass allein das Land Nicaragua haftet, wenn es aus welchem Grund auch immer nicht zum Bau des Kanales kommen sollte.

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erstellt am 25.Jul.2016 | 16:52 Uhr

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