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Ostholsteiner Anzeiger

10. Dezember 2016 | 07:58 Uhr

Eutin : Im Zweifel für den Angeklagten

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Ein Raub in der Rossmann-Filiale am Markt gibt Rätsel auf . Die Beweismittel sind unergiebig

„Es ist nicht zu klären, welche Mutmaßungen man haben könnte“, sagte Richter Otto Witt gestern zum Abschluss seines Urteils, „es ist zu klären, was man juristisch nachweisen kann“. Auf der Anklagebank vor dem Amtsrichter saß ein 26-Jähriger. Ob dieser sich tatsächlich des Diebstahls schuldig gemacht hatte, blieb bis zuletzt unklar.

Gemeinsam mit zwei weiteren Männern soll der gebürtige Armenier Mitte Juli in der Eutiner Rossmann-Filiale am Markt Produkte im Wert von rund 400 Euro gestohlen haben. Ein Großteil des Diebesguts bestand aus Kosmetikartikeln. Kamera-Aufzeichnungen des Drogeriemarktes hatten den Diebstahl festgehalten. Über seinen Rechtsanwalt ließ der auf einen Dolmetscher angewiesene Asylbewerber mitteilen, dass er nichts gestohlen habe. Gleichwohl gab er zu, die beiden Männer auf den Videoaufzeichnungen der Drogerie-Filiale zu kennen. Zu ihren Namen wollte der Beschuldigte aber keine Angaben machen. So habe er die Bekannten am Tat-Tag auf dem Eutiner Markt getroffen und sie in die Drogerie-Filiale begleitet. Weitere Informationen gab der Angeklagte zum mutmaßlichen Tathergang nicht ab.

Eine Polizeibeamtin, die für die Aufnahme der Anzeige am Folgetag des Diebstahls zuständig war, äußerte sich im Zeugenstand: „Wir haben das Bildmaterial bekommen und daraufhin eine Anzeige geschrieben.“ Die Beamtin erinnerte sich dabei an den Bericht einer Rossmann-Angestellten: „Sie sagte, sie habe die Personen nochmal gesehen.“ So habe die Drogerie-Angestellte die verdächtigen Männer bereits eine Woche vor der Tat in dem Geschäft und ein weiteres Mal kurz danach zufällig in der Stadt gesichtet und wiedererkannt. Auf die Frage Otto Witts an die Polizistin, ob die Aussagen der Mitarbeiterin auf eigenen Beobachtungen basierten oder lediglich die Auswertung des Bildmaterials waren, konnte die Zeugin keine konkrete Antwort geben: „Ich kann es nicht sagen, ich erinnere mich nicht genau.“

Doch die Frage, ob die Mitarbeiterin die verdächtigen Männer selbst bei der Tat beobachtet hatte oder sie sich nur auf die Kameraaufnahmen berief, sei für das Urteil entscheidend, befand Witt. Denn das Material der Überwachungskamera zeige nicht eindeutig, dass die drei Männer in der Drogerie-Filiale miteinander gesprochen oder irgendetwas ausgetauscht hätten. Somit sei das Bildmaterial nicht ausreichend, um die Schuld oder Unschuld des Angeklagten zweifelsfrei feststellen zu können. Allein die Beobachtungen der Rossmann-Mitarbeiterin könnten Klarheit bringen, so Witt. Um „prozessökonomisch“ zu handeln, zögerte der Richter nicht lange und bat die Anwesenden im Gerichtssaal um ihr Einverständnis, in der Rossmann-Filiale anzurufen und die betreffende Mitarbeiterin direkt danach zu befragen. Nach wenigen Minuten kehrte Witt in den Gerichtssaal zurück und berichtete von seinem Telefonat mit der Zeugin. So habe diese erklärt, dass sie vor Ort keine persönlichen Beobachtungen zum Tatzeitpunkt gemacht habe, sondern lediglich anschließend das Bildmaterial gesehen habe, resümmierte Witt – „damit ist die Zeugin keine Tatzeugin.“ Weil dem Angeklagten eine Tatbeteiligung demnach nicht nachzuweisen war, sprach ihn Richter Otto Witt unter Berufung auf die allgemeine Unschuldsvermutung – „im Zweifel für den Angeklagten“ – frei.

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erstellt am 20.Okt.2016 | 04:30 Uhr

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