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Ostholsteiner Anzeiger

09. Dezember 2016 | 05:07 Uhr

Hühnerfüße und Raupen zum Abendessen

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Es ist eine Zeitlang her, dass sich der Malenter Finn Ewert aus Südafrika gemeldet hat. Der Grund: „Wir hatten zwischenzeitlich mit einigen unvorhergesehen Problemen zu kämpfen. Unsere erste Gastfamilie hatte uns kurzfristig mitgeteilt, den Vertrag mit unserer Organisation nicht weiter zu verlängern. Daraufhin folgten ein Hin und Her bezüglich der Unterkünfte.

Teilweise wurden wir sogar von der Arbeit freigestellt, weil so schnell keine Unterkunft in der Nähe gefunden werden konnte. Erschwerend kam dazu, dass unser Mentor in dieser Zeit nach Kapstadt gezogen ist. Das habe ich mir alles ein wenig anders vorgestellt.

Seit drei Monaten lebe ich aber in einer sehr netten neuen Gastfamilie und die Situation hat sich beruhigt. Jetzt freue ich mich aber auch schon wieder auf Deutschland.“

Und Finn Ewert berichtet weiter:

„Wenn Du mit einem Menschen in einer Sprache sprichst, die er versteht, dann erreicht das seinen Kopf. Wenn Du aber in seiner Sprache sprichst, dann erreicht das sein Herz.“ Dieses Zitat von Nelson Mandela stimmt genau mit meinen Erfahrungen in Südafrika überein, einem Land mit elf offiziellen Landessprachen. In Mamelodi, wo ich lebe, wird hauptsächlich Nord-Sotho gesprochen. Wenn ich auf Leute zugehe und sie in ihrer Sprache anspreche, sind sie in der Regel viel offener, als wenn ich Englisch spreche. Viele sind überrascht, dass sich ein Lekgowa (Nord-Sotho für Weiße Person) in ihrer Sprache verständigen kann. Es zaubert häufig ein freundliches Lächeln in ihr Gesicht.

Meine Sprachkenntnisse verdanke ich meiner neuen Gastfamilie. Seit drei Monaten bin ich ein Teil der Familie Seakamela. Mein Gastvater ist Polizist, seine Frau kümmert sich um den Haushalt. Ihre Kinder sind beide schon aus dem Haus. Der Sohn arbeitet auch bei der Polizei. Die Tochter studiert Jura in Grahamstown bei Port Elizabeth.

Neben mir lebt noch Katlego Mphulo im Haus, seine Eltern sind mit Seakamelas befreundet. Er arbeitet in einer lokalen Klinik und spielt, wie viele schwarze Südafrikaner, in seiner Freizeit leidenschaftlich gerne Fußball. Sein Traum ist es, irgendwann in einer europäischen Mannschaft spielen zu können.

Trotz der großen kulturellen Unterschiede fühle ich mich in meiner Gastfamilie sehr wohl. Inzwischen habe ich mich auch schon an kulinarische Spezialitäten wie Maotwana (Hühnerfüße) und Masonja (Mopane-Würmer) gewöhnt. Die Hauptmahlzeit des Tages wird am Abend gegessen. Was bei eigentlich keiner Mahlzeit fehlen darf, ist Pap, ein fest gekochter Brei aus Maismehl. Dazu gibt es Fleisch, meist Hähnchen, und manchmal auch Gemüse, vor allem Butternut-Kürbis oder Spinat.

Das Essen wird immer fertig auf dem Teller serviert. Nur selten gibt es Besteck dazu. Der Südafrikaner nutzt das Besteck, das ihm von Gott gegeben wurde – seine Hände. Mit dem Pap wird die Soße aufgenommen.

Zugegeben: Manchmal vermisse ich das Essen aus Deutschland. Zum Glück habe ich einen deutschen Bäcker und einen deutschen Metzger in Pretoria gefunden. Es ist so eine Art Tradition geworden, dass ich samstags zu dem Bäcker fahre und zwei krosse Brötchen mit Marmelade und Honig, ein Schokoladen-Croissant und dazu einen Kaffee bestelle. Ein Stück Heimat in Pretoria.

Meine Gasteltern behandeln mich wie ihren eigenen Sohn. Unsere Nachbarn waren anfänglich noch erstaunt, was ein „weißer Mann“ in dieser Gegend macht. Ich habe viele überraschte und neugierige, aber auch skeptische und misstrauische Blicke geerntet.

Ein paar kleine Jungen waren fest davon überzeugt, dass ich ein Albino sein müsse. Eigentlich ist es sehr schade, dass es immer noch viele Vorbehalte in den einzelnen Bevölkerungsgruppen Südafrikas gibt. Viele Weiße Südafrikaner würden niemals ein Township betreten, obwohl diese seit dem Ende der Apartheid deutlich an Lebensqualität gewonnen haben.

Häufig werden mit Townships eine hohe Kriminalitätsrate und eine schlechte technische und soziale Infrastruktur verbunden. Seit einigen Jahren lässt sich das aber nicht mehr so einfach verallgemeinern. Wer sich vorstellt, dass in den Townships nur Wellblechhütten stehen, der irrt.

Die meisten Häuser in Mamelodi sind aus Stein. Es gibt aber auch Gegenden mit sogenannten Squatter Camps, die hauptsächlich durch illegale Einwanderer bewohnt werden. Hier wird man auf der Suche nach Wellblechhütten fündig.

Ein Regierungsprogramm verspricht Südafrikanern, die umgerechnet weniger als 250 Euro im Monat verdienen und nur eine Wellblechhütte bewohnen, ein kostenloses einfaches Haus. Diese sogenannten RDP-Häuser sind an die Strom- und Wasserversorgung angeschlossen. Unter anderem wegen der Korruption schreitet dieses Projekt leider nur langsam voran.

Viele meiner Freunde und Bekannten aus Südafrika denken, Mamelodi sei für einen Weißen zu gefährlich. In der Tat falle ich mit meiner hellen Hautfarbe und meinen blonden Haaren hier sehr auf. Um gefährliche Situationen zu vermeiden, haben alle Freiwilligen in dem ersten Monat in Südafrika einen lokalen Sicherheitsplan erstellt. In diesem haben wir uns Verhaltensregeln für den Alltag notiert, aber auch wie damit konkret umzugehen ist, wenn wir uns bereits in einer brenzligen Lage befinden.

Es ist zum Beispiel nicht ratsam, nach Einbruch der Dunkelheit noch alleine durch die Gegend zu laufen. Auch sollte man sich nicht wehren, wenn man mit einer Waffe bedroht wird.

Es ist gut, auf bestimmte Situationen vorbereitet zu sein und im Alltag nicht nachlässig zu werden, trotzdem sollte die Angst nicht überhand nehmen. Mir wurde in meiner Zeit in Südafrika noch nichts gestohlen und ich wurde auch nicht überfallen. Da ich hier lebe und nicht nur als Tourist hier bin, genieße ich den Schutz der Gemeinschaft. Das gibt mir Sicherheit.

Da mein Jahr hier leider schon bald zu Ende geht, muss ich anfangen Abschied zu nehmen. Vielfältigste menschliche, kulturelle und berufliche Erfahrungen sowie die wunderschöne Landschaft und schöne Reisen haben mein Leben so bereichert, dass ich jedem wünsche, ähnliche Erfahrungen machen zu dürfen. Ich freue mich aber auch schon darauf, meine Familie und Freunde in Deutschland wiederzusehen.

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erstellt am 31.Aug.2016 | 12:31 Uhr

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