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Ostholsteiner Anzeiger

03. Dezember 2016 | 22:49 Uhr

„Hohe kriminelle Energie“

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

23-Jähriger bestahl für Spielsucht seine Urgroßeltern und fälschte Urkunden / Fall jetzt vor Gericht

Recht kreativ zeigte sich ein 23-jähriger berufsloser Mann aus Schwentinental im Kreis Plön bei der Geldbeschaffung für die Finanzierung seiner Spielsucht. Wegen schweren Diebstahls, gewerbsmäßigen Betruges und Urkundenfälschung hatte er sich jetzt vor dem Plöner Schöffengericht zu verantworten.

Mit einer Freiheitsstrafe von 22 Monaten ahndete das Gericht die Vergehen. Das uneingeschränkte Geständnis und eine günstige Sozialprognose bewahren den Verurteilten zunächst vor einer Ver-
büßung der Strafe – das Gericht setzte sie unter Auflagen für die Dauer von drei Jahren zur Bewährung aus.

Sechs Einträge in seinem Vorstrafenregister zeigten, dass der Angeklagte schon früh mit dem Gesetz in Konflikt geraten war. Allerdings durften diese Voreintragungen bei der jetzigen Urteilsfindung nicht berücksichtigt werden, da diese Straftaten nach Jugendrecht abgeurteilt worden waren. Bis heute hat es der Verurteilte, der bei seinen Urgroßeltern aufgewachsen ist, nicht geschafft, sicheren Schrittes ins Leben zu treten. Mehrere Praktika konnten ihn bisher nicht bewegen, eine Berufsausbildung zu beginnen. Stattdessen nutzte er seine nicht unerhebliche Intelligenz, seinen Lebensunterhalt und die Spielsucht durch Straftaten zu bestreiten. Dabei schreckte er auch nicht davor zurück, immer wieder die eigenen Urgroßeltern zu bestehlen, die ihn ja aufgezogen hatten.

Auch der Rauswurf aus deren Haus hielt den Angeklagten nicht von weiteren Diebstählen ab. Mit einem Nachschlüssel verschaffte er sich Zugang, und als die Tür mit einem Riegel zusätzlich gesichert wurde, nutzte er die Demenz der Urgroßmutter, die ihn, für den Urgroßvater unbemerkt, in sein ehemaliges Kinderzimmer einließ. Hier wartete der Angeklagte das Einschlafen der Urgroßeltern ab, um dann das Portemonnaie des Urgroßvaters aus dem Nachtschrank zu entwenden. Dabei half diesem auch nicht, dass er die Geldbörse in einer Bauchtasche verwahrte, mit der er sich schlafen legte oder sich mit einem Schal ums Bein band. Der Angeklagte hatte diese „Sicherungsmaßnahmen“ aus seinem Versteck beobachtet und den Urgroßvater mit einem fingierten Telefonat aus dem Schlafzimmer gelockt, um sich dann die abgelegte Geldbörse anzueignen. Für weitere „Geldeingänge“ nutzte er das Internet. Über Suchmaschinen ließ er Versandhändler ausfiltern, die auf Rechnung versandten. Zunächst unter den eigenen, dann unter den Personalien der Urgroßeltern, bestellte er Waren, die er sofort mit Preisnachlässen wieder verkaufte. Als die realen Personaldaten bei der Schufa „verbrannt“ waren, änderte er seine eigenen geringfügig ab, um die EDV-Systeme der Händler und der Schufa zu überlisten. In Verkaufsplattformen bot er Gegenstände an, die er nach Eingang der Bezahlung nicht liefern konnte, weil er sie gar nicht besaß. Paketzusteller fing er vor dem Haus der Urgroßeltern ab.

Recht findig auch der Trick mit Überweisungsträgern: Wieder aus dem Internet holte er sich Firmenadressen und deren Bankverbindungen. Dann versah er Überweisungsträger mit den Adressdaten zweier Firmen, die sich angebliche Zahlungen überwiesen, setzte aber als Konto das eigene ein. Auch hier dauerte es einige Zeit, ehe den betroffenen Firmen die Betrugsmanöver auffielen. Der Gerichtsvorsitzende sprach dann auch bei diesen Vorgängen um Fälle „höherer krimineller Energie“.

Als Bewährungsauflage verfügte das Gericht eine stationäre Suchttherapie, Arbeitsauflagen und ein Verbot, sich dem Haus der Urgroßeltern weniger als 300 Meter zu nähern.

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erstellt am 20.Okt.2016 | 15:37 Uhr

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