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Ostholsteiner Anzeiger

02. Dezember 2016 | 21:11 Uhr

„Hier hat das Schicksal es leider anders gewollt“

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Martin P. konnte seine Tränen nicht mehr zurückhalten. Nur wenige Sekunden, nachdem der 38-Jährige im Zeugenstand Platz genommen hatte, sackte er in sich zusammen und weinte. Denn der Neustädter sollte gestern vor Gericht jenen Autounfall vom 6. Juni 2016 schildern, der das Leben seiner Familie binnen eines Wimpernschlags von Grund auf verändert hat. Die Anklage gegen Unfallverursacher Michael K. lautete: fahrlässige Körperverletzung. Richter Otto Witt ließ diesen Vorwurf jedoch fallen und verurteilte Michael K. zu 300 Euro Bußgeld.

Am Unfall-Tag gegen 20.45 Uhr war Martin P. gemeinsam mit seiner Frau Susanne und der Tochter auf der A  1 Richtung Neustadt unterwegs. In ihrem BMW fuhr die Familie mit etwa 160 Kilometern pro Stunde auf der Überholspur, als der Audi von Michael K. auf der rechten Spur plötzlich nach links ausscherte. „Wir waren auf gleicher Höhe“, berichtete Martin P., „ich bin in Richtung Leitplanke ausgewichen“. Nachdem P. einige Meter auf dem Grünstreifen gefahren sei, lenkte er wieder zurück auf seine Spur, verlor dabei aber die Kontrolle über seinen Wagen. Der BMW kollidierte mit dem Audi, überschlug sich mehrmals, schoss quer über die Fahrbahn und kam auf einem Feld zum Stehen. Auch der Wagen von Michael K. landete neben der A  1.

Martin P. trug durch den Unfall eine Gehirnerschütterung, Rippenbrüche und Prellungen davon. Während seine Tochter weitestgehend unverletzt blieb, erlitt seine Frau mit einem Querschnitt des Rückenmarks und Frakturen des Schädelknochens schwerste Verletzungen. Zwei Monate lang wurde sie stationär behandelt. Michael K. und seine schwangere Frau trugen lediglich Prellungen davon.

„Ich wollte nicht überholen, wir waren ja kurz vor unserer Ausfahrt“, erklärte der Angeklagte, „aber ich kann nicht ausschließen, mit dem Wagen ein Stück auf die Überholspur geraten zu sein.“ Möglicherweise, räumte Michael K. ein, sei er im Gespräch mit seiner Frau abgelenkt gewesen. „Es ging alles so schnell. Der andere Wagen hat uns hinten links getroffen, wir sind ins Schleudern geraten und ich habe das Lenkrad ganz fest gehalten.“ Dass Susanne P. durch den Unfall derartig schwer verletzt wurde, habe er erst viel später erfahren. „Haben Sie versucht, Kontakt zu der Familie aufzunehmen?“, fragte Richter Otto Witt den 32-Jährige n. „Nein“, erklärte Michael K., „ich hatte Angst, dass sie meine Entschuldigung nicht annehmen.“ Witt bekundete Verständnis, fügte aber hinzu: „Aus meiner langjährigen Erfahrung weiß ich, dass 80 Prozent der Geschädigten darauf warten, dass sich der andere meldet.“

Gestützt durch ihren Mann betrat Susanne P. den Gerichtssaal. Das Gehen fiel der 40-Jährigen sichtlich schwer. Auf Otto Witts Frage nach ihrem Befinden antwortete die Medizinerin: „Wenn man überlegt, welchen Weg ich hinter mir habe, geht es mir soweit gut.“ Susanne P. berichtete von dauerhaften Schmerzen infolge der Operationen am Kopf und Verschraubungen an der Halswirbelsäule. Die Kraft ihrer Beine sei um 80 Prozent, in der linken Hand um 50 Prozent gemindert. „Ich stoße zehn, zwanzig Mal am Tag an meine Grenzen“, sagte die Ärztin. Seit dem Unfall ist Susanne P. schwerbehindert, wird zeitlebens nicht wieder in ihren Beruf im Krankenhaus zurückkehren können, erklärte sie.

„Es tut mir leid, dass dieser schreckliche Unfall geschehen ist. Es tut mir leid, dass ich nicht aufgepasst habe“, beteuerte Michael K. den Geschädigten. Susanne K. wünsche er „gute Genesung und alles Beste auf der Welt.“ Ohne ein Wort des Grams oder der Schuldzuweisung nahmen Susanne und Martin P. die Entschuldigung des Angeklagten an. „Diese Größe hätte nicht jeder gehabt“, würdigte Otto Witt abschließend die Reaktion des Ehepaars. Außerdem sei die Entschuldigung des sichtlich angegriffenen Michael K. glaubhaft gewesen, befand der Richter.

Darum verurteilte das Gericht Michael K. zu einer Geldbuße. Der Angeklagte habe in einem Augenblick der Unachtsamkeit einen Fehler gemacht, begründete Witt sein Urteil, „der jedem von uns passieren kann.“ Normalerweise hätten solche Fehler keine wesentlichen Folgen, „hier hat das Schicksal es leider anders gewollt.“ Das, was die Familie und Frau P. womöglich ein Leben lang zu verkraften habe, sagte Otto Witt, sei „ganz ganz bitter“.

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erstellt am 23.Nov.2016 | 12:52 Uhr

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