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Ostholsteiner Anzeiger

29. September 2016 | 15:33 Uhr

Eutin : Geschenkt und restauriert

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Einschusslöcher entdeckt der Kieler Restaurator sonst eher selten bei seiner Arbeit. Dank Fielmann AG wurde Schenkung möglich

Museumsleiterin Dr. Julia Hümme strahlte, als sie die vier restaurierten Werke für ihre Ausstellung im Ostholsteinmuseum vom Restaurator Jochen Rosehr aus Kiel zurückbekam. „Wir freuen uns ja immer sehr über den Ankauf von Bildern, aber das Besondere in der Zusammenarbeit mit Jürgen Ostwald, Kunsthistoriker der Fielmann AG, ist auch, dass unser Bestand konservatorisch begleitet wird und das ist nicht selbstverständlich“, betonte Hümme.

Die vier Werke hatten es laut Hümme „bitter nötig“. Doch die Museumsleiterin konnte sich nicht nur über die restaurierten Porträts „Otto Hellwag“ und „Henriette Hellwag“ (1873, unbekannter Maler), „Frühling“ von Otto Lindemann (1910) und „Herbststürme“ von César Klein (1933) freuen. Ostwald schenkte ihr gemeinsam mit der hiesigen Niederlassungsleiterin Claudia Freutel im Namen von Professor Günther Fielmann auch ein wiederentdecktes Werk von Gustav Marx. Der Düsseldorfer Maler hatte die Torhäuser in Eutin um 1882 beim Reetdecken gezeichnet: Gänse und Hühner laufen vor dem großen Stallgebäude; das Geschirr zum Anspannen der Pferde hängt an der Mauer; die Remise bekommt gerade neues Reet. Kunsthistoriker Jürgen Ostwald: „Für mich war das nur irgendein Gutshof, aber in der Ecke ganz unten entdeckte ich Eutin.“ Ein kurzes Gespräch mit dem Geschäftsführer der Kulturstiftung des Kreises, Carsten Behnk, habe genügt, um sicher zu sein: „Das ist etwas Besonderes für die Stadt, das brauchen wir.“ Angeboten wurde es für 300 Euro, doch aufgrund eines Mitbieters, „der wohl auch den Wert erahnt habe“, so Ostwald, zahlte er bei der Bremer Auktion ein Vielfaches (vierstelliger Betrag) für das Werk von Marx, der sonst eher für große Reiterporträts bekannt ist. „Jetzt sieht man die Beleuchtungssituation sehr viel besser als vorher“, stellte Behnk fest und scherzte, „es hätte genauso gut vor drei Monaten gemalt werden können“. Restaurator Jochen Rosehr hatte eine Fehlstelle im Dachbereich ausgebessert, den Rest des Bildes gesäubert.

Deutlich mehr Arbeit hatte der Restaurator mit den beiden Porträts „Otto und Henriette Hellwag“. „Bei einer Reinigungsprobe habe ich festgestellt, dass der gesamte Hintergrund und auch das Gesicht übermalt sind“, sagte Rosehr. Er nahm die Schichten vorsichtig ab und entdeckte zwei Einschusslöcher links und rechts neben dem Kopf des Mannes. „Das ist schon eine Überraschung.“ Die Vermutung: Offiziere haben in feuchtfröhlichen Runden versucht, das Porträt zu treffen. Die Löcher wurden – unüblich für Kunstwerke – mit Autospachtel verfüllt, die die notwendige Elastizität für eine Leinwand nicht haben. „Normalerweise setzt man ein Leinwandstück ein und glättet es dann“, sagte Rosehr. Er arbeitete alles nach, von den Einschusslöchern zeugt nun nur noch die Rückseite. Auch bei „Henriette Hellwag“ habe es zahlreiche Übermalungen gegeben, die im Laufe der Jahre immer dunkler wurden, weil die Öle und Harze verbräunen, so der Restaurator. Hümme: „Das Einzige, das bei den beiden Bildern nicht zu retten war, waren die dunklen Originalrahmen.“ Sie ersetzte Rosehr durch goldfarbene Biedermeier-Repliken.

Besonders stolz zeigte sich Hümme über den Besitz des restaurierten Werkes „Herbststürme“ von César Klein. „Das Werk haben wir nach unserer Ausstellung 2014 aus Privatbesitz geschenkt bekommen. Es ist ein Schlüsselwerk des Künstlers, der seit 1937 als ,entartet‘ gilt“, sagte Hümme. Schon 1933 habe er geahnt, welcher Wind ihm und anderen aus der braunen Richtung entgegenschlage.

Das Werk wurde vom Künstler auf eine Holzfaserplatte gemalt, die erst seit dem frühen 20. Jahrhundert produziert wird. Rosehr: „Das musste ich erst einmal herausbekommen. Der Nachteil des Untergrunds ist, dass es sehr instabil und weich ist und das Werk durch den saugenden Untergrund unheimlich trocken und stumpf war.“ Um das Bild nicht zu beschädigen, reinigte Rosehr nur trocken. Der Rahmen, selbst vom Maler zusammengezimmert, wurde als Teil des Bildes erhalten. „Das Ergebnis ist wirklich großartig. Es ist eines unserer bedeutendsten Werke im Haus“, sagte Hümme. Auch Kunsthistoriker Ostwald zeigte sich freudig überrascht, dass ein auf dem Markt doch fast im sechsstelligen Bereich gehandeltes Werk Kleins als Geschenk den Weg ins Museum fand. Ihm als Kunsthistoriker, der im Auftrag der Fielmann AG gerade kleineren Museen hilft, die keinen eigenen Etat für Restaurierungen haben, sei es ein Anliegen, auch den Bestand zu erhalten.

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erstellt am 18.Feb.2016 | 04:31 Uhr

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